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Swedenborgs alte Kirche neu entdeckt

Thomas Noack

1.  Die alte Kirche und die Religionen des alten Orients

Im heutigen Verständnis meint alte Kirche entweder ein altes Kirchengebäude[1] oder einen Abschnitt der Kirchengeschichte, nämlich den zwischen Urchristentum und Mittelalter. Doch Swedenborg verstand unter der alten Kirche etwas anderes. Er meinte das, was wir heute die Religionen des alten Orients nennen.[2] Das ergibt sich eindeutig aus der zeitlichen und räumlichen Einordnung der alten Kirche.

Sie ist die zweite Epoche in der Zeitalterlehre Swedenborgs. Diese Lehre ist allerdings nicht vollkommen frei von Widersprüchen. Orientiert man sich an WCR 760 und 764, dann hat man fünf Epochen zu unterscheiden: die älteste, die alte, die israelitische, die christliche und die neue Kirche. Orientiert man sich hingegen an den drei großen Gerichten von JG 46 und der Beobachtung, dass Swedenborg die Religion des alten Israels der alten Kirche zurechnen kann, dann kommt man auf vier Epochen: die älteste, die alte, die christliche und die neue Kirche. So oder so bleibt aber klar, dass die alte Kirche die zweite religionsgeschichtliche Epoche ist. Sie begann unmittelbar nach der Sintflut. Der Widerspruch in der Anzahl der Zeitalter erklärt sich daraus, dass Swedenborg die israelitische Kirche einmal als ein Phänomen innerhalb der alten Kirche ansieht und ein anderes Mal als einen Sonderfall, beides ist richtig.

Von der zeitlichen Einordnung ist die Periodisierung der alten Kirche zu unterscheiden. Denn die zeitliche Einordnung beschreibt das Außenverhältnis, die Periodisierung hingegen das Innenverhältnis dieser Kirche. Die erste alte Kirche sieht Swedenborg in Noah und seinen Söhnen (HG 1238). Die zweite alte Kirche (HG 1281), auch hebräische Kirche genannt, geht auf Eber (Gen 10,21.24) zurück (HG 3031). Mit dieser Kirche begann der Opferdienst (HG 2180). Die dritte alte Kirche (HG 1282) nahm ihren Anfang mit Abraham und erhielt ihren Namen von Jakob, der in Israel umbenannt wurde, und später von Juda (HG 1327). Gemeint ist die israelitische Kirche oder nach der babylonischen Gefangenschaft das Judentum. Aus der im Verfall befindlichen alten Kirche wurde ein ganz äußerlicher Kult geformt, von dem Swedenborg sagt, dass er nur noch »die Vorbildung einer Kirche (Ecclesiae repraesentativum), aber nicht mehr eine vorbildende Kirche (Ecclesia repraesentativa)« war (HG 4844). Wie diese Unterscheidung zu verstehen ist, geht aus der folgenden Äußerung hervor: »Eine vorbildende Kirche liegt vor, wenn ein innerer Gottesdienst im äußeren vorhanden ist; die Vorbildung einer Kirche hingegen ist gegeben, wenn kein innerer, sondern nur noch ein äußerer Gottesdienst da ist.« (HG 4288). Doch gerade diese ganz veräußerlichte Religionsform war dazu ausersehen, die alte Weisheit über die Zeiten hinweg zu bewahren, im Alten Testament.

Die alte Kirche erstreckte sich über »Assyrien, Mesopotamien, Syrien, Äthiopien, Arabien, Lybien, Ägypten, Palästina bis Tyrus und Sidon, Kanaan diesseits und jenseits des Jordans.« (HG 2385). Unter Kanaan ist das gesamte Gebiet vom Fluß Ägyptens bis zum Euphrat zu verstehen (HG 4454 mit Hinweis auf Genesis 15,18). Das Gebirge Seir war eine Grenze Kanaans (HG 4240 mit Hinweis auf Josua 11,16f). Im Wissen um diese Ausdehnung Kanaans wird es verständlich, wenn Swedenborg an anderer Stelle ausführt, dass sich Überreste der ältesten oder Urkiche zur Zeit der alten Kirche noch im Lande Kanaan und dort besonders bei den Hethitern und Hewitern befanden (HG 4447), die somit ebenfalls der alten Kirche zuzurechnen sind. Die alte Kirche erstreckte sich also über das Gebiet des Vorderen Orients.

