
von Friedemann Horn (1921-1999)
Einer der eigenartigsten und begabtesten Menschen, die je gelebt haben, ist 1688 in Stockholm geboren worden: Emanuel Swedenborg. Sein unvergleichliches Schicksal war es, daß er im Zeitalter der Vernunft aus einem berühmten Naturforscher zu einem Seher und Künder geistiger Welten und Wahrheiten wurde.
Da konnte es nicht ausbleiben, daß das Urteil über ihn bis heute schwankt: Die einen halten ihn für einen der größten Geister, die je gelebt haben, die anderen begrenzen seine Größe auf die drei Jahrzehnte seiner Forschertätigkeit und meinen, danach sei er leider dem Wahn verfallen. Wieder andere schwankten in ihrer Ansicht über ihn, so z.B. Immanuel Kant. Bezeichnenderweise steht dessen negatives Urteil über Swedenborg im Vordergrund; es liegt bis heute wie ein mächtiger Schatten auf ihm. Seine positiven Äußerungen über Swedenborg werden kaum zur Kenntnis genommen.
Nun, derselbe Kant, gegen dessen negatives Urteil es keine Berufung zu geben scheint, hat selbst nie das Bestehen einer geistigen Welt und eines Fortlebens nach dem Tode geleugnet, wie diejenigen ohne weiteres annehmen, die sich bei ihrer Kritik des Sehers auf ihn berufen. Er hat nur geleugnet, daß der Mensch Kontakt mit ihr haben könne, »solange er im Leibe lebt.« Und da irrte er wohl.
Wer war Swedenborg, dem eine wissenschaftliche Untersuchung der Stanford-University (Guiness-Buch der Weltrekorde, amerikanische Ausgabe von 1976, S. 50) – zusammen mit Goethe – den unglaublichen Intelligenzquotienten von »über 200« zuschrieb?
Jesper Swedberg, Hofprediger Sr. Majestät König Karls XI., als Theologieprofessor und Bischof später unter dem Namen Swedenborg geadelt, war der Vater, Sara Behm, Tochter eines reichen Minenbesitzers, die Mutter. Wo immer sich Gelegenheit bot, zog dieser bedeutende Kirchenmann gegen den »Nur-Glauben« oder »Kopf-Glauben« zu Felde, der damals in einseitiger Auslegung der lutherischen Rechtfertigungslehre als orthodox galt. Auf Emanuel wirkte die schlichte Frömmigkeit der Eltern als unvergeßliches Vorbild.
Als Student in Uppsala interessierten ihn mehr und mehr die damals aufblühenden Naturwissenschaften. Das Hauptzentrum der Forschung war London, und so zog es ihn nach Abschluß seiner heimatlichen Studien mächtig dorthin. Die Reise im April 1710 war bei der verworrenen politischen Lage gefährlich, wie sein Reisetagebuch zeigt. Viermal war er in Lebensgefahr, das letzte Abenteuer hinterließ ein uneingestandenes Trauma. Swedenborg schreibt nüchtern:
»Bald darauf war ich in London in einer noch viel größeren Gefahr; denn einige Schweden, die sich unserem Schiff in einer Yacht genähert hatten, überredeten mich, mit ihnen zur Stadt zu segeln, obgleich alle an Bord bleiben sollten, weil sich die Nachricht verbreitet hatte, in Schweden sei die Pest ausgebrochen. Da ich die Quarantäne nicht beachtete, forschte man nach. – Doch ich entkam dem Strang.«
Eifer und Ehrgeiz hatten ihn in diese gefährliche Lage gebracht. Er verschweigt, daß nur mitgeführte Empfehlungsschreiben ihn vor dem Tod bewahrten. In diesem traumatischen Erlebnis liegt der Schlüssel zu einem anderen, 34 Jahre späteren Erlebnis, das seinem Leben eine radikale Wendung geben sollte, weg vom wissenschaftlichen Ehrgeiz und europäischen Ruhm, hin zur demütigen Bereitschaft, sein ferneres Leben in den Dienst Gottes zu stellen.
