
Thomas Noack
Mit ihrer Gotteslehre verläßt die neue Kirche den gemeinsamen Boden der bisherigen, christlichen Kirchen. Dieser gemeinsame Boden sind die Dogmen des 4. und 5. Jahrhunderts. Damals wurde entschieden, daß der eine Gott aus drei Personen (Trinitätslehre) und der eine Christus aus zwei Naturen, einer göttlichen und einer menschlichen (Christologie), besteht. Diese Gotteslehre ist die letzte und eigentliche Ursache des Zerfalls der Kirche und der Vorherrschaft des Materialismus: "Die vom Herrn durch die Apostel gegründete Kirche ist gegenwärtig so sehr an ihr Ende gelangt, daß kaum noch einige Überreste vorhanden sind. Dazu ist es gekommen, weil man die göttliche Dreieinheit in drei Personen zerteilt hat, von denen eine jede Gott und Herr sein soll." (WCR 4). Doch die Kirchen können sich von den alten Dogmen nicht trennen. Selbst der Protestantismus, der doch die Bibel zur alleinigen Glaubensgrundlage machen wollte, kann es nicht. Es gehört zur Tragik der kritischen Theologie unserer Zeit, daß sie das eigentlich Kritikwürdige nicht erkennt. Erst Swedenborg hat die altkirchlichen Konzile tatsächlich überwunden und den entscheidenden Schritt zurück zu den Quellen (ad fontes!) vollzogen. Er erbrachte den Nachweis, daß Jesus Christus der eine Gott und folglich "im Herrn die Göttliche Trinität verbunden ist" (WCR 108).[1] Das ist das Fundament der Nova Ecclesia spiritualis. Swedenborg und Lorber stehen beide gleichermaßen auf diesem neuen Boden, was - nach dem Gesagten - alles andere als selbstverständlich ist. Die Gemeinsamkeiten in der Gotteslehre sind Gemeinsamkeiten gegen den Rest der christlichen Glaubenswelt.
Bevor ich mich dem im engeren Sinne christlichen Gottesbegriff zuwende, möchte ich auf den allgemeinen Gottesbegriff eingehen. Von Interesse ist, ob Lorber die swedenborg'sche Unterscheidung von "Sein" und "Wesen" Gottes kennt (vgl. WCR 18ff)? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil Lorber andere Begriffe verwendet. Dennoch scheint die Sache vorhanden zu sein, denn Lorber spricht von einem "doppelten Sein":
LORBER: "... und also hat auch die höchste Lebenspotenz in Gott ein doppeltes Sein, erstens ein stummes bloß nur seines Seins bewußtes, und darauf ein als von einem innern Tätigkeitsbeginn entstammtes, frei sich durch und durch erkennendes und kleinst durchschauendes Dasein!" (Ev III.28.4). An einer anderen Stelle wird von "zwei Wesenheiten Gottes" gesprochen, der "unendlichen" [= Swedenborgs Esse?] und der "gestaltlich[en]" [= Swedenborgs Essentia?] (HGt II.139.1).
Doch inwieweit ist dieses "doppelte Sein" (bzw. die "zwei Wesenheiten") mit dem, was Swedenborg "Esse" und "Essentia" (Sein und Wesen) nennt, identisch? Da die Begriffe bei Lorber andere sind, muß man um so mehr versuchen, die Vorstellungen, die mit den Begriffen verbunden sind, zu klären. In dem Maße, wie die Vorstellungen übereinstimmen, stimmt auch die Sache überein, unanhängig von der unterschiedlichen Sprache.
Im 5. Kapitel des 1. Bandes der "Haushaltung Gottes", das für den allgemeinen Gottesbegriff von zentraler Bedeutung ist, unterscheidet Lorber die "Gottheit" von der "Liebe". Wichtig für uns ist, daß der Gottheit der Begriff der "Unendlichkeit" zugeordenet wird, der bei Swedenborg bekanntlich auf das "Sein" bezogen ist[2]. Und ferner heißt die zweite göttliche Wesenheit bei Lorber "Liebe"; sie bildet bei Swedenborg zusammen mit der Weisheit das göttliche Wesen[3]. Die Stelle in der "Haushaltung" lautet:
LORBER: "Die Gottheit war von Ewigkeit her die alle Unendlichkeit der Unendlichkeit durchdringende Kraft und war und ist und wird sein ewig die Unendlichkeit Selbst. In der Mitte Ihrer Tiefe war Ich von Ewigkeit die Liebe und das Leben Selbst in Ihr" (HGt I.5.2).[4]
Dem Sein bei Swedenborg entspricht also die Gottheit bei Lorber. Und zum Wesen ist zu sagen: Auch bei Lorber ist die Liebe, die uns Menschen (und Engeln) zugewandte Seite Gottes; sie ist das erfahrbare Wesen Gottes. Auch Lorber weiß, daß Gott die Liebe und die Weisheit ist. Die Verbindung dieser beiden Begriffe, bei Swedenborg ganz wichtig, ist auch bei Lorber gegeben:
SWEDENBORG: "Das Wesen Gottes ist die Göttliche Liebe und Weisheit." (WCR 36-48).
LORBER: "Ich bin von Ewigkeit die Liebe und die Weisheit Selbst." (HGt I.2.10). "Gott Selbst ist die ewige Liebe und die Wahrheit selbst!" (Ev VI.196.08). "Gott ... ist pur Liebe und also auch die höchste Weisheit Selbst" (Ev VI.138.15).
