Navigation

Zur Hauptseite

Download

doc

pdf

Layout

Textlayout

Standard B

Die Gotteslehre aus den Himmeln

Swedenborg und Lorber über das neue Jerusalem

Thomas Noack

Göttliche Verheißungen erfüllen sich nicht selten unverhofft und völlig anders als es die Zeitgenossen erwarten. Ihre Vorstellungen sind meist nur sehr vage; die Erfüllung der Verheißung hingegen ist erstaunlich konkret. Ein Beispiel aus der Vergangenheit möge das beleuchten: Das jüdische Volk erwartete einen Gesalbten des Herrn; doch man wußte nicht, wann und wie sich diese Verheißung erfüllen sollte. Dann geschah folgendes: In der Synagoge von Nazareth stand ein junger Mann auf und las aus der Schriftrolle des Propheten Jesaja die Worte: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, den Armen eine frohe Botschaft zu verkündigen; er hat mich gesandt, den Gefangenen Freiheit zu predigen, und den Blinden, daß sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, daß sie frei und ledig sein sollen, zu verkünden das Gnadenjahr des Herrn." (Jes 61,1f). Anschließend sagte der Mann: "Heute ist dieses Schriftwort erfüllt vor euren Ohren." (Lk 4,21). Der Mann hieß Jesus und war in Nazareth aufgewachsen. Dieser Mann hielt sich plötzlich für den Messias. So unverhofft und konkret können Verheißungen Wirklichkeit werden.

Das gilt auch für die Verheißung eines neuen Jerusalems, von dem es in der Offenbarung des Johannes heißt: "Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen; zubereitet wie eine Braut, für ihren Mann geschmückt." (Offb 21,1f). Die Herabkunft des neuen Jerusalems ist in den Werken Swedenborgs & Lorbers geschehen. Das ist das Unglaubliche. Noch bevor man den Inhalt der Neuoffenbarung zur Kenntnis nehmen kann, muß man sich mit dem Anspruch der Neuoffenbarung auseinandersetzen, "von Gott aus dem Himmel herabgekommen", also Gottes Wort zu sein. Die Lorberschriften geben sich auf jeder Seite als das innere Wort des Herrn. Aber auch die Werke Swedenborgs sind Offenbarungen Jesu Christi; zwei Äußerungen mögen dies belegen:

Swedenborg: "In der Kraft der Wahrheit bezeuge ich, daß der Herr sich mir, Seinem Diener, geoffenbart und mich zu diesem Dienst ausgesandt hat, daß Er danach das Gesicht meines Geistes öffnete, mich in die geistige Welt einließ, mir gestattete, die Himmel und Höllen zu sehen und auch mit Engeln und Geistern zu reden, und zwar unausgesetzt schon viele Jahre hindurch. Ebenso bezeuge ich, daß ich vom ersten Tage jener Berufung an gar nichts, was die Lehren jener Kirche betrifft, von irgendeinem Engel empfangen habe, sondern vom Herrn allein, während ich das Wort las." (WCR 779). "Schon viele Jahre hindurch spreche ich mit Geistern und Engeln. Doch kein Geist wagte es, und kein Engel wünschte es, mir etwas zu sagen oder mich gar zu unterweisen über etwas im Worte oder über Lehren aus dem Worte; sondern allein der Herr lehrte mich, der sich mir offenbarte." (GV 135).[1]