In London kam er bald in engen Kontakt mit den Mitgliedern der »Royal Society«. Weitere Stationen des fünfjährigen Auslandsstudiums waren Leyden, Paris und Greifswald. Überall erregte der junge Schwede in den gelehrten Kreisen Aufsehen als selbständiger Denker, der bald über die ganze Breite des Wissens seiner Zeit verfügte und schöpferisch damit umzugehen wußte. Für die noch recht unentwickelte Forschung im heimischen Schweden wurde er zum wichtigen Verbindungsmann und Wissens-Mittler.
Als er im Jahre 1715 heimkehrte, legte er eine lange Liste von Erfindungen bzw. Entwürfen vor, so Pläne für ein schwedisches Observatorium, für neuartige Pumpen, Öfen und dergleichen, aber auch für ein Unterseeboot und eine Flugmaschine. Ein 1897 danach gebautes Modell ist nachweislich wie ein Segelgleiter geflogen! Nicht weniger außergewöhnlich ist der Entwurf zu einer »Methode, die Neigungen des Gemüts zu erforschen«, ein Vorläufer der Psychoanalyse.
Das Land ist durch den verlorenen Krieg verarmt, Swedenborg kann froh sein, daß der kongeniale König ihm die Stelle eines Assistenten seines Hofmechanikus Polhem verschafft und ihn wenig später zum Assessor extraordinarius an der Bergbaubehörde ernennt. Nächtelang diskutiert er mit dem König über mathematische und technische Probleme. Als Polhems Assistent gab er die erste wissenschaftliche Zeitschrift Schwedens, den »Dædalus Hyperboreus«, heraus; auch seine Ingenieurskunst kam jetzt zur Geltung. Ein Glanzstück war der Transport einer Flotille von 6 Kriegsschiffen 21 Meilen weit über Land in eine Bucht, um den norwegischen Gegner zu überraschen.
Karl XII. fiel in diesem Kriege. Swedenborg verlor in ihm einen Freund. Auf eine angebotene Professur für Mathematik verzichtete er, es blieb ihm das Amt im Bergwerkskollegium. Abgesehen von ausgedehnten Forschungsreisen versah er es während dreier Jahrzehnte.
Aber Swedenborg begnügte sich nicht damit. 1734 erschienen in Leipzig seine dreibändigen »Principia« oder »Uranfänge der natürlichen Dinge«. Vieles darin fasziniert noch heute, entwickelt er doch Anschauungen über die Entstehung der Welt und unseres Sonnensystems, die aufhorchen lassen. Nicht nur nimmt er die Kant und Laplace zugeschriebene Nebulartheorie um Jahrzehnte vorweg, er äußert auch Ansichten über die Entstehung des Universums, die an Gedanken heutiger Forscher erinnern, denen zufolge der »Urknall« möglicherweise nicht durch die Explosion einer uranfänglichen riesigen Materie-Masse, sondern aus einem »Punkt« heraus erfolgt sei. Swedenborg überschreibt das entsprechende Kapitel: »Philosophische Überlegungen über ... den ersten natürlichen Punkt und seine Entstehung aus dem Unendlichen.« Der große schwedische Astronom Prof. Magnus Nyren urteilt:
»Man kann nicht leugnen, daß der wesentliche Teil der Nebulartheorie ... zuerst von Swedenborg zum Ausdruck gebracht wurde ... Ferner sollte beachtet werden, daß er seiner Theorie wahrscheinlich die rich tigste Form gegeben hat.«
Später wandte sich Swedenborg der Anatomie und Hirnphysiologie zu. Ihn interessierte vor allem das Zusammenwirken von Leib und Seele, eine alte, bis heute ungelöste Frage. Dabei nahm er zahlreiche neuzeitliche Entdeckungen vorweg. Vor dem Hintergrund entsprechender Entdeckungen der jüngsten Zeit wirkt z.B. seine Behauptung sensationell, linke und rechte Hirnhälfte hätten unterschiedliche Funktionen, die linke eine mehr analytisch-rationale, die rechte eine mehr synthetisch-gefühlsmäßige.