Die Ähnlichkeit der Gedanken ist offensichtlich; was fehlt, ist eben nur die spezifische Verwendung der Begriffe "Sein" und "Wesen"[5]. Die Gottheit, die "die Unendlichkeit Selbst" ist, ist für uns endliche Wesen unfaßbar; erfahrbar ist sie nur in der Liebe als der menschlichen, wesenhaften Seite Gottes. Die Liebe ist das uns zugewandte Angesicht Gottes. Doch erst dadurch, daß die Unendlichkeit Gottes in der Liebe wirksam ist, wird sie göttliche Liebe, das heißt un-endliche, un-ermeßliche, un-begreifbare Liebe. Wer von uns kennt die Tiefen der göttlichen Liebe? Wer kennt die Wege, die sie wählt? In der Liebe ist Unendlichkeit; doch hat sie dort ihren Schrecken verloren, denn die in der Liebe wirksame Unendlichkeit ist jener geheimnisvolle Reiz der Liebe, der ewig lockt und nie zu ergründen ist. Vielleicht lassen diese Worte etwas vom Zusammenspiel der Gottheit und ihrer Liebe erahnen; vielleicht spüren wir, was es heißt: Das Wesen ist vom Sein durchdrungen. Swedenborg formuliert sehr nüchtern: "Das Sein ist universeller als das Wesen; denn das Wesen setzt das Sein voraus, und aus dem Sein leitet das Wesen seinen Ursprung ab." (WCR 18).
Zu etwas anderem! Ich sagte, daß Lorber keine Neuauflage Swedenborgs ist. Das bedeutet für die Gotteslehre, daß die andere Wortwahl Lorbers auch andere Vorstellungen beinhaltet. Lorber spricht statt vom "Wesen" gern vom "Mittelpunkt" Gottes. Diese Idee trifft sich später wieder mit der "geistigen Sonne" Swedenborgs; zwischenzeitlich sind aber doch neue Inhalte mit diesem "Mittelpunkt" verbunden. Der Gedanke begegnet schon im erwähnten 5. Kapitel der "Haushaltung":
LORBER: "In der Mitte Ihrer Tiefe war Ich von Ewigkeit die Liebe und das Leben Selbst in Ihr" (HGt I.5.2).
Ausdrücklich von einem "Mittelpunkt" wird an anderen Stellen gesprochen: "Was ihr des Raumes Unendlichkeit benennet, ist der Geist Meines Willens ... Dieser Geist aber hat einen Mittelpunkt wesenhaft gestaltlich, in dem alle Macht dieses unendlichen Geistes vereinigt ist zu einem Wirken, und dieses Machtzentrum des unendlichen Gottgeisteswesens ist die Liebe ..." (HGt II.139.20).[6]
Während Swedenborgs "geistige Sonne" ausschließlich im Zusammenhang mit Schöpfung und Jenseits genannt wird, dient der "Mittelpunkt" Gottes bei Lorber außerdem zur Erklärung der Menschwerdung, denn das "wesenhafte Zentrum Gottes" (GS II.13.2) wurde Mensch.
LORBER: "Ich, der unendliche, ewige Gott" nahm "für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater zu präsentieren ..." (Ev IV.255.4) "Diesem unendlichen Wesen Gottes hat es einmal wohlgefallen ... sich in Seiner ganzen unendlichen Fülle zu vereinen und in dieser Vereinigung anzunehmen die vollkommene menschliche Natur!" (GS II.13.8). vgl. auch Ev IV.122.6-8.
Mit der Vorstellung vom Mittelpunkt Gottes will Lorber begreiflich machen, wie der unendliche Gott in der endlichen Gestalt des Mannes aus Nazareth wohnen konnte. Das bedeutet, Lorbers Interesse ist inkarnatorischer oder christologischer Art. Das ist bei Swedenborg so deutlich nicht der Fall. Gleichwohl ist es natürlich auch bei Swedenborg das Wesen Gottes, das unter Hervorkehrung seiner Weisheit Mensch wurde. Lorber geht hier also einesteils über Swedenborg hinaus, indem er einen ganz bestimmten Aspekt betont, bewegt sich aber andererseits durchaus in den Bahnen Swedenborgs. Es läßt sich öfters beobachten, daß Lorber verborgene Möglichkeiten der Interpretation Swedenborgs entdeckt. Solche Beobachtungen zeigen, wie schwierig es ist, das Verhältnis Swedenborg-Lorber zu bestimmen. Was liegt noch im Rahmen Swedenborgs, was nicht mehr? Die Vorstellung des Mittelpunktes Gottes hat ferner eine anthropologische Konsequenz, denn was im Gottmenschen Jesus Christus das Gotteszentrum ist, das ist im Menschen, dem Ebenbild Gottes, der Geistfunke. Dieser Gedanke ist bei Swedenborg nicht vorhanden. Wir sehen, wie unterschiedliche Akzente in der Gotteslehre verschiedene Sichtweisen in anderen Bereichen zur Folge haben.[7]
Swedenborg und Lorber treffen sich wieder in der Idee der Sonne der geistigen Welt, wobei selbst die Wortwahl erstaunlich ähnlich ist:
SWEDENBORG: "Die göttliche Liebe und Weisheit erscheinen in der geistigen Welt als Sonne." (GLW 83). "Jene Sonne ist nicht Gott, sondern das, was aus der göttlichen Liebe und Weisheit des Gottmenschen hervorgeht." (GLW 93).