Swedenborgs religiöses Werk ist die Herabkunft des neuen Jerusalems. Auf ihn und sein Wirken beziehen sich die Worte des Herrn bei Lorber: "Endlich in gar später Zeit werden abermals knapp vor einem großen Gerichte Seher erweckt und zugelassen werden, welche die kurze, schwere Mühe haben, die sehr unrein gewordene Lehre zu reinigen, auf daß sie behalten und nicht von der heller denkenden Menschheit als ein alter Priesterbetrug verworfen werde."[2] (Ev VI.176.10). Das war Swedenborgs Aufgabe: die Reinigung der "sehr unrein gewordene[n] Lehre". Das Ergebnis ist das neue Jerusalem. Immer wieder bringt Swedenborg sein Werk in Zusammenhang mit Offb 21,1f. So nahm er noch in den Titel seines abschließenden theologischen Hauptwerkes den entsprechenden Hinweis auf. Der vollständige Titel lautet: "Die Wahre Christliche Religion enthaltend die gesamte Theologie der neuen Kirche, die vom Herrn bei Daniel 7,13f und in der Offenbarung 21,1f vorhergesagt worden ist". Und ein früheres Werk trägt den Titel: "Über das neue Jerusalem und seine himmlische Lehre". Diese Beispiele sind Andeutungen dafür, wie zentral für Swedenborg die Vision des neuen Jerusalems war. Daher nannten seine Anhänger später ihren kirchlichen Zusammenschluß "General Convention of the New Jerusalem" bzw. "General Church of the New Jerusalem". Auch in der Neuoffenbarung durch Lorber vollzog sich die Herabkunft des neuen Jerusalems. In der "Haushaltung Gottes" heißt es: "Die Pforten Meiner Himmel habe Ich jetzt weit öffnen lassen. Wer immer herein will, der komme und komme bald und komme alsogleich; denn es ist gekommen die Zeit der großen Gnade, und das neue Jerusalem kommt zu euch Allen hinab zur Erde" (HGt I.12.4). Diese Worte stehen im ersten Band des ersten Werkes; sie sind also durchaus noch als Vorbemerkung zum Ganzen zu verstehen. Die Pforten der Himmel bezeichnen die Wahrheiten, insofern sie die Zugänge zu den inneren Geisterfahrungen (= Himmel) sind. Diese Pforten sind weit geöffnet; das heißt, daß die Wahrheiten leicht faßlich erklärt sind. Die Zeit der großen Gnade bedeutet die Offenbarung des Lichtes, denn die große Gnade ist das unverhoffte Geschenk des reichlich gespendeten Lichtes.[3] Das neue Jerusalem schließlich ist die Lehre der Neuoffenbarung.[4] Die Vision der Johannesoffenbarung erfüllte sich also auch in den Lorberwerken.[5]

Eine Stadt soll aus dem Himmel herabkommen. Schon das zeigt, daß diese Schau einen tieferen Sinn haben muß, sonst wäre sie kompletter Unsinn. Außerdem soll die Stadt wie eine Braut für ihren Mann geschmückt sein, was, wörtlich genommen, ebenfalls unsinnig ist. Das neue Jerusalem bezeichnet nach Swedenborg "eine neue Kirche hinsichtlich ihrer (neuen) Lehre" (vgl. EO 880, WCR 781-784, LH 62-65, NJ 1). Jerusalem steht für die Kirche (Begründung in WCR 782) und als Stadt für die Lehre, denn eine Lehre ist ein geistiges Gefüge; solche Strukturen sind die Lebensräume und Ballungszentren denkender Geister. Auch bei Lorber ist Jerusalem die Lehre. In der folgenden Stelle erklärt der Herr die Vision eines neuen Jerusalems mit den Worten: "Da war zu sehen diese Meine neue Lehre, die Ich euch aus den Himmeln gebe! Sie ist das wahre, neue Jerusalem aus den Himmeln" (Ev VI.13.5; vgl. auch Ev VII.54.5 und Ev VII.171.14). Das neue Jerusalem bezeichnet die neue, von Gott aus dem Himmel der Liebe geoffenbarte Lehre. Am Ende der Tage des Christentums erster Prägung wird sie offenbar. Seit Jahrtausenden ist die Menschheit mehr oder weniger erfolgreich unterwegs auf der Suche nach der Wahrheit; die philosophischen Systeme sind ein Zeugnis dieser Suche. Seit Jahrtausenden hat sich die Menschheit immer wieder von der Sinnenerfahrung leiten und leider auch verleiten lassen; Genesis 3 (der Sündenfall durch die Schlange) ist der große Bericht von der Macht der sinnlichen Welterfahrung und ihrem traurigen Ende, - dem geistigen Tod. Und nun soll die doctrina dei (= die von Gott gegebene Lehre) offenbar werden; nun soll gelten, was Jesus ankündigte: "Sie werden alle von Gott gelehrt sein." (Joh 6,45). Am Ende aller Ismen steht die doctrina dei; und was wunderbar ist: ihr Kommen wird auch durch die äußeren Wissenschaften vorbereitet, denn es gibt die Verheißung: "In jener Zeit erst will Ich den alten Baum der Erkenntnis segnen, und es wird durch ihn der Baum des Lebens im Menschen wieder zu seiner alten Kraft gelangen" (Ev IX.89.11). Der Baum der Erkenntnis ist die Wissenschaft aus der sinnlichen Welterfahrung; der Baum des Lebens ist die innere und daher lebendige Erkenntnis des Geistes. Es war der Wissenschaftler Swedenborg, der zum Seher geistiger Welten und Offenbarer ihrer Wahrheiten wurde und damit das Schicksal unserer Zeit vorwegnahm. Die doctrina dei wird sich auch in den äußeren Wissenschaften abzeichnen, wenn endlich das finstere Erbe des Materialismus überwunden sein wird.