Namhafte heutige Hirnforscher, wie der Gießener Professor Hugo Spatz und der Zürcher Professor Konrad Akert, haben sich bewundernd über Swedenborgs Leistung als Hirnforscher geäußert. Akert hebt in einem 1962 veröffentlichten Aufsatz über »Swedenborg und seine Beiträge zur Neurologie« die Bedeutung von dessen Arbeit hervor und meint, es seien vor allem auch »die bewundernswerten Vorwegnahmen zahlreicher Ideen, die den heutigen Leser verblüffen.«
Das Ziel aber, das sich Swedenborg bei dieser Arbeit gesetzt hatte, blieb in weiter Ferne: Hatte er anfänglich gemeint, wenn man nur den Körper und besonders das Gehirn genau genug untersuche, müsse man schließlich auf die Seele stoßen, so erkannte er nun, wie unrealistisch das war, weil sich Seele und Körper qualitativ radikal unterscheiden, Bewußtsein und Stoff verschiedene Bereiche der einen unteilbaren Wirklichkeit darstellen. Damals formt sich in ihm umrißartig seine spätere Lehre von den getrennten Graden des Seins, zwischen denen es statt allmählicher Übergänge nur »Entsprechungen« gibt. Diese Erkenntnis bedeutet letztlich eine Reduzierung der wissenschaftlichen Forschung auf einen bloßen Ausschnitt der Wirklichkeit. Sie stürzt Swedenborg in eine Krise, die schließlich zu dem führt, was die einen als einen paranoiden Schub, die anderen als seine göttliche Berufung zum Amt eines Sehers und Künders ewiger Wahrheiten bezeichnen. Er selbst weiß nur zu gut, was er auf sich nimmt.
Nachdem er als ein wahrer Polyhistor rund 150 naturwissenschaftliche und philosophische Arbeiten veröffentlicht hatte, zog er sich 1747 überraschend von seinem Amt zurück.
Was war geschehen? Gerade erst 59 Jahre alt, erfreute sich Swedenborg bester Gesundheit und Schaffenskraft. Von einem Bedürfnis, sich zurückzuziehen und zu privatisieren keine Spur! Aber der Fehlschlag seiner Bemühungen um eine Lösung des Leib-Seele-Problems hatte ihm die Eitelkeit seines ganzen bisherigen Lebens und Strebens vor Augen geführt. In schweren inneren Kämpfen war ihm klar geworden, daß er selbst das Haupthindernis auf dem Weg zur ersehnten letzten Erkenntnis war. Bewußt wendet er sich dem Glauben wieder zu. In der Osternacht 1744 kommt es zum entscheidenden Durchbruch: Nach schweren Träumen erwacht er und erlebt, wie ihm Gebetsworte in den Mund gelegt werden, und dann,
»lag ich an Seiner Brust und schaute Ihn von Angesicht zu Angesicht. Es war ein Gesicht von solcher Heiligkeit, daß ich es nicht beschreiben kann. Er lächelte, und ich glaube wirklich, daß Sein Gesicht so war während Seines Erdenlebens. Er wandte sich mir zu und fragte, ob ich einen ›Gesundheitspaß‹ habe. Ich antwortete: »O Herr, Du weißt das besser als ich!« worauf Er sagte: »Tue es also!« Dies bedeutete, wie ich verstand: »Liebe mich wirklich« oder: »Tue, was du versprochen hast«.
Wir erinnern uns: 33 Jahre zuvor wäre Swedenborg als Quarantänebrecher um ein Haar gehenkt worden. Jetzt geht es darum, ob er nicht, wenn ihm der Herr den Zugang zur höheren Welt gestattete, dort womöglich die Pest der irdischen Sünde einschleppen würde. Die Antwort Swedenborgs zeigt, daß er bereit ist, die Entscheidung dem Herrn zu überlassen und sich selbst ganz und gar zurückzunehmen.
Wenig später hört er vom Himmel her die Engelsworte: »Interiorescit, integratur«, er wird verinnerlicht, er wird ganz gemacht. Jeder Tiefenpsychologe muß bei diesen Worten aufhorchen!