LORBER: "Gott ... wohnt in einem unzugänglichen Lichte, das in der Welt der Geister die Gnadensonne genannt wird. Diese Gnadensonne aber ist nicht Gott selbst, sondern sie ist nur das Auswirkende Seiner Liebe und Weisheit." (Ev VI.88.3).[8]
Nun zum christlichen Gottesbegriff. Die wesentlichste Erkenntnis Swedenborgs, daß nämlich Jesus Christus selbst der eine Gott ist, der Herr von Ewigkeit, der die menschliche Natur angenommen und verherrlicht hat (vgl. WCR 2), diese Erkenntnis ist auch im Lorberwerk überaus deutlich enthalten.
LORBER: "Jesus Christus ist der alleinige Gott und Herr aller Himmel und aller Welten!" (GS I.74.14). "Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch" (GS II.13.3).
Es gehört zur tragischen Geschichte des Christentums, daß diese Wahrheit schon bald wieder im Dunkel menschlicher Unwissenheit verschwand. Die Dogmengeschichte ist für Swedenborg eine Geschichte des Abfalls, der damit begann, daß das Geheimnis der Person Christi nicht mehr verstanden wurde. Die apostolische Kirche, das ist die Kirche der ersten Jahrhunderte,[9] glaubte noch nicht an einen Sohn von Ewigkeit, sondern verstand unter dem Sohn schlicht den von der Jungfrau Maria Geborenen. Diesen entscheidenden Unterschied zwischen dem Apostolikum, also dem Glaubensbekenntnis der Urchristenheit, und den späteren, philosophisch beeinflußten Glaubensbekenntnissen, zu denen auch das Nicänum[10] gehört, sah Swedenborg ganz deutlich: "Die Apostolische Kirche wußte nicht das Geringste von einer Personendreiheit, beziehungsweise drei Personen von Ewigkeit her. Das geht deutlich aus ihrem Glaubensbekenntnis, dem sogenannten Apostolikum, hervor, worin es heißt: Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden; und an Jesus Christus, seinen einzigen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist vom Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria; und an den Heiligen Geist. Hier geschieht keine Erwähnung irgendeines Sohnes von Ewigkeit her, sondern des vom Heiligen Geist empfangenen und von der Jungfrau Maria geborenen Sohnes." (WCR 175).[11] Daher beruht die Lehre, "ein von Ewigkeit her geborener Sohn sei herabgekommen und habe das Menschliche angenommen, ... ganz und gar auf einem Irrtum" (WCR 83). Der Sohn Gottes ist zunächst nicht mehr aber auch nicht weniger als "das Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte" (WCR 92-94). Dieser Gedanke ist auch in den Lorberwerken mehr als einmal ausgesprochen:
LORBER: "Ich bin, als nun ein Mensch im Fleische vor euch, der Sohn und bin niemals von einem andern als nur von Mir selbst gezeugt worden und bin eben darum Mein höchsteigener Vater von Ewigkeit" (Ev VIII.27.2). Johannes über den Herrn: "Als den Sohn ... erkenne ich nur Seinen Leib insoweit, als er ein Mittel zum Zwecke ist" (Ev IV.88.5).[12]
Der Sohn ist demnach keine zweite göttliche Person von Ewigkeit, sondern "das Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte". Erst mit den Apologeten des 2. Jahrhunderts, die von Hause aus Philosophen waren, setzte eine Entwicklung ein, die mit dem Nicänum im Jahre 325 ihren Höhepunkt erreichte und einen Sohn von Ewigkeit her etablierte. Diese Vorstellung wurde auf dem zweiten ökumenischen Konzil im Jahre 381 auch auf den heiligen Geist ausgedehnt. Damit war die dreipersönliche Trinitätslehre geboren, die zwar niemand so nennen wollte, die sich aber dennoch in den Gemütern der Menschen einnistete. Der Schlachtruf der Orthodoxen (= Rechtgläubigen) lautete fortan: "Ein Wesen in drei Personen"[13]. Davon hat sich Swedenborg bewußt abgewandt, indem er formulierte: "Gott ist dem Wesen (Essentia) und der Person nach Einer. In Ihm besteht eine Göttliche Dreieinheit, und der Herr, unser Gott und Heiland Jesus Christus ist dieser Eine Gott." (WCR 2b). Die Parallele bei Lorber ist unübersehbar:
LORBER: Der "Herr" "ist" "Einer" "und also auch nur eine Person". Jesus Christus "ist der alleinige Gott und Herr Himmels und der Erde." (GS I.51.15+19).