Aus dieser zeitlichen und räumlichen Einordnung ist nun ersichtlich, dass Swedenborgs alte Kirche nach heutigem Sprachgebrauch eindeutig die Religionen des alten Vorderen Orients meint.

2.  Fortschritte der Altertumswissenschaften

Als Swedenborg im Jahre 1772 starb, war der alte Orient wissenschaftlich noch weitgehend unentdeckt. Erst nach seinem Tode entwickelten sich die Ägyptologie, die Altorientalistik mit der Assyriologie, der Semitistik und der Hethitologie, und die vorderasiatische Archäologie. 1822 glückte Jean-François Champollion die Entzifferung der Hieroglyphen. Die akkadischen Keilschrifttexte sind erst seit etwa 130 Jahren lesbar, und die Erschließung der sumerischen Texte setzte noch etwas später ein.

Somit befinden wir uns in der folgenden Situation: Swedenborg weiß viel von der alten Kirche, aber nichts von ihren Hinterlassenschaften, die erst nach seinem Tode zugänglich wurden. Seine Anhänger stehen daher vor der Wahl, entweder die Erkenntnisse ihres Meisters als Museumsstücke zu betrachten oder sie weiterzuentwickeln unter Einbeziehung des seither gewonnenen Wissens. Wir entscheiden uns für die zweite Möglichkeit und wollen an dieser Stelle das Gelände abstecken und einige Aussichten wagen.[3]

3.  Die Weisheit der alten Kirche

3.1.  Allgemeines zum Wesen dieser Weisheit

In den Augen Swedenborgs besaßen die Eingeweihten der alten Kirche eine hohe, uns allerdings fremd gewordene Weisheit. Swedenborg überrascht uns mit Formulierungen wie »die Weisheit der alten Kirche« (Antiquae Ecclesiae sapientia, HG 3179) oder »die Weisheit der Alten« (sapientia veterum, HG 605). Vertrauter dürfte uns die Beurteilung des frühen Geistes durch Barthel Hrouda sein, der vorderasiatische Archäologie in München lehrte. »Zunächst hat man offenbar das Heilige, als die Ursache aller Wirkungen, mit den vielen allerwegen erfahrenen dunklen Erscheinungen in Verbindung gebracht - mit dem Bau und dem Lauf der Welt, die unermeßlich groß uns einhüllt, die vor uns da war und nach uns da sein wird und die unserer nicht bedarf. Da sind der wunderbare Himmel oben und, so weit das Auge reicht, die riesige Erde mit ihrem Unterbau einer geheimnisvollen Tiefe; unermeßlich weit erstreckt sich ihre vielgestaltige Oberfläche mit Flüssen, Meer und fruchtbarem Land, mit Wüsten, Ebenen und Bergen, mit ihrem Pflanzenbewuchs und dem ganzen Gewimmel der Tiere; da sind die ewigen und unfehlbaren Bahnen der Sterne; da ist das unerwartete Niederströmen des Regens, das Toben der Winde, der Stürme; da sind das geheimnisvolle Sprießen der Pflanzen und das genauso unfaßbare Wachsen der Tiere - und all die tausend weiteren Rätsel, die sich von überallher einstellten und dem frühen Geist ganz unlösbar vorkommen mußten, da er noch lange ohne wirklich ›wissenschaftliche< Fähigkeiten bleiben sollte. Wollte man darauf best- und schnellstmöglich antworten, was lag näher, als sich der unsichtbaren höheren Macht anzuvertrauen, deren wahre Existenz sich den Herzen und Köpfen dunkel aufdrängt? So sind alle diese Phänomene dem Eingreifen des Übernatürlichen zugeschrieben worden, das in numinose Einheiten aufgeteilt wurde: nämlich in ›Gottheiten‹, die man in Beziehung zu den jeweiligen Welträtseln setzte.«[4] Während Barthel Hrouda also davon ausgeht, dass der frühe Geist die Erscheinungen nicht durchschaut und in seiner Not die Götter erfunden hat, geht Emanuel Swedenborg ganz im Gegenteil davon aus, dass er sie gründlich durchschaut und gerade deswegen in Korrespondenz mit göttlichen Mächten gesehen hat.