Karl Jaspers meinte zwar, Swedenborg sei als Seher »partiell geisteskrank« gewesen, aber der einzige Beweis dafür waren ihm – Swedenborgs Visionen! Hätte Jaspers recht, dann müßten eigentlich alle Visionäre ebenfalls geisteskrank gewesen sein; dazu alle großen Religionsstifter, hat doch keiner von ihnen seine Religion am Schreibtisch ausgedacht, sondern auf Visionen und Offenbarungen gestützt. Verdanken wir unsere Religion Geisteskranken?
Ostern 1744 erfolgte dann die eigentliche Berufung, über die er im Alter von 82 Jahren, zwei Jahre vor seinem Tod, schrieb:
»In der Kraft der Wahrheit bezeuge ich, daß der Herr sich mir, Seinem Diener, geoffenbart und mich zu diesem Dienst ausgesandt hat, daß Er danach das Gesicht meines Geistes öffnete, mich so in die geistige Welt einließ, mir gestattete, die Himmel und Höllen zu sehen und mit Engeln und Geistern zu reden, und zwar unausgesetzt schon viele Jahre hindurch . «
Swedenborg löst sich nun von allen Ämtern und Verpflichtungen, wohl wissend, daß das neue Amt keine Kompromisse duldete. Bezeichnenderweise behält er jedoch das Amt als Vertreter seiner Sippe im Reichstag bei und übt es auch aus, wie eine Reihe von Denkschriften aus den Jahren nach seiner Berufung zum Seher zeigen. Graf Höpken, der schwedische Ministerpräsident dieser Zeit, sagte später, sie hätten zu den besten gehört, die im Reichstag eingereicht worden seien. Das ist wichtig, weil es zeigt, daß das vor allem auf Kant zurückgehende Bild vom »Geisterseher Swedenborg« als eines weltvergessenen Schwärmers korrigiert werden muß, daß er ganz im Gegenteil auch nach seiner Berufung im Vollbesitz seiner Kräfte war und sie zum Nutzen seines Landes einzusetzen wußte. Es war in diesen Jahren, als er einem seiner Werke die Worte voranstellte:
»Alle Religion ist eine Sache des Lebens, und das Leben der Religion besteht im Tun von Gutem«.
Unter diesem Tun verstand er aber nicht die übliche, recht zweifelhafte christliche Mildtätigkeit, sondern die »Nutzwirkung« für den Nächsten, sei dieser nun ein einzelner Mensch, eine größere oder kleinere menschliche Gesellschaft, das Vaterland oder die Kirche. »Nutzwirkung« heißt bei ihm alles Wirken aus dem Streben, »das Gute um des Guten und das Wahre um des Wahren willen zu tun.«
Gewissenhaft bereitet sich Swedenborg auf sein neues Amt vor. Es umfaßt drei Bereiche: 1.) Die Aufdeckung des inneren oder geistigen Sinnes der Heiligen Schrift, der unter ihrem Buchstaben und in ihren Mythen verborgen liegt; 2.) die Schilderung des in der übersinnlichen Schau Gehörten und Gesehenen und 3.) die Neuformulierung der Hauptlehren des christlichen Glaubens.
Er lernt Hebräisch, um das Alte Testament auch im Urtext lesen zu können, arbeitet die Bibel mehrmals durch und beginnt 1747 mit der Herausgabe seines Hauptwerks »Himmlische Geheimnisse im Worte Gottes, die nun enthüllt sind«. Bis 1758 erscheinen 8 dicke Bände.
Vier der wichtigsten Grundsätze, die ihn bei seiner Auslegung leiten, seien angedeutet: 1.) Unsere Heilige Schrift ist nur ein Abbild des » Wortes«, das in den Himmeln besteht. Von dort dringt es unter göttlicher Leitung herab. 2.) Dabei paßt es sich weitgehend dem Zustand der verschiedenen Schreiber an, die es in »Vorbildungen und Entsprechungen«, d. h. in Bildern und Symbolen empfangen und nach ihrem und ihrer Zeitgenossen Verständnis niederschreiben. Darum spiegelt die Bibel immer auch rein menschliche Vorstellungen, »Projektionen«, wie wir heute sagen. 3.) Maßstab für ein sich darüber hinaus erhebendes Bibelverständnis ist Christus, das »fleischgewordene Wort Gottes«. 4.) Die biblischen Bilder sind wie ein Netzwerk, das alle Texte zu einem Ganzen verbindet, gleichgültig, aus welcher Zeit sie stammen. Hierin sah er den Beweis für die Inspiration der Bibel.