Die neue Lehre formt sich aus dem inneren Verständnis der heiligen Schriften. Dieses Verständnis betrachtet die alten Texte nicht primär als historische Dokumente (die sie natürlich auch sind), sondern als Zeugnisse der Wirksamkeit des göttlichen Geistes in der Seele. Die Texte dienen der Bewußtwerdung dieser Wirksamkeit. Daher ist die neue Lehre eine "Licht- und Lebenslehre", weil sie mit dem Licht und dem Leben des Geistes verbunden ist; und daher ist sie auch die wahre Himmelspforte (vgl. oben HGt I.12.4). Zur Entfaltung und Herleitung der neuen Lehre aus dem inneren Schriftverständnis schreibt Lorber: "... in jenen Zeiten wird sie [die Lehre] ihnen nicht verhüllt, sondern dem himmlischen und geistigen Sinne[6] nach enthüllt gegeben werden, und darin wird das neue Jerusalem bestehen, das aus den Himmeln auf die Erde herniederkommen wird." (Ev IX.90.2). Dieses Wort könnte bei Swedenborg stehen, denn es spiegelt seine zentrale Einsicht wieder: Aus der Enthüllung der inneren Sinnschichten gestaltet sich das neue Jerusalem. Im folgenden Wort erklärt der Herr eine Himmelserscheinung (siehe Ev VII.49.3-4): "Die Zerteilung der Säule in zahllos viele Teile bedeutet die Enthüllung des innern, geistigen Sinnes aller Meiner Worte und Lehren, die Ich seit Beginn des Menschengeschlechtes den Menschen durch den Mund der Urväter, der Propheten und Seher und nun Selbst gegeben habe. Aus solchen vielen Teilenthüllungen des innern, geistigen Sinnes des Wortes Gottes wird sich dann erst eine wahre und große Licht- und Lebenslehre zusammenformen, und diese Lehre wird dann das große und neue Jerusalem sein, das aus den Himmeln zu den Menschen herniederkommen wird." (Ev VII.54.4-5). Auch hier lautet die Aussage: Das Offenbarwerden des inneren Sinnes ist die Voraussetzung der neuen Lehrbildung; sie wird, da sie auf dem inneren Wortverständnis fußt, spirituell geprägt sein, weswegen sie "Licht- und Lebenslehre" heißt. Und schließlich noch ein Wort: "Sehet, gerade so und noch ums Unaussprechliche heikler verhält es sich mit dem Worte des Herrn. Würde da gleich anfänglich der innere Sinn nach außen gegeben, so bestände schon lange keine Religion mehr unter den Menschen. Sie hätten diesen inneren heiligen Sinn in seinem Lebensteile ebensogut zernagt und zerkratzt, wie sie es mit der äußeren Rinde am Baume des Lebens getan haben. Schon lange wäre so die innere heilige Stadt Gottes ebenso zerstört, daß da kein Stein auf dem andern geblieben wäre, wie sie es mit dem alten Jerusalem getan haben und wie sie es getan haben mit dem äußeren, allein Buchstabensinn innehabenden Worte." (GS II.97.9). Der "innere heilige Sinn" ist gleichbedeutend mit der "inneren heiligen Stadt Gottes"; er konnte erst jetzt geoffenbart werden, weil die Menschheit erst jetzt eine gewisse Reife erreicht hat. All diese Worte zeigen, was wir zu erwarten haben: eine Lehre, die keine tote Hirngeburt sein wird, sondern eine "große Licht- und Lebenslehre"; eine Lehre, die durch die Enthüllungen des inneren Sinnes angeregt wird; eine Lehre, die somit mit dem innersten Himmel verbunden ist und jeden, der sie in sein Leben integriert, ebenfalls mit dem Himmel der reinsten Gotterfahrung verbindet. Inmitten des Historischen der heiligen Überlieferungen gibt es eine zeitlose Aussageebene; sie beschreibt den Weg der Einswerdung mit dem Göttlichen. Es ist der Weg der (geistigen) Wiedergeburt. Aus diesem Verständnis wird ein neues Wertesystem und am Ende eine spirituell geprägte Kultur hervorgehen. Das wird dann das neue Jerusalem auf Erden sein: eine geistige Gemeinschaft, die sich ihrer Wurzeln im Göttlichen bewußt sein wird. Dieser Prozeß wird durch die Posaunenstöße der Neuoffenbarungen vorangetrieben. Ihre Lehre entstammt dem inneren Sein des Göttlichen und sollte daher nicht zu einem Dogmatismus verflacht und verfestigt werden; die Stadt Gottes erschließt sich uns immer nur im Geist der Liebe und des meditativen Innewerdens. Daher heißt es: "öffnet die Tore der Liebe weit, die da ist die neue, heilige Stadt in eurem Herzen" (HGt I.32.1). Die Liebe im Herzen (nicht der Lehrsatz im Gehirn) ist die heilige Stadt oder der wahrhaft himmlische Sinn aller Worte Gottes. "Aus diesen Lichtern wird sich die Sonne des Lebens, also das neue, vollkommene Jerusalem, gestalten, und in dieser Sonne werde Ich auf diese Erde wiederkommen." (Ev IX.94.15). Die "Lichter" bezeichnen die Innewerdungen des Wahren; Innewerdungen sind Ereignisse des göttlichen Geistes in der menschlichen Seele. Aus ihnen erst gestaltet sich "die Sonne des Lebens", d.h. die Erfahrung der Liebe; sie ist der Quellgrund des Lebens; sie ist die höchste Weisheit; sie ist das innerste Verständnis aller Worte Gottes. Am Ende aller Wege wird das Licht zu seinem Anfang zurückkehren und das Bewußtsein wird sich im Göttlichen sammeln.