Das Nicänum ist für Swedenborg der Sündenfall der Kirche[14], weil es die falsche Lehre eines Sohnes von Ewigkeit her eingeführt hat[15]. Diese Vorstellung hat jedoch einen wichtigen Anhaltspunkt im NT, nämlich den Prolog des Johannesevangeliums (Joh 1.1-18). Deswegen muß man sich fragen, wie Swedenborg diese Stelle versteht. Spricht sie nicht deutlich von einem präexistenten Sohn? Nein, denn Swedenborg interpretiert den Logos als das Göttlich Wahre; das bedeutet, der Logos ist nicht der Sohn, sondern - wie es der Prolog ja auch selbst sagt - Gott: "und der Logos war Gott" (Joh 1.1)[16]. Im Prolog taucht das Wort "Sohn" kein einziges Mal auf![17] Das bedeutet: Die Gleichsetzung des Logos mit dem Sohn, die von den Apologeten des 2.Jahrhunderts vorgenommen wurde, entsprach ihrem Vorverständnis des Textes. Der Text selbst nimmt diese Identifikation nicht vor, im Gegenteil, für ihn ist der Logos Gott selbst. Gott selbst wurde demnach Fleisch (Vers 14) und Jesus Christus ist folgerichtig der "einziggeborene Gott" (Vers 18). Dennoch darf nicht übersehen werden, daß der Logos zumindest sprachlich von Gott unterschieden wird. Diesem Sachverhalt wird Swedenborg gerecht, indem er sagt, daß Liebe und Weisheit in Gott "unterscheidbar eins" (GLW 14) sind. Sie können zwar gedanklich geschieden, aber nie wirklich getrennt werden. Man muß also genauer formulieren und sagen: Der eine Gott wurde "als das Göttlich Wahre oder als das Wort" Fleisch (WCR 85). Damit paßte er sich der Gesetzmäßigkeit der Menschenwelt (Kosmos) an, denn im Menschen sind Denken und Wollen viel deutlicher getrennt als in Gott. Der Umstand, daß der eine Gott "als das Göttlich Wahre" in die Welt (der Menschen) kam, ändert aber nichts an der Tatsache, daß der eine Gott das Menschliche annahm. Obwohl also Gott, und keineswegs sein ewiger Sohn, Mensch wurde, hat die Redeweise "Sohn von Ewigkeit her" dennoch eine Berechtigung, wenn man darunter nur nicht eine Person, sondern eben das Göttlich Wahre versteht. Denn die göttliche Liebe war nie ohne ihre göttliche Weisheit und somit war der Vater nie ohne seinen Sohn.[18]
Obwohl Swedenborg den nicänischen Glauben sehr kritisch beleuchtet, muß zu seiner Ehrenrettung gesagt werden, daß er eigentlich, wie Swedenborg, die Gottheit Jesu retten wollte, "doch indem sie sich bemühten, den Wolf [= Leugnung der Gottheit Jesu] zu meiden, stießen sie auf den Löwen [Tritheismus]" (WCR 637). Das Anliegen mag gut gewesen sein; doch die Durchführung bezeugt, daß das Wesen Jesu Christi nicht mehr verstanden wurde. Aus dem sicht- und vorstellbaren Gott in Jesus Christus machten die Konzilsteilnehmer einen unvorstellbaren und unverständlichen Gott. Das Tor zur Gottheit, das sich in Jesus Christus weit geöffnet hatte, verschloß sich allmählich wieder. Der vorstellbare Gott verschwand im Mysterium des Glaubens und konnte sich nicht mehr in den Gemütern der Gläubigen einwurzeln. Aus der inneren, geistigen Kirche mußte zwangsläufig eine äußere, natürliche werden. Der unvorstellbare Gott von Nicäa ist der Ursprung des modernen Atheismus und Materialismus (WCR 4b).
Doch wie erklärt nun Swedenborg die Begriffe Vater, Sohn und Heiliger Geist? Kurz gesagt, sie sind die "Wesensschichten (essentialia)" des einen Gottes. Sie existieren jedoch nicht neben- oder untereinander (vgl. den Subordinatianismus der Zeit vor Nicäa), sondern ineinander. "Tres in unum" ist daher das Schlüsselwort der neuen Trinitätsauffassung. Zur Veranschaulichung wird auf den Menschen verwiesen, der unbeschadet seiner Einheit aus drei Persönlichkeiten besteht, die jedoch ineinander zu denken sind.[19]
SWEDENBORG: "Vater, Sohn und Heiliger Geist sind die drei Wesenselemente (essentialia) des einen Gottes, die ebenso eine Einheit bilden wie Seele, Leib und Wirksamkeit beim Menschen." (WCR 166-169). "Wer von der Gottheit die Vorstellung Dreier in einer Person (Trium in una Persona) hat, kann die Vorstellung eines Gottes haben." (NJ 289).
LORBER: "Wir halten dafür ... daß Gott nur eine einzige Person ist, welche Person aber in Sich Sebst eigentlich sozusagen aus drei Göttern besteht. Tres in unum!" (RB II.270.8).
Dieser einfache Kunstgriff ermöglicht einesteils die Vorstellung eines einzigen Gottes und verhindert andererseits das Abgleiten in den Modalismus. Bei Augustin findet man in seinem Werk "De trinitate" ähnliche Vorstellungen, die sich jedoch nicht mehr durchsetzen konnten, da der nicänische Glaube bereits sanktioniert war.
Die drei Wesensschichten im Herrn sind "das Göttliche" (Vater), "das Göttlich-Menschliche" (Sohn) und "das ausgehende Göttliche" (HL. Geist):
SWEDENBORG: "Das Dreifaltige im Herrn ist das Göttliche selbst, welches der Vater heißt, das Göttlich-Menschliche, welches der Sohn, und das ausgehende Göttliche, welches der Heilige Geist (heißt), und dieses Dreifache Göttliche ist Eines." (zwischen HH 86 und 87[20]). "Der Herr wird in Beziehung auf das Göttlich Menschliche der Sohn Gottes ... genannt." (LH 19ff).
LORBER: "Ich bin der alleinige, ewige Gott in Meiner dreieinigen Natur als Vater Meinem Göttlichen nach, als Sohn Meinem vollkommen Menschlichen nach und als Geist allem Leben, Wirken und Erkennen nach." (HGt I.2.10).