Schlägt man irgendein Stichwort in einer Konkordanz nach, etwa »Licht« oder »Wasser«, und vergleicht die aufgeführten Stellen sorgfältig miteinander, so ergibt sich der innere Sinn meist ganz zwanglos; bei den erwähnten Beispielen ist es die Wahrheit auf ihren verschiedenen Stufen. Der jeweilige Zusammenhang zeigt dann die genauere Bedeutung: So kann Wasser die befruchtende Wahrheit darstellen, aber auch – wie etwa in der Sintflut – die vernichtende Wirkung von Wahrheiten, die der Mensch zwar weiß, aber nicht anwendet. Und Licht kann erleuchten, ja Christus selbst nennt sich »das Licht« und nennt auch seine Jünger so, aber Licht kann auch blenden.
Alles in der Schöpfung ist Ausdruck jenes Geistigen und Göttlichen, das es hervorgebracht hat. Darauf beruht die Gleichnis- oder Entsprechungssprache der Bibel und anderer Hl. Schriften. Swedenborg schreibt:
»Alles, was in der Natur entsteht, vom Kleinsten bis zum Größten, ist etwas Entsprechendes, weil die natürliche Welt mit allem, was zu ihr gehört, aus der geistigen Welt heraus entsteht und besteht, und somit beide aus dem Göttlichen.«
Goethe läßt seinen ›Faust‹ mit dieser Einsicht Swedenborgs ausklingen:
»Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis – das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis«,
»hier« meint in der geistigen Welt, in die Faust nun eingeht, und in der alles irdisch – Unzulängliche zu seinem Ursprung zurückkehrt.
Diese auf der Entsprechung zwischen Geist und Stoff beruhende Sprache der Bibel, aber auch anderer inspirierter Schriften, ja der Märchen und Träume, wird neuerdings in der Mythenforschung und in der Tiefenpsychologie wieder entdeckt. Man denke an die großartigen Arbeiten von Karl Kerenyi, Eugen Drewermann und Wolfgang Kretschmer. Letzterer war sich dessen auch bewußt. Er nannte Swedenborg »den klassischen Meister der symbolischen Bibelauslegung in der Neuzeit.« Mit Swedenborg stimmen die Genannten und viele andere darin überein, daß die Bibel in erster Linie »ein Buch der Seele und ihrer Beziehung zu Gott« ist und erst in zweiter Linie ein geschichtliches Zeugnis göttlicher Heilstaten und Frömmigkeitsformen.
Schon während der Arbeit an seinem exegetischen Hauptwerk hat Swedenborg seine zahlreichen Visionen und Auditionen niedergeschrieben, hunderte, tausende von Seiten. 1758 gab er dann jenes Werk heraus, das seinen Ruf als Seher vor allem begründet hat:
»Himmel und Hölle aufgrund von Gehörtem und Gesehenem«. Der Einfluß dieses Werkes auf die Jenseitsvorstellungen der letzten beiden Jahrhunderte war trotz Kants Verdikt groß. So schreibt Jorge Luis Borges im Vorwort zu seinem Sammelwerk »Das Buch von Himmel und Hölle«, in dem er Swedenborg ausführlich zitiert:
»Von Swedenborg an denkt man [was Himmel und Hölle betrifft] in Seelenzuständen und nicht an eine Festsetzung von Belohnungen und Strafen.«
In der Tat, bei Swedenborg wird die Vorstellung, Gott werde die Menschen für ihr irdisches Ve rhalten, bzw. ihren Glauben oder Unglauben belohnen oder bestrafen, abgelöst von einem anderen Gedanken: Der im Lauf des Lebens angenommene Seelenzustand des Menschen, seine Ausrichtung, die er selbst zu verantworten hat, seine »herrschende Liebe«, entscheidet über sein weiteres Schicksal, ist das »Gericht«.