Die Enthüllung des inneren Sinnes sah Swedenborg vor allem in der Wiederkunft Christi "in den Wolken des Himmels" angekündigt, von der öfters in der Heiligen Schrift die Rede ist (Mt 24,30; 26,64; Mk 13,26; 14,62; Lk 21,27; Offb 1,7; 14,14ff; Dan 7,13). Da Christus das Wort ist (Prolog des Johannesevangeliums!), also das Göttlichwahre (WCR 777), bedeutet seine Wiederkunft die Wiederoffenbarung dieser göttlichen Wahrheit. Sie wird, wie es heißt, "in den Wolken des Himmels" geschehen. "Die Wolke bezeichnet die Verdunklung des Wahren, weil sie die Klarheit des Lichtes von der Sonne wegnimmt und auch mildert, und somit bezeichnet sie den buchstäblichen Sinn des Wortes, denn dieser Sinn ist im Verhältnis zum inneren Sinn die Verdunklung oder das Dunkel des Wahren." (HG 8106). Die Überlieferungen des Alten und Neuen Testamentes sind "die Wolken des Himmels", denn als historische Dokumente sind sie nicht die lichtvolle Wahrheit, sondern Verschattungen derselben. Gleichwohl ist das Himmelslicht in diesen Texten enthalten, - und kann offenbar werden. So kommt Swedenborg zu seiner Deutung von Mt 24,30: "'Und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen' (Mt 24,30) bedeutet: dann wird das Wort nach seinem inneren Sinn, in dem der Herr (wirksam) ist, offenbart. Der 'Menschensohn' ist das göttliche Wahre dort ... Die 'Wolken' sind der buchstäbliche Sinn; 'Macht' wird vom Guten und 'Herrlichkeit' vom Wahren ausgesagt." (HG 4060; vgl. auch HG 49). Zum Wesen geistiger Wolken schreibt Swedenborg: "Alle Erscheinungen des Wahren (apparentiae veri) sind 'Wolken'. In ihnen befindet sich der Mensch, wenn er im Buchstabensinn des Wortes ist; denn im Wort wird nach Erscheinungen geredet." (HG 1043). Mit "apparentiae veri"[7] ist gemeint, daß uns von der absoluten Wahrheit nur Vorstellungsbilder zugänglich sind. Sie sind immer mehr oder weniger lichte Umwölkungen des eigentlichen Wahren. Die Erscheinungsformen des Wahren in unserem Bewußtsein sind die Gedanken. Swedenborg schreibt: "Unter den Wolken werden geistige Wolken verstanden, welche Gedanken sind." (GLW 147). Die Gedankengebilde sind eine Umhüllung und somit Verschattung des Wahren. Die Wiederkunft in den Wolken des Himmels meint daher nicht nur den äußeren Prozeß der Neuoffenbarung und sein Ergebnis, die Werke Swedenborgs & Lorbers, sondern darüber hinaus einen Vorgang in jedem Menschen: die Erleuchtung seiner Gedanken aus dem Licht des Herzens. Darauf weisen besonders die Lorberschriften hin. Die Wiederkunft "in den Wolken des Himmels" wird dort mit dem "lebendige[n] Wort im Herzen" in Verbindung gebracht. In den "Himmelsgaben" heißt es: "Diese [= die Menschen Meines Zeichens] werden ihre Augen nur dahin richten, da sie sehen werden des 'Menschen Sohn auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit kommen' - welches ist das lebendige Wort im Herzen des Menschen oder Meine ewige Liebe im Vollbestande und daher ist 'von großer Macht und Herrlichkeit'. Und es sind die 'Wolken des Himmels' die unendliche Weisheit Selbst in diesem lebendigen Worte." (Hg I.338.11)[8]. Das ist der eigentliche Aufgang der Wahrheitssonne in "Kraft und Herrlichkeit". Die äußeren Offenbarungen sind nur die Vorläufer. Die gotterweckten Propheten sind die Wolke der Zeugen: "Ich aber werde zuerst unsichtbar kommen in den Wolken des Himmels, was so viel sagen will als: Ich werde vorerst Mich den Menschen zu nahen anfangen durch wahrhaftige Seher, Weise und neuerweckte Propheten, und es werden in jener Zeit auch Mägde weissagen und die Jünglinge helle Träume haben, aus denen sie den Menschen Meine Ankunft verkünden werden ..." (Ev IX.94.3).