Sie können auch "die Liebe" (Vater), "die Weisheit" (Sohn) und die Willenswirksamkeit (Hl. Geist) genannt werden:
SWEDENBORG: "Weil sich alles und jedes im Himmel, beim Menschen, ja in der ganzen Natur auf das Gute und Wahre bezieht, darum wird auch das Göttliche des Herrn unterschieden in das Göttlich Gute und das Göttlich Wahre. Das Göttlich Gute des Herrn wird Vater genannt, das Göttlich Wahre Sohn." (HG 3704)
LORBER: "Jesus Christus ist der alleinige Gott und Herr aller Himmel und aller Welten! Er ist in Sich allein Seiner ewigen unendlichen Liebe zufolge der Vater, und Seiner unendlichen Weisheit zufolge der Sohn, und Seiner ewig allmächtigen unantastbaren Heiligkeit zufolge der Heilige Geist selbst" (GS I.74.14). Der Herr: "Der Vater, Ich als Sohn und der Heilige Geist sind unterscheidbar eines und dasselbe von Ewigkeit. Der Vater in Mir ist die ewige Liebe ... Ich als der Sohn bin das Licht und die Weisheit ... Damit aber das alles gemacht werden kann, dazu gehört noch der mächigste Wille Gottes, und das ist eben der Heilige Geist in Gott" (Ev VI.230.2-5). "Wie aber da Flamme, Licht und Wärme eines sind, also ist auch Vater, Sohn und Geist eines! (Hg II.132.4).
Nachdem die Trinitätslehre fertig war, wandte sich das Interesse der Christologie zu.[21] Nachdem also feststand, daß es eine zweite göttliche Person gibt und daß sie Mensch wurde, stellte sich die Frage, wie diese göttliche Person und der Mensch aus Nazareth eine einzige Person bilden konnten. Die Antwort gab schließlich die sogenannte Zwei-Naturen-Lehre. Danach stehen die göttliche und die menschliche Natur nach wie vor unverbunden nebeneinander und sind lediglich "in der Einheit der Person"[22] miteinander verbunden (sog. hypostatische Union). Ausdrücklich heißt es: "Die beiden Naturen Christi bestehen ... in ihrer Eigenart unversehrt fort."[23]. Von einem unversehrten Fortbestehen der menschlichen Natur kann jedoch nach Swedenborg keine Rede sein. Im Anschluß an den johanneischen Begriff der Verherrlichung lehrt er die Vergöttlichung der menschlichen Natur, ohne freilich monophysitisch zu denken. Denn, da Gott der eigentliche Mensch[24] ist, empfing Jesus Christus nach seinen Siegen über das gefallene Menschliche "das Göttlich-Menschliche (Divinum Humanum)".[25] Die alte Christologie macht das Irdisch-Menschliche zum Ewig-Menschlichen. In ihr fehlt das Moment des Prozeßhaften völlig, das schon in der Doppeldeutigkeit des Begriffes "Sohn" angedeutet ist, der einesteils das irdisch Menschliche, andernteils das Göttlich-Menschliche bezeichnet. Bei Swedenborg finden wir eine Entwicklungs- oder Verherrlichungschristologie. Sie ist auch in den Lorberwerken enthalten, allerdings nicht so breit ausgeführt, weil diese Entwicklung ein innerer Vorgang ist und Lorber sehr viel mehr die äußere Geschichte beschreibt:
SWEDENBORG: "Die Verherrlichung ist die Vereinigung seines Menschlichen mit dem Göttlichen, und verherrlichen heißt göttlich machen." (zwischen HH 86 und 87). Das "verherrlichte Menschliche" ist das "Göttlich-Menschliche" (EO 962).
LORBER: "Dieses Wesen [der Liebe Gottes] ist das Göttlich-Menschliche, oder es ist der dir undenkbare Gott in Seiner Wesenheit ein vollkommener Mensch" (GS II.60.16). "Daher sprach Ich nach des Judas Fortgang: ´Nun ist des Menschen Sohn verklärt, und Gott ist verklärt in Ihm. Ist Gott verklärt in Ihm, so wird Ihn Gott auch verklären in Sich Selbst und wird Ihn bald verklären!` [Joh 13.31f] Das heißt also: Der Menschensohn wird wahrhaft Gottes Sohn sein, und der Vater wird Sich bald für alle Ewigkeit mit Ihm vereinen." (Ev XI.71). Der Herr: "Ich werde nun auch dieses Menschliche ... noch auf dieser Welt ... ganz in Mein Urgöttliches verkehren und sodann auffahren zu Meinem Gott, der in Mir ist" (Ev VI.231.6).