Nicht Gott erhebt in den Himmel oder wirft in die Hölle, es hängt auch nicht vom »rechten Glauben« oder einer entsprechenden Erwählung oder Ve rdammnis ab. Der Mensch selbst wählt sich in der geistigen Welt, wo alle irdischen Schranken fallen, den Platz, der seinem innersten Wesen gemäß ist. Unter Seinesgleichen sucht er seine Grundneigung zu verwirklichen, sei es nun im Himmel oder in der Hölle. Goethe, dieser große Bewunderer Swedenborgs, hat anläßlich von Wielands Tod dieses »Gesellungsprinzip« besonders hervorgehoben.
Aber Swedenborgs Jenseitsschau hat noch andere Besonderheiten: In seinen Augen ist die geistige Welt nichts Abstraktes oder rein Gedankliches. Im Gegenteil, sie ist realer als die materielle Welt, einfach weil der Geist als Bewußtseinsträger realer ist als der Stoff. Oetinger, der bedeutendste der »württembergischen Väter«, hat darum Swedenborgs Schau mit den Worten resümiert, die jenseitige Welt sei »die intensivere Seinsweise«. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Diese Welt bietet ihren Bewohnern unendliche Lebens-und Entfaltungsmöglichkeiten, und sie erfreuen sich in ihren geistigen Leibern auch viel feinerer Sinne, eines viel schärferen Verstandes und intensiveren Gefühlslebens als wir. Damit fällt die Vorstellung einer Auferstehung des Fleisches dahin. Tätigkeit, Ins - Werk-setzen der von Gott empfangenen Liebe und Weisheit, Beitragen zum Gedeihen des Ganzen, ohne ständig, wie wir Irdischen, an Grenzen zu stoßen – das ist die ewige Seligkeit. Gott hat, was man herkömmlicherweise fast als einzige Tätigkeit der Engel betrachtet, ihren unausgesetzten Lobpreis gar nicht nötig. Aber Swedenborgs Engellehre ist auch darin umwälzend neu, daß er die Engel aus dem menschlichen Geschlecht, aus den irdischen »Pflanzschulen des Himmels« hervorgehen läßt. Er sagt:
»Die Engel wollen, daß ich aus ihrem Munde versichere, daß im ganzen Himmel nicht ein Engel ist, der von Anbeginn als solcher erschaffen, noch in der Hölle irgendein Teufel, der als Engel des Lichts erschaffen und hinabgestoßen worden wäre, sondern daß alle, sowohl im Himmel wie in der Hölle, aus dem menschlichen Geschlecht sind.«
Mit alledem fallen viele Einwände gegen die Engel dahin. Engel sind vollkommene Menschen, und wir sollen Engel werden, aber auch die Geister der Finsternis sind nicht die in die Hölle hinabgeworfenen Anhänger des von Gott abtrünnig gewordenen Erzengels Luzifer, sondern Menschen, die die Finsternis mehr liebten als das Licht.
Einer der wichtigsten Tätigkeitsbereiche der Engel besteht Swedenborg zufolge darin, uns Menschen »im Puppenstand«, wie Goethe es nennt, heranzuziehen. Die alte Vorstellung von den »Schutzengeln« ist zweifellos ein Restbestand des alten Wissens der Menschen um die rastlose Tätigkeit und Bedeutung der Engel im Gesamtzusammenhang der Schöpfung, der sichtbaren wie der unsichtbaren.
Ernst Benz schreibt in seiner Swedenborg-Monographie:
»Diese Gedanken stellen die höchste Ve rherrlichung des Menschen in der europäischen Geistesgeschichte dar. Von seinem Christus-Erlebnis her ist für Swedenborg das Menschliche als die personhafte Geistge stalt, die zum Wesen Gottes selbst gehört, zur Urform und zum höch sten Gestaltungsprinzip alles Lebendigen und aller Entwicklung geworden. Es gibt nichts Abstrakt-Geistiges. Geist ist kein formales Prinzip, sondern seinem Wesen nach Leben . . .«
Jesus sagt »Gott ist Geist«. Swedenborg zufolge heißt das zugleich »Gott ist Mensch«, genauer: der Mensch, der absolute Mensch, von dem her wir Menschen sind. Das Argument ist unanfechtbar; es ist das Schöpfungswort: »Gott schuf den Menschen in sein Bild.« Und damit sind wir beim eigentlichen Schwerpunkt von Swedenborgs visionärer Theologie, seiner Gotteslehre. Vor allem seine Anschauungen zur Trinität, zum Wesen Gottes und der Erlösung, verdienen unsere Aufmerksamkeit, sind sie doch eine für die gegenwärtigen schweren Zeiten des Christentums angelegte stille Reserve.