Die Weisheit der Alten bestand in der »Wissenschaft der Entsprechungen« (scientia correspondentiarum, WCR 205) und im »darstellenden Kult« (cultus repraesentativus, LS 102). Hierbei bezieht sich correspondentia auf das Verhältnis zwischen dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren und repraesentativum auf das Sichtbare, das in einem Korrespondenzverhältnis steht und daher etwas Unsichtbares darstellt oder repräsentiert. Aus dem Gesagten geht auch hervor, dass die Alten nach der Sintflut bereits sinnlicher waren als die Uralten vor der Sintflut, denn sie brauchten einen Gegenstand der sinnlichen Wahrnehmung in Form des cultus repraesentativus. Während die Uralten eine innere Wahrnehmung (perceptio) hatten, war bei den Alten nur noch ein durch Objekte der sinnlichen Wahrnehmung vermitteltes Bewusstsein (conscientia) des Guten und Wahren vorhanden (HG 597). Die Weisheit der Alten stand jedoch in der Tradition der Uroffenbarung Gottes an die ersten Menschen der Erde (siehe Swedenborgs Ausführungen über die traditionsgeschichtlichen Wurzeln des alten Wortes).

3.2  Die Götterwelt

Im alten Orient gab es viele Götter,[5] doch Swedenborg versichert uns, dass am Anfang die Verehrung eines Gottes stand. Mit dieser Ansicht steht er nicht allein da, auch nach Hermann Junker, ehemals Ägyptologe in Wien, »war schon in der ältesten, erkennbaren Phase der ägyptischen Religion der Glaube an einen höchsten Gott, den Schöpfer und Erhalter der Welt, vorhanden«[6]. Die verschiedenen »Gottheiten könnte man eher als Aspekte und Emanationen des Einen bezeichnen.«[7] So sieht es auch Swedenborg: »Die Alten bezeichneten den einen Gott mit verschiedenen Namen je nach den verschiedenen von ihm (ausgehenden Wirkungen).« (HG 5628). »Bei den Alten war es üblich, dem Namen Jehovah etwas hinzuzufügen und auf diese Weise einer seiner Wohltaten oder Eigenschaften zu gedenken.« (HG 2724). Die Vielzahl der Namen deutete demnach nicht auf viele Götter, sondern auf viele göttliche Eigenschaften. Als jedoch das geistige Verständnis dieser Namen in Vergessenheit geriet, entstand die Vielgötterei. Swedenborg spricht diesen Verfall der Urweisheit mehrfach an: »Nachdem die (alte) Kirche vom Guten und Wahren abgekommen war, und somit auch von jener Weisheit, begann man so viele Gottheiten zu verehren als es Benennungen des einen Gottes gab.« (HG 3667, vgl. auch HG 2724). Die Menschheit ist demnach vom Mono- zum Polytheismus fortgeschritten. Diese Sichtweise Swedenborgs setzt einen hohen Anfangszustand voraus und betrachtet die anschließende Entwicklung als einen Verfall. Sie passt freilich nicht zum Fortschrittsglauben des neuzeitlichen Menschen, der lieber mit einem primitiven Urzustand rechnet, aus dem sich die Menschheit erst allmählich zu den uns bekannten vermeintlichen Höhen aufgeschwungen hat. Nach Swedenborg aber geschah schon am Anfang das mächtige Erwachen des Geistes, der nach und nach in die Finsternis der sinnlich erfahrbaren Welt eintauchte, dort erlosch und in Vergessenheit geriet. Swedenborg geht also von einem anderen Paradigma aus. Am Anfang brach das Licht des Geistes als Uroffenbarung in die Menschenwelt ein und machte aus dem Erdling Adam den Adam Kadmon oder den homo sapiens. Adam Kadmon meint den von Osten oder vom Aufgang des Geistes her kommenden Menschen, und homo sapiens den weisen Menschen. Doch das Feuer der Elohim, der göttlichen Kräfte im Menschen, erlosch im Chaoswasser der Welt. Als Zeichen dieses traurigen Fortschritts sehen wir den Scherbenhaufen des Polytheismus.