Die Zwei-Naturen-Lehre blockiert den Gedanken der Vergöttlichung des Menschlichen. Gleichzeitig bewahrt sie aber den Glauben an die Göttlichkeit Jesu auf. Dazu Swedenborg: Die meisten Christen denken sich "das Menschliche des Herrn getrennt von seinem Göttlichen", "was doch gegen die Lehre ist, wonach das Göttliche und das Menschliche des Herrn nicht zwei, sondern eine einzige Person seien, und zwar vereint wie Seele und Körper. Daß diese Bestimmung in der Lehre der ganzen Christenheit enthalten ist, wurde vom Herrn vorgesehen, weil sie das Wesentliche der Kirche und das Wesentliche des Heils aller Menschen ist. Daß sie aber das Göttliche und das Menschliche des Herrn in zwei Naturen unterschieden und sagten, der Herr sei Gott aus der Natur des Vaters und Mensch aus der Natur der Mutter, kam daher, weil sie nicht wußten, daß der Herr, als er sein Menschliches völlig verherrlichte, das Menschliche aus der Mutter ablegte und das Menschliche aus dem Vater anzog ... Daß dieses auch in einer Kirchenversammlung um des Papstes willen ... geschehen sei, damit er für Seinen Statthalter anerkannt werden könnte, sehe man in HG 4738." (OE 183).[26]
Die Gotteslehren Swedenborgs und Lorbers sind im wesentlichen identisch. Das ist um so erfreulicher, wenn man bedenkt, daß es sich hierbei um die Grundlage des christlichen Glaubens und um die unverzichtbare Voraussetzung der Erneuerung der Christenheit handelt. Und dennoch ist Lorber eigenständig, setzt eigene Akzente. Wenn Lorber statt vom "Wesen" (Swedenborg) vom "Mittelpunkt" spricht, dann ist das keine belanglose Sprachverschiebung. Lorber greift eine Vorstellung Swedenborgs auf, verleiht ihr aber eine eigene Interpretation, deren Interesse vor allem auf der Inkarnation Gottes ruht. Außerdem hat die Idee eines Mittelpunktes Konsequenzen für das Menschenbild bei Lorber, denn was im Gottmenschen der göttliche Mittelpunkt ist, das ist im Geistmenschen der Geistfunke. Lorber ist nicht einfach ein Spiegelbild Swedenborgs, aber er mißachtet andererseits auch nicht dessen Konturen. Swedenborg muß sich noch sehr viel mehr mit der klassischen Dogmatik auseinandersetzen; er tut dies kraft Erleuchtung auf der Grundlage der Heiligen Schrift. So wird er zum Theologen unter den Neuoffenbarern. Swedenborgs Anliegen ist der (auch für den äußeren Menschen) verständliche Glaube. Swedenborgs war in einer Entscheidungszeit der Menschheit das große Angebot Gottes, Glauben und Erkennen zu verbinden. Lorbers Zeit war eine andere. Er empfing seine Botschaft als die Leben Jesu Theologie vorherrschend war, die Frage nach dem historischen Jesus. Das wirkt sich auf sein Werk und die Darstellung seiner Gotteslehre aus. Denn es ist kein Zufall, daß er kraft des Inneren Wortes das Leben Jesu im 10bändigen Großen Johannesevangelium niederschrieb. Lorber ist so gesehen der Historiker unter den Neuoffenbarern. Er beschreibt viel mehr das äußere Leben Jesu, während Swedenborg bei seiner Enthüllung des innersten Sinnes der Heiligen Schrift die innere Entwicklung, d.h. die Verherrlichung des Herrn ins Auge faßte. Diese Unterschiede wollen beachtet werden. Lorber und Swedenborg sind eng verwandt und doch völlig eigenständig. Beides läßt sich zusammendenken, wenn man sieht, wie sich Lorbers Eigenständigkeit innerhalb der von Swedenborg vorgezeichneten Bahnen entwickelt. Freilich ist die Interpretation Swedenborg in den Lorberwerken keine sklavische, sondern eine geistgelenkte und somit freie.
[1] Diesen Nachweis bezeichnete Swedenborg sogar als den "Hauptgegenstand" der "Wahren Christlichen Religion" (WCR 108), also seiner Theologie. Das fand einen Nachhall in den Lorberschriften. In dem kleinen Werk "Jenseits der Schwelle" heißt es von einem Sterbenden: Er glaubte fest, "daß Jesus der eigentliche Jehova ist, denn er lernte solches aus Swedenborgs Werken" (Jen.S. S.10m). Und ein anderer jenseitiger Geist, der aus der Geschichte bekannte Robert Blum, hofft vom Herrn zu erfahren, "ob an deiner ... durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei" (RB I.17.12).
[2] WCR 21 und 36.
[3] WCR 36-48.
[4] Weitere Stellen: "Was ihr des Raumes Unendlichkeit benennet, ist der Geist Meines Willens ... Dieser Geist aber hat einen Mittelpunkt wesenhaft gestaltlich ... und dieses Machtzentrum des unendlichen Gottgeistwesens ist die Liebe als das Leben eben dieses Geistes ... Sehet, das ist das Wesen Gottes ..." (HGt II.139.20 und 22). "Die Liebe allein ist der Maßstab für Meine Göttlichkeit, und mit keinem anderen Maßstabe bin Ich ermeßlich; denn Ich bin wahrhaft ein unendlicher Gott." (HGt II.138.26). "Siehe, die Liebe ist Mein eigenst innerstes Urgrundwesen! Aus diesem Wesen geht erst die eigentliche Gottheit oder die durch alle Unendlichkeit ewig wirkende Kraft hervor, welche da ist Mein unendlicher Geist aller Heiligkeit." (HGt II.94.17).
[5] An einigen Stellen verwendet Lorber "Wesen" im Sinne Swedenborgs (siehe Anmerkung 4). Insgesamt bleibt die Bedeutung aber unspezifisch.
[6] Vom Mittelpunkt ist auch in Fl. 7 die Rede.