Was die göttliche Trinität betrifft, so hat er nur ihre traditionelle Formulierung bestritten, wonach drei Personen der Gottheit, Vater, Sohn und Heiliger Geist seien, die man zu unterscheiden und gesondert zu verehren habe. Und doch gäbe es nur einen Gott.
Das Wesen Gottes ist Swedenborg zufolge absolute Liebe, wie wir schon sagten. Damit ist klar, daß Swedenborg die Lehre ablehnen mußte, Gottes Sohn habe durch sein »stellvertretendes blutiges Leiden am Kreuz« die Strafe für den Abfall der Menschen auf sich genommen und so Gottes »gerechten Zorn« versöhnt.
Swedenborgs Kritik an der Drei-Personen-Lehre wird heute von den meisten führenden Theologen geteilt. Mögen es auch die seinerzeitigen Verfasser dieser Lehre anders verstanden haben, nach unserem Verständnis sind drei göttliche Personen drei göttliche Iche, nicht eines. Der anglikanische kanadische Theologe John Mackintosh Shaw sagt, was viele meinen, besonders deutlich:
»(Im Zusammenhang mit der Trinitätslehre) sollte man nicht zuviel Nachdruck auf den Terminus ›Person‹ legen, um die drei verschiedenen Stadien von Gottes Heilsoffenbarung zu beschreiben. Der Ausdruck ,drei Personen’ läßt uns heutzutage an drei verschiedene, von einander unabhän gige Individuen denken, und damit hätten wir drei Götter statt einem.«
Die anderen beiden Hauptpunkte von Swedenborgs Theologie, das Wesen Gottes und die Versöhnung betreffend, stoßen bis heute auf Widerstand. Der Gedanke, daß Gott die absolute Liebe ist und Strafen ihm nicht nur, wie Luther sagte, »ein fremdes Werk«, sondern ganz und gar unmöglich ist, geschweige denn, daß er seinen Sohn unschuldig leiden lassen könnte, damit dadurch die Gerechtigkeit wiederhergestellt werde, ist manchen noch unannehmbar. Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch ist aber, schlicht gesagt, keine Frage des Rechts, sondern der Liebe. Gott hat in Jesus Christus nicht das vom Menschen gebrochene Recht wiederhergestellt, sondern aus Liebe zur Menschheit die Mächte der Finsternis, die zu überborden drohten, in ihre Schranken gewiesen. Die Freiheit der Menschheit zu Gott war bedroht und mußte wiederhergestellt werden. Der wichtigste Beleg dafür sind die zahlreichen Dämonenaustreibungen Jesu. Sie gipfeln in der Feststellung, daß eben damit den Besessenen die Freiheit wiedergegeben war. Jesus selber gibt den Schlüssel zur Deutung der durch ihn bewirkten Erlösung, sagt er doch:
»Wenn ich mit dem Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.«
Beim frühen orthodoxen Theologen Johannes Chrysostomos ist diese auf Christus selbst zurückgehende Deutung von Tod und Auferstehung noch lebendig. In seinem Osterhymnus jubelt er:
»Christ ist auferstanden, und die Hölle ist
besiegt,
Christ ist auferstanden, und die Dämonen fielen...
Christ ist auferstanden, und kein Toter ist in den
Gräbern.«
An die älteste Tradition anknüpfend, trägt die von Swedenborg durch zahlreiche Bibelzitate und Erlebnisberichte belegte Deutung der Erlösung dem neu erwachten Bewußtsein des heutigen Menschen von seiner Einbettung in übersinnliche Kraftfelder voll Rechnung.