Die Götter des alten Orients stellen nach Swedenborg Eigenschaften (attributa) des einen Gottes dar (vgl. HG 6003). Doch unser Wissen über diese Götter lehrt uns einen anderen Bezug. Denn allem Anschein nach verkörpern sie Aspekte der Natur. Nehmen wir zum Beispiel die wichtigsten sumerischen Gottheiten. An verkörpert den Himmel, Enlil die Atmosphäre und besonders den Wind, Enki das Wasser, Nanna den Mond, Utu die Sonne und Inanna die Venus, den Morgen- und den Abendstern. Aus swedenborgscher Sicht ist dieser Widerspruch jedoch leicht aufzulösen, denn »die ganze Natur ist eine darstellende (oder vorbildende) Bühne des Reiches des Herrn.« (HG 3942). Sie ist ein »theatrum repraesentativum«, denn die Urweisen der Erde erkannten in diesem Schauspiel der Natur das Göttliche. »Sie nahmen in den einzelnen Gegenständen der Sinne etwas Göttliches und Himmlisches wahr. Wenn sie beispielsweise einen hohen Berg sahen, dann nahmen sie darin nicht das Vorstellungsbild eines Berges wahr, sondern der Höhe, und aufgrund der Höhe erschauten sie den Himmel und den Herrn … und wenn sie den Morgen sahen, dann dachten sich dabei nicht bloß an den Morgen eines Tages, sondern an das Himmlische, das dem Morgen und der Morgenröte in den Gemütern gleicht …« (HG 920). Der Urmensch sah in der Natur noch nicht blinde Kräfte, sondern göttliche Mächte, so dass er durch die Natur das Wesen der Gottheit erforschen konnte. Sehr schön hat diesen Zusammenhang der Schreibknecht Gottes, Jakob Lorber, beschrieben: »Aber später fingen diese vom Gottesgeiste belehrten Ureinwohner (Ägyptens) an, über das Wesen der Gottheit tiefer nachzudenken, und das um so tiefer, je mehr sie mit den Kräften der Natur sich vertraut machten. Eine jede solche von ihnen erkannte Kraft wurde als eine eigentümliche Eigenschaft der einen Urkraft in der Gottheit dargestellt.« (GEJ 10,192,4f). Daher kann man die altorientalischen Götter gewiss bestimmten Erscheinungen in der Natur zuordnen, aber mit dieser dürftigen Erkenntnis hält sich unser Geist nur in der Vorhalle der alten Weisheit auf. Im Allerheiligsten erschaute man damals durch alle Bilder hindurch den einen, wahren Gott.

Swedenborg deutet kaum eine der Göttergestalten des Vorderen Orients. Er hält zwar mit der Wissenschaft der Entsprechungen den Schlüssel zu ihrem Verständnis in seiner Hand, aber er kennt noch nicht ihre zahlreichen Namen und das heute zugängliche, reichhaltige Material. Von den im Alten Testament erwähnten Göttern deutet er nur Dagon (1. Samuel 5; Richter 16,23) und Beelzebul (2. Könige 1,2.16). Zu Dagon schