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Das Lebensthema

Thomas Noack

Predigttext: "Wer an mich glaubt, glaubt nicht allein an mich, sondern an den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt." (Johannes 12.44-46)

Lesungen: Psalm 1; Joh 12.44-50; HH 463

Jedes neue Jahr ist wie eine neue Seite im Buche unseres Lebens. Das Lebensbuch ist ein Bild aus der Heiligen Schrift, das Swedenborg geistreich gedeutet hat. In "Himmel und Hölle" (nr. 463), dem Abschnitt unserer Lesung, interpretiert er es als "das innere Gedächtnis", das im Unterschied zum äußeren Gedächtnis lückenlos ist. Es gibt aber auch andere Bilder und Begriffe. So sahen Menschen in Lebensgefahr in Bruchteilen von Sekunden ihren Lebensfilm. Gleiches gilt für Menschen, die ein Todesnäheerlebnis hatten. In diesen Zusammenhang gehört auch die Neigung großer Persönlichkeiten, gegen Ende ihres Lebens ihre Biographie zu schreiben. Das alles zeigt, daß unsere Lebensgeschichte erhalten bleibt und unser Leben weniger vergänglich ist, als es zu sein scheint.

Jedoch wird auf der neuen Seite unseres Lebensbuches nicht unbedingt etwas Neues stehen. Zwar werden viele Eindrücke auf uns einstürmen, auch viele Neuigkeiten, aber ebenso gewiß werden sich Themen des alten Jahres fortsetzen. Und selbst wenn jemand nicht nur eine neue Seite, sondern ein neues Kapitel beginnt, es wird wieder seine Handschrift tragen und vor allem das Thema seines Lebens fortführen. Das neue Jahr ist eben nur eine neue Seite im Buche unseres Lebens: ein äußerer Einschnitt zwar, der aber die Kontinuität unseres Lebens nicht unterbricht. Die Jahre sind wie Perlen einer Kette. Die einen sehen die Perlen und begrüßen somit das neue Jahr als etwas Neues; die anderen sehen die Kette und suchen daher das Verbindende in den verschiedenen Zeiten des Lebens. Diese Neujahrsbetrachtung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Kette und nicht auf die Perlen, denn die vordergründigen Neuigkeiten werden uns zwar bewegen, aber tragen können sie uns nicht.

Das tragende Element unseres Lebens nenne ich, um im Bilde zu bleiben, das Lebensthema, denn wie jedes Buch hat auch das Lebensbuch ein Thema. Wer schon eine Weile gelebt hat, wird erkennen, daß sich bestimmte Themen, Situationen und Problemstellungen wiederholten oder längere Zeit durchhielten. Man erkennt dies besonders gut, wenn man regelmäßig zum Jahreswechsel Rückblick hält. Es ist wie mit einem Roman, von dem man bereits mehrere Kapitel kennen muß, um zu verstehen, worum es geht. Die Entdeckung des Lebensthemas ist daher in der Regel der zweiten Lebenshälfte vorbehalten. Das Leben ist keine zufällige Abfolge von Ereignissen. Von den Kindheitserfahrungen weiß man beispielsweise, daß sie das spätere Leben entscheidend beeinflussen. Astrologen glauben sogar, daß schon die Geburtsstunde prägend wirkt. Und Anhänger der Karmalehre greifen noch weiter, auf frühere Leben, zurück, um dort die Themen für das jetzige Leben zu finden. Einige Mystiker sagen, daß jeder im Herzen einen göttlichen Funken trägt. Dieser Funke ist ein Gedanke Gottes und als solcher das Urbild unseres Daseins. Das äußere Leben ist nur die mehr oder weniger glückliche Entfaltung dieser Anlage. All diese Überlegungen bestärken uns in der Überzeugung, daß es ein Lebensthema gibt. Die Vielfalt der Situationen, Gedanken und Tatimpulsen kann uns nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß es eine Einheit stiftende Kraft gibt. Der Wert unseres Lebens hängt ganz wesentlich davon ab, ob wir dieser geheimnisvollen Kraft auf die Spur kommen.

Diese Macht ist jedoch nicht das äußere Bewußtsein. Hier versagt das Bild vom Lebensbuch, denn im Unterschied zu einem ganz normalen Autor kennen wir unser Lebensthema zunächst nicht. Willensstarke Menschen können zwar einen Plan entwickeln und ihn auch verwirklichen, aber wenn dieser Plan eine bloße Gehirngeburt ist, dann ist unser Leben arm und oberflächlich. Selig ist, wer in sich hineinhorchen und das Thema seines Lebens aus der Tiefe seiner Seele schöpfen kann.

So reizvoll es wäre, es kann nicht der Sinn meiner Neujahrsüberlegungen sein, ihnen ihr Lebensthema zu enthüllen. Das können sie nur selbst tun, denn ihr Lebensthema ist so individuell wie ihr Gesichtsausdruck. Aber andererseits möchte ich ihnen auch nicht den Mund wässrig machen und dann keine Speise anbieten. Gottes Wort ist ein Licht auf unserem Weg, will und kann also den individuellen Lebensweg erhellen. Daher die Frage an Gottes Wort: Wie können wir unser Lebensthema finden? Welche Antwort gibt der Predigttext?

Uns plagt die Unwissenheit. Wir wissen zwar, daß wir leben, wissen aber nicht, wozu wir leben. Wir sind wie Affen im Käfig, ständig in Bewegung aber ohne ein höheres Bewußtsein. Ganz anders Jesus! Er kam als das Licht in die Welt, wollte die Finsternis vertreiben. Aber, und das ist nun wichtig, dieses Licht ist kein isoliertes Licht, kein kaltes Verstandeslicht. Dieses Licht verweist uns auf die Liebe. Es ist das Licht der Liebe und des Lebens. Das ist die Botschaft des Predigttextes: "Wer an mich glaubt, glaubt nicht allein an mich, sondern an den, der mich gesandt hat; und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt." (Joh. 12.44-46). Jesus Christus ist das Licht, das seinen Ursprung kennt, den wir eben leider nicht mehr kennen. Gottes Licht ist eigentlich der gütige Schein seiner Liebe. Anders formuliert: Das Weisheitsbewußtsein Jesu strahlt aus der Wärme des göttlichen Herzens hervor. "Das Licht der Welt" erkannte seinen Quellort in der Liebe und nannte diesen wunderbaren Ort "Vater im Himmel". Das Bewußtsein des Gottessohnes wurzelte im inneren Leben. Man bedenke, was das heißt: "In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." Das Leben - nicht der dürre Intellekt - ist das Licht der Menschen. Das Licht ist nur die Außen- oder Erscheinungsform des Lebens. Das Wesentliche ich die Liebe, oder mit Swedenborg: "Das Gute ist das eigentliche Wesen des Wahren." (HG 2429).

Das hat nun eine ganz wichtige Konsequenz für uns. Auch unser Licht soll ein Licht des Lebens sein. Wo das Licht das Leben berührt, wird es das Licht unseres Lebens, unser Lebensthema. Das Gedächtniswissen ist immer ein fremdes Licht, das mit unserem Leben nichts gemeinsam hat. Uns wird erst dann ein Licht aufgehen, wenn wir die Wahrheit Christi zu einer Angelegenheit unseres Lebens machen. Eigentlich wissen wir es ja schon: Das Wissen der Wahrheit ist kein Selbstzweck. Im Gegenteil: "Die Wahrheiten des Glaubens sind eigentlich Gefäße zur Aufnahme des Guten." (HG 2388). Also ergreifen wir die Wahrheit; füllen wir sie mit unserer Lebendigkeit. An der Nahtstelle von Himmel und Erde, von Licht und Leben, keimt unser Lebensthema empor. "Das Leben ist das Licht der Menschen."

Da wir für das innere Licht unempfindlich sind, kommt uns Gott von außen entgegen, will aber selbstverständlich nicht draußen, vor den Toren unseres Lebens verschmachten. Das äußere Licht ist eine Gnade, denn es weist uns in der Finsternis den Weg, so daß wir schließlich doch noch "Kinder des Lichts" werden können. Der Sinn des äußeren Lichtes ist die Erleuchtung, das innere Licht. Die Botschaft von außen ist nur ein Entgegenkommen Gottes. Swedenborg drückt das so aus: "Das Göttlich-Menschliche von Ewigkeit ist das eigentliche Licht. Dieses Licht konnte das menschliche Geschlecht jedoch nicht mehr anregen, weil dieses sich vom Guten und Wahren, d.h. vom Licht, zu weit entfernt und in die Finsternis gestürzt hat. Deswegen nun wollte der Herr das Menschliche durch die Geburt annehmen, denn so konnte er nicht nur das Vernünftige, sondern auch das Natürliche des Menschen erleuchten." (HG 3195). Wer daher beim bloßen Wissen stehenbleibt, bleibt im Vorhof des Heiligtums, wird das Allerheiligste seines Lebens nie erkennen. Die Wahrheit drängt immer danach, die Wahrheit unseres Lebens zu werden. Als solche ist sie die Form und somit das Thema unseres Lebens.

Diese tätige Aneignung der Wahrheit nenne ich den tätigen Dialog mit ihr. Der tätige Dialog ist etwas anderes als der intellektuelle Dialog. Wer die Wahrheit verstanden hat, kann sie auch mit eigenen Worten wiedergeben. Das war schon in der Schule so. Also beenden wir das endlose Philosophieren über die Wahrheit, verwirklichen wir sie! Man kann eine Scheibe Brot endlos kauen, ohne sie hinunterzuschlucken. Am Ende wird man das Brot ausspeien, weil es jeglichen Geschmack verloren hat. So sind die Leute, die über die Wahrheit endlos nachdenken, ohne sie zu verwirklichen. Nur eine gelebte Wahrheit ist eine verstandene Wahrheit. Der tätige Dialog ist der Versuch, die Wahrheit in der Prägung unseres Wesens zu verwirklichen.

Das neue Jahr wird uns wieder mit vielen neuen Ereignissen konfrontieren. Doch lassen sie sich vom Neuen nicht zu sehr ergreifen! Halten sie sich an dem Einem fest, das not tut! Um mit einem Bild zu sprechen, es ist den Evangelien entlehnt: Das äußere Bewußtsein ist wie ein Kahn auf hoher See den Gewalten ausgeliefert. Die Wogen des Lebens werfen unser Schifflein hin und her. Man kann schon froh sein, wenn es nicht kentert. Einen festen Kurs können in den Stürmen und Wechselfällen des Lebens nur starke Geister halten. Versuchen wir es, im Vertrauen auf Jesus Christus, den Meister über alle Gewalten. Es wäre doch schade, wenn wir ständig nur bewegt werden, ohne selbst etwas in unserem Leben zu bewegen. Je unbewußter wir leben, desto mehr packt uns die Lebenslust und wirft uns hin und her. Und doch lebt nur, wie Meister Eckehart treffend sagte, was "von innen her aus sich selbst bewegt wird. Das (aber) lebt nicht, was von außen bewegt wird." (EQ 176,7-9). Als Lebewesen sind wir zum Tätigsein verurteilt. Das Tätigsein ist somit keine besondere Leistung. Die Kunst des Lebens beginnt erst dort, wo dem Tätigsein eine Idee eingeprägt wird. Dann plätschert es nicht mehr so sinn- und geistlos dahin. Wie der Holzbildhauer aus dem rohen Holz eine Figur schnitzt, so sollen auch wir aus dem Rohstoff des natürlichen Lebens, den göttlichen Gedanken herausarbeiten. Wenn die Lebensbewältigung im Lichte der Christusbotschaft erfolgt, dann kann Leben gelingen. Wenn wir Gottes Wort ergreifen, dann ergreift uns dieses Wort und gibt unserem Leben einen Sinn, den Sinn unseres Lebens, unser Lebensthema. 

Veröffentlicht in: Offene Tore 1 (1994) 1-5