[7] Die Gotteserkenntnis ist "die Seele der gesamten Theologie" (WCR 5). Also solche gestaltet sie maßgeblich den Corpus der Lehre. Dazu Swedenborg: "Aus dem Glaubensbekenntnis [= Gottesbekenntnis] einer jeden Kirche strömt ... ihre ganze Dogmatik hervor, daher kann man sagen, wie der Glaube, so die Lehre ... der Glaube ist das Ursprüngliche, die dogmatischen Sätze sind etwas Abgeleitetes und beziehen als solches ihr Wesen vom Ursprünglichen." (WCR 177b). Vor diesem Hintergrund ist die oben erwähnte Beobachtung interessant, denn sie zeigt, wie eine Verschiebung in der Gotteslehre (Stichwort "Mittelpunkt") zu einer Verschiebung in der Anthropologie (Stichwort "Geistfunke") führt.
[8] "Ich Selbst bin im Grunde des Grundes in dieser Sonne, und die Sonne bin Ich Selbst. Aber dennoch ist ein Unterschied zwischen Mir und dieser Sonne. Ich bin der Grund, und diese Sonne ist gleich einer Ausstrahlung Meines Geistes, ..." (RB II.283.13).
[9] Nach Swedenborg durchlief die christliche Kirche "zwei Epochen, die erste von der Zeit des Herrn bis zum Konzil von Nicäa, die zweite von da an bis auf den heutigen Tag." (WCR 760). "Die Kirche vor der Kirchenversammlung von Nicäa wird als Apostolische Kirche bezeichnet." (WCR 636). "Wir haben unter der Apostolischen Kirche nicht nur die Kirche zur Zeit der Apostel, sondern auch in den zwei oder drei darauffolgenden Jahrhunderten zu verstehen." (WCR 174).
[10] Das Nicänum: "Wir glauben an einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge; und an einen Herrn, Jesus Christus, den Sohn Gottes, aus dem Vater gezeugt, den Einziggeborenen, das heißt aus dem Wesen des Vaters, Gott aus Gott, Licht vom Licht, wahrhaftigen Gott aus wahrhaftigem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater, durch den alle Dinge geworden sind, sowohl die im Himmel als auch die auf Erden; der um uns Menschen und um unseres Heiles willen herabgekommen und Fleisch geworden ist, Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgefahren in die Himmel, und kommen wird, um Lebende und Tote zu richten; und an den Heiligen Geist." Das ganze Interesse dieses Glaubensbekenntnisses ist auf den Sohn gerichtet, der inzwischen, also seit den Tagen der Urchristenheit, zum Problem geworden ist, was die zahlreichen Attribute deutlich belegen. Die Präexistenzchristologie ist im Unterschied zum Apostolikum vorhanden.
[11] Ähnlich äußert sich Swedenborg auch in WCR 636: "Die Kirche vor der Kirchenversammlung von Nicäa wird als Apostolische Kirche bezeichnet ... Aus ihrem, dem sogenannten apostolischen Glaubensbekenntnis geht hervor, daß diese Kirche nicht drei göttliche Personen und folglich auch nicht einen Sohn Gottes von Ewigkeit anerkannte, sondern nur einen in der Zeit geborenen Sohn Gottes." Auch der Dogmengeschichtler Bernhard Lohse bemerkt zum Unterschied zwischen dem Romanum, der Grundform des Apostolikums, und den östlichen Glaubensbekenntnissen: "Zudem ist es eine Eigenart der östlichen Glaubensbekenntnisse gewesen, daß sie die Gottessohnschaft nicht wie [das] R[omanum] in schlichter Weise von der Jungfrauengeburt Christi her deuteten, sondern von seiner vorweltlichen Zeugung durch Gott-Vater verstanden." (Epochen der Dogmengeschichte, 1986, S. 41).
[12] Der "Leib" Christi ist der "Sohn Gottes" (Ev X.195.3). "Dein heiliger Leib ist Dein Sohn, und Du, Vater, bist in Dir vor uns armen Sündern und Würmern dieser Erde!" (Ev VI.200.2).
[13] Im Anschluß an das Konzil hieß es in einem Lehrschreiben: "... (Der zu Nizäa festgestellte, evangeliums-gemäße Glaube) muß ... allen genügen, welche nicht das Wort des wahren Glaubens verkehren wollen; ist er doch sehr alt, entspricht dem Taufbefehl (wörtl.: der Taufe) und lehrt uns, zu glauben an den Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes, so nämlich, daß eine Gottheit, Macht und Wesenheit des Vaters, Sohnes und Hl. Geistes und ebenso gleiche Ehre, Würde und gleichewige Herrschaft geglaubt wird in drei ganz vollkommenen Hypostasen oder drei vollkommenen Personen ..." (HDThG I.213). "In Gott sind drei Personen ... Jede der drei Personen besitzt numerisch dieselbe göttliche Wesenheit." (Ott 64).
[14] vgl. WCR 638. Zur negativen Bewertung des Konzils zu Nicäa bei Swedenborg: "Im Himmel sagt man, daß während der Abhaltung des Konzils von Nicäa geschah, was der Herr den Jüngern mit den Worten vorausgesagt hatte: 'Die Sonne wird verdunkelt werden und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen und die Kräfte der Himmel erschüttert werden (Mt 24.29). Die apostolische Kirche war in der Tat wie ein neuer Stern, der am gestirnten Himmel erschien; die Kirche nach den beiden [wahrscheinlich ist auch das Konzil zu Konstantinopel mitgemeint] Nicänischen Kirchenversammlungen hingegen war wie derselbe Stern, aber verblaßt und schließlich verschwunden ..." (WCR 176). Bei Lorber: "Daß ihr aber solches [die neue Trinitätslehre] nicht verstehet ... daran schuldet lediglich euer materiell-heidnisches Drei-Göttertum, das da zu Nizäa ausgeheckt wurde und später noch stets mehr, sogar bis zur Plastik, vermaterialisiert ward, so daß ihr euch nun mehr oder weniger nicht davon zu trennen vermöget." (Hg II.68.18).