Der Ursprungsort des neuen Jerusalems ist der neue Himmel. Seit Swedenborg & Lorber kann man wissen, daß der Himmel eine innere Wirklichkeit ist. Schon im Schöpfungsbericht Genesis 1 bezeichnen "Himmel und Erde" nicht die äußere Schöpfung, sondern den Menschen in seiner Dualität als geistiges und natürliches Wesen[9]; er ist zugleich innerer und äußerer Mensch und demzufolge Bewohner zweier Welten. Daher bezeichnen auch der neue Himmel und die neue Erde der Johannesoffenbarung etwas Neues im Bereich des Menschseins: und das ist Jesus Christus; er ist die nova creatio dei (die neue Schöpfung Gottes). Denn durch die Fleischwerdung Gottes (Joh 1,14) hat die Materie ein anderes Gesicht bekommen; Materie und Geist sind keine ausschließlichen Gegensätze mehr. Die Verklärung (= Vergöttlichung) des Christusleibes schuf einen Weg von der Materie in den Geist. Daher heißt es in den Lorberschriften: "Alle alte Ordnung der alten Himmel samt den Himmeln hört auf, und es wird nun auf die Grundlage der nun durch Mich gesegneten Materie [Verklärung] eine neue Ordnung und ein neuer Himmel gemacht, und die ganze Schöpfung, wie auch diese Erde, muß eine neue Einrichtung bekommen. Nach der alten Ordnung konnte niemand in die Himmel [Geistwirklichkeit] kommen, der einmal in der Materie gesteckt ist; von nun an wird niemand wahrhaft zu Mir in den höchsten und reinsten Himmel kommen können, der nicht gleich Mir den Weg der Materie und des Fleisches durchgemacht hat." (Ev IV.109.3f). Jesus Christus hat das Wunder vollbracht: die Materie durchbrochen. Er ist daher die Eizelle der neuen Schöpfung; von ihr geht die Verklärung der gesamten Schöpfung aus. Das geschieht, indem zunächst ein neuer Himmel aus den Seelen gebildet wird, die sich durch den in Jesus Christus schaubaren Gott[10] zur höchsten Gottesliebe haben entflammen lassen. "Man muß wissen, daß ... ein neuer Himmel aus den Christen gebildet wurde, die die Wahrheit annehmen konnten, daß der Herr nach seinen Worten bei Mt 28,18 der Gott des Himmels und der Erde ist" (Vorrede Swedenborgs zu EO; vgl. auch WCR 781). Der neue Himmel ist der Himmel der reinen Gottesliebe; er ist das himmlische Potential, das sich in den vergangenen zweitausend Jahren aus allen christusliebenden Seelen gebildet hat. Seit Ostern ist die neue Gotteserfahrung möglich und daher - bildlich gesprochen - die Bevölkerung des neue Jerusalems im Himmel: "Mit diesem Sich-Offenbaren [des Verklärten] in der Geisterwelt entstand der Bau und die Bevölkerung des neuen Jerusalem als der Stadt Gottes, und sie wird bestehen bleiben in Ewigkeit." (Ev XI.75). "Erst nach Meinem Tode, wenn dieser Mein Leib aufgenommen sein wird als ein Kleid der allmächtigen, unendlichen Gottheit Selbst, werden alle diejenigen, die vor dieser Meiner Zeit das Leibesleben verlassen haben, imstande sein, durch Anschauung der nun persönlichen Gottheit in ewiger Gemeinschaft mit Dieser zu leben, und zwar in einer Stadt, welche Ich euch bereits gezeigt habe, als jene zwölf leuchtenden Säulen die Jerusalemer nächtlich erschreckten [Ev VII.44f], und welche das wahre, himmlische Jerusalem, die ewige Stadt Gottes, darstellt." (Ev XI.52.4). Alle, die in Christus den Tempel Gottes (Joh 2.19ff) erkannt haben, sind ihrerseits "die neuen Tempel des Geistes Gottes, aus denen ein ganz neues Jerusalem im Himmel erbaut wird." (Ev III.162.4). Das neue Jerusalem im Himmel, auch "das ewige Jerusalem" (GS I.61.12) genannt, ist das Urbild oder die Matrix des neuen Jerusalems auf Erden. Es ist die Voraussetzung dafür, daß auch auf Erden ein neues Bewußtsein entstehen kann; denn die himmlische Welt ist die Ursprungswelt. Daher kommt Swedenborg zu dem Schluß: "Es entspricht der göttlichen Ordnung, daß der neue Himmel früher gebildet wird als die neue Kirche auf Erden ... In dem Maße, in dem dieser neue Himmel, der das Innere der Kirche beim Menschen bildet, wächst, steigt aus diesem Himmel das neue Jerusalem ... herab." (WCR 784).