Swedenborg selbst verstand die ihm zuteil gewordene Offenbarung als Beitrag zu einem neuen christlichen Zeitalter. Er selbst wäre der Letzte gewesen, der daraus einen Absolutheitsanspruch abgeleitet hätte. Vielmehr fordert er immer wieder, daß der Mensch des neuen Zeitalters auch in Glaubensfragen die Vernunft gebrauche. An einem kristallenen Tempel im Himmel erblickt er über der Eingangspforte die Inschrift: »Nun ist es erlaubt, mithilfe des Verstandes in die Geheimnisse des Glaubens einzutreten.« Er war seinen Zeitgenossen auch darin weit voraus, daß er die Trennung zwischen den Kirchen und Religionen tief bedauerte. Aus seinem über 20’000 Seiten umfassenden religiösen Werk, das in deutscher Übersetzung vorliegt, kann man ein ganzes Buch ökumenischer Texte zusammenstellen. Wir begnügen uns mit einem einzigen:
»In den Augen des Herrn begründen die verschiedenen Lehren keinen Unterschied zwischen den Kirchen. Wenn man die Gottes- und Nächstenliebe zur Hauptsache des Glaubens machte, so überließe man diese Lehrverschiedenheiten dem Gewissen des Einzelnen. Dann würde aus allen Kirchen eine einzige werden. Alle Zwistigkeiten würden ver schwinden, und es würde das Reich des Herrn auf Erden entstehen.«
Swedenborgs geistesgeschichtliche Wirkung war trotz der widrigen Umstände groß. Goethe wurde schon mehrfach zitiert. In seinen jungen Jahren, als der »Alleszermalmer« Kant noch nicht für lange Zeit festgelegt hatte, was der Mensch erkennen bzw. nicht erkennen kann, nannte er ihn in einer Besprechung von Lavaters »Aussichten in die Ewigkeit«, die stark von Swedenborg beeinflußt waren,
»den gewürdigten Seher unserer Zeiten, rings um den die F reude des Himmels war, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten…«
Später bekannte er sich zwar nicht mehr öffentlich, sondern nur noch in privaten Briefen zu seiner Bewunderung für den großen Schweden, aber dessen wichtigste Ideen sind dennoch durch ihn in allgemeinen Umlauf gekommen. Goethes letztes Gespräch mit Eckermann zeigt, wie tief und anhaltend der Einfluß des nordischen Sehers auf ihn war:
»Gott hat sich nach den bekannten imaginierten sechs Schöpfungstagen keineswegs zur Ruhe begeben, vielmehr ist er noch fortwährend wirksam wie am ersten. Diese plumpe Welt aus einfachen Elementen zusammenzusetzen und sie jahraus, jahrein in den Strahlen der Sonne rollen zu lassen, hätte ihm sicher wenig Spaß gemacht, wenn er nicht den Plan gehabt hätte, sich auf dieser materiellen Unterlage eine Pflanzschule für eine Welt von Geistern zu gründen. So ist er nun fortwährend in höheren Naturen wirksam, um die niederen heranzuziehen.«
Vor allem der Ausdruck »Pflanzschule« verrät die Herkunft dieser Gedanken, begegnet er doch in diesem Zusammenhang sonst nur bei Swedenborg, der die Welt als »Pflanzschule des Himmels« bezeichnete und es als eine der Aufgaben der Geist-wesen bezeichnete, daß sie in Gottes Auftrag die irdischen Menschen für das Leben in der geistigen Welt heranziehen.
Aber Goethe war bei weitem nicht der einzige, der Anleihen bei dem durch Kant und die herrschende Theologie ins Abseits gedrängten Naturforscher und Seher aufgenommen hat. Von den Romantikern über Schelling, Franz v. Baader,
K. C. F. Krause, Schopenhauer, Heinrich Heine, Dostojewski, Balzac, Baudelaire, Wordsworth, Carlyle, Yeats, Emerson, die beiden James und Strindberg reicht die Reihe bis zu Schönberg, Webern, C.G. Jung, Walter Hasenclever, Franz Werfel, Borges, P. Gauguin, den Nabis und Joseph Beuys.