[15] "Zum Zwecke der Ausmerzung der verdammenswerten Ketzerei des Arius wurde von den Mitgliedern dieses Konzils [zu Nicäa] die Lehre erfunden, beschlossen und zur unverbrüchlichen Satzung erhoben, daß von Ewigkeit her drei göttliche Personen - Vater, Sohn und Heiliger Geist - gewesen seien, und daß jeder von ihnen für sich und in sich Persönlichkeit, Dasein und Bestehen zukomme. Ferner, daß die zweite Person der Gottheit - der Sohn - herabgestiegen sei und ein Menschliches angenommen habe, um die Erlösung zu vollbringen, und daß Seinem Menschlichen infolgedessen durch die hypostatische Vereinigung Göttlichkeit und enge Verwandtschaft mit Gott Vater zukomme." (WCR 174).
[16] gr.: "kai theos en ho logos": Hierbei ist "theos" (nicht determiniert) das Prädikatsnomen und "ho logos" das Subjekt. Die Aussage lautet also: Der Logos war Gott und niemand anderes als Gott selbst.
[17] Zu Vers 18 bieten einige Handschriften die Lesart "ho monogenes hyjos" (Sohn). Bei weitem besser bezeugt ist jedoch die Lesart "ho monogenes theos" (Gott). Der Vers lautet also: "Niemand hat Gott je gesehen; (der) einziggeborene (od. eingeborene) Gott, der im Schoß des Vaters ist, der hat (ihn) kundgemacht."
[18] Der Herr sagte "Vater" "wegen des Göttlich Guten" und "Sohn" "wegen des Göttlich Wahren, das aus dem Göttlich Guten hervorgeht" (HG 3704). "Das Göttlich Menschliche von Ewigkeit war das Göttlich Wahre im Himmel, also das Göttliche Dasein (Divinum Existere), das später im Herrn zum göttlichen Sein wurde, aus dem das Göttliche Dasein im Himmel möglich ist ... Der Herr von Ewigkeit war das göttliche Wahre im Himmel ... Dies ist der von Ewigkeit her geborene Sohn Gottes" (NJ 305). Die Engel sahen, "daß ich unter der Geburt des Gottessohnes von Ewigkeit Seine von Ewigkeit her vorhergesehene (praevisam) und in der Zeit vorgesehene (provisam) Geburt verstehe" (WCR 26).
[19] Bei Lorber findet sich dieser Vergleich mit dem dreipersönlichen Wesen des Menschen in Ev VIII.24f.
[20] vgl.a. LH 57, NJ 289-290.
[21] Wenn Swedenborg schreibt, der Sohn ist "das Menschliche, durch das sich Gott in die Welt sandte" oder später "das Göttlich-Menschliche", dann interpretiert er einen trinitarischen Begriff christologisch. Von daher stellt sich die Frage, wie sinnvoll die Unterscheidung von Trinitätslehre und Christologie noch ist. Wenn man an ihr festhalten will, dann muß man sich aber bewußt, daß Trinitätslehre und Christologie bei Swedenborg viel enger verbunden sind, als das gemeinhin der Fall ist.
[22] Ludwig Ott, Grundriß der katholischen Dogmatik, 1981, S.174.
[23] Ott, a.a.O., S.177. Aus dem Bekenntnis von Chalkedon (451): "Wir lehren, daß ein und derselbe Christus, der Sohn, der Herr, der Eingeborene, in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt [gegen den Monophysitismus], ungeteilt, ungetrennt gegen den Nestorianismus] anzuerkennen ist, wobei der Unterschied der Naturen infolge der Einigung niemals aufgehoben wurde, sondern die Eigentümlichkeit einer jeden der beiden Naturen erhalten blieb".
[24] Swedenborg: "Gott ist der eigentliche Mensch." (GLW 11). Lorber: "So es aber geschrieben steht, daß Gott den Menschen nach Seinem Ebenmaße geschaffen hat, was sollte dann Gott anderes sein ... als eben auch ein, aber ganz natürlich vollkommenster Mensch?" (Ev II.144.4).
[25] Swedenborg lehrt also weder einen Monophysitismus, noch einen Nestorianismus. Im Unterschied zum kirchlichen Dogma erreicht Swedenborg die Einheit der Person Christi nicht durch die Vorstellung der hypostatischen Union, sondern durch die Idee des Göttlich-Menschlichen. Wieder einmal wird deutlich, welche Tragweite die Erkenntnis Swedenborgs hat, daß Gott selbst der eigentliche Mensch ist. Die Idee des Göttlich-Menschlichen ist zu umfangreich, als daß sie hier genügend dargestellt werden könnte. Der Leser vergleiche Swedenborgs Zusammenstellung aus den HG zwischen Nr. 86 und 87 von HH, außerdem LH 19-36.
[26] Die Vorstellung der Vergöttlichung Jesu wurde auch aus kirchen- und machtpolitischen Gründen verworfen: "Daß man in der Christenheit das Menschliche des Herrn nicht als Göttlich anerkannte, ist auf einem Konzil des Papstes wegen bewirkt worden, damit dieser als Sein Stellvertreter anerkannt würde." (zwischen HH 86 und 87).
abgeschlossen am 29.5.1994