Die neue Erde bezeichnet eine neue Kirche; sie ist der Ort des neuen Jerusalems, d.h. der Ort der neuen Lehre. Es ist viel gerätselt worden, wie die neue Kirche entstehen könnte. Einige Andeutungen Swedenborgs lassen erkennen, daß er einesteils den "ordentlichen" Weg der Verbreitung vor Augen hatte, also von den Geistlichen (Klerus) zu den Laien (vgl. WCR 784). Doch diese Hoffnung scheint sich eher nicht zu bewahrheiten. Bei Swedenborg findet man aber auch den gegenteiligen Gedanken (vgl. JG 74 und HG 2986): die Vertreter der christlichen Kirchen werden die neue Lehre nicht annehmen; weswegen Swedenborg auf die Heiden (oder das neue Heidentum im christlichen Abendland?) hofft. Das entspricht der bisherigen Erfahrung: eine neue Kirche (oder Religion) entstand selten, wenn überhaupt je, bei den Angehörigen der alten Kirche; meist entwickelte sich eine neue Religion. So war es auch beim Christentum; trotz seiner jüdischen Wurzeln durchdrang es nicht das Judentum, sondern entwickelte sich zu einer eigenständigen Religion. Ich will an dieser Stelle nicht erörtern, wie die neue Kirche entstehen könnte. Aber ein Gedanke aus den Lorberschriften ist mir wichtig. Die nova ecclesia spiritualis (die neue Geistkirche) wird nicht dadurch entstehen, daß die Anhänger Swedenborgs & Lorbers möglichst viele Schäfchen für das eigene Lager gewinnen werden; das ist der alte Sektenegoismus. Die Geistkirche Christi wird vielmehr durch das Zusammenrücken verschiedener Gruppen entstehen; und hier meine ich ganz konkret die Swedenborg- und Lorbergruppen. Die Schriften beider Propheten sind (trotz einiger Unterschiede) geistig so eng verwandt, daß das Zusammenrücken eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten sollte. Ich finde diese Hoffnung in einem Bild aus den Lorberwerken wunderbar ausgedrückt: "Nun aber sehet noch einmal hin, und ihr ersehet, wie aus den lichten Wölklein sich 'eine neue Erde' bildet! Was wohl stellen die lichten Wölklein dar? Es sind das Vereine von lauter solchen Menschen, die von der göttlichen Wahrheit durchleuchtet sind; und sehet, nun rücken diese Vereine enger und enger zusammen, und bilden also einen großen Verein: und sehet, das ist eben 'die neue Erde', über der sich ein neuer Himmel ausbreitet, voll Licht und Klarheit!" (Ev VIII.48.2). Daher bin ich der Meinung, daß es zwischen den Anhängern Swedenborgs & Lorbers zu einer herzensoffenen Ökumene kommen sollte. Die vorwärtstreibenden Kräfte sind all jene Christen, die beide Offenbarungen lesen, kennen und schätzen. Was sie im Herzen vereint haben, können sie auch in der Welt verbinden. An diese Freunde wende ich mich vor allem. Auch Swedenborg war ein großer ökumenischer Denker; einige seiner schönsten Gedanken will ich abschließend erwähnen. Sie zeigen, daß die Ökumene nicht im Kopf, sondern im Herzen beginnt; nicht die Einheitsmeinung ist das Wesen der Ökumene, sondern die Verbundenheit im Herzen in der Liebe Christi.

Swedenborg: "Die mangelnde Übereinstimmung in den Glaubenslehren bewirkt keine Spaltung der Kirche, wenn die Einmütigkeit im guten Wollen und Tun vorhanden ist." (HG 3451). "In der Christenheit unterscheiden sich die Kirchen nach ihren Lehrbestimmungen. Von daher nennen sie sich Römisch-Katholische, Lutheraner, Calvinisten oder Reformierte und Evangelische usw. Man nennt sie so lediglich aufgrund ihrer Lehren. Das wäre durchaus nicht der Fall, wenn sie die Liebe zum Herrn und die tätige Liebe zum Nächsten zur Hauptsache machen würden. Dann nämlich wären jene Dinge nur Meinungsverschiedenheiten in den Geheimnissen des Glaubens, welche die wahren Christen dem Gewissen eines jeden überlassen. Wahre Christen sagen in ihrem Herzen, ein wahrer Christ sei, wer als Christ lebt bzw. wie der Herr lehrt. Auf diese Weise würde aus allen verschiedenen Kirchen eine einzige werden, und alle Zwistigkeiten, die aus der bloßen Lehre entstehen, würden verschwinden, ja der gegenseitige Haß würde augenblicklich vergehen und das Reich des Herrn auf Erden entstehen." (HG 1799).

Fußnoten

[1] Die Lehren der neuen Kirche sind Swedenborg über das Medium der Heiligen Schrift unmittelbar vom Herrn geoffenbart worden. Gleichwohl schrieb Swedenborg auch einige Werke aus der Weisheit der Engel; das ist dann im Titel dieser Werke angegeben: z.B. "Sapientia Angelica de Divino Amore et de Divina Sapientia" (Die Weisheit der Engel über die Göttliche Liebe und die Göttliche Weisheit).

[2] Alles in dieser Verheißung paßt haargenau auf Swedenborg: a) "knapp vor einem großen Gerichte": Swedenborgs Berufungsvision ist in das Jahr 1745 zu datieren; nur zwölf Jahre später (1757) wurde der Seher zum Zeugen des Jüngsten Gerichtes in der geistigen Welt. b) "Seher": Mit Swedenborgs Berufung zum Ausleger des geistigen Sinnes der Heiligen Schrift war die Öffnung der Augen seines Geistes verbunden, so daß er fortan die Geisterwelt, den Himmel und die Hölle sehen konnte. c) Die "kurze, schwere Mühe ..., die sehr unrein gewordene Lehre zu reinigen": Swedenborg mußte sich weit intensiver als Lorber mit der alten Lehre auseinandersetzen; kraft göttlicher Erleuchtung konnte er den alten Überlieferungen dennoch das wahre Himmelsgold entwinden, was wahrlich eine "schwere Mühe" war.

[3] Zum Gnadenbegriff bei Lorber: "Darum gebe Ich aller Liebe zu Mir nach dem Grade ihrer Größe auch alsogleich den gerechten Anteil des Lichtes hinzu, und das ist ein Geschenk und heißt die Gnade" (HGt I.4.7; vgl. auch JJ 298.15 und Ev I.2.15f). Siehe auch Swedenborg HG 598.

[4] Siehe auch HGt I.25.7: "... bis zur vollen Darniederkunft Meiner heiligen Stadt, was soeben zu geschehen anfängt."

[5] Das kam übrigens auch, ähnlich wie bei den Swedenborgianern, institutionell zum Ausdruck. Denn der heutige Lorberverlag hieß von 1907 bis 1947 "Neusalemsverlag" (nach Ev IX.98.1: "Neusalemiten").

[6] Auch Swedenborg unterschied den geistigen und den himmlischen Sinn; siehe WCR 212.

[7] Die deutsche Sprache hat das Wort "Wahrscheinlichkeit"; allerdings ist die Bedeutung sehr verengt. Ähnliches gilt für das griechische "Dogma"; es ist eigentlich von einem Verb abgeleitet, das "erscheinen" oder "den Anschein haben" bedeutet. Das Dogma ist daher ursprünglich kein starres Gebilde, sondern das, was uns von der Wahrheit erschienen ist.

[8] Eine ähnliche Aussage steht im "Großen Evangelium": "... wenn Ich dann licht und helle in den Wolken der Himmel ... im lebendigen Worte ... auftreten werde im wahren Himmel, der im Herzen der Menschen ist, dann ..." (Ev VI.174.10).

[9] Vgl. Swedenborg HG 82 und Lorber Ev I.157.4. Daher nannten die alten Weisen den Menschen einen "Mikrokosmos" (GLW 319); und Swedenborg nennt ihn zuweilen einen "Himmel in kleinster Gestalt" (HH 30 mit Anmerkung; auch "Hölle in kleinster Gestalt" HG 5339).

[10] Zur Bedeutung des schau- und damit verbindbaren Gottes siehe WCR 538 und 786.

Abgeschlossen am 14.11.1994. In: Das Wort 6 (1997) 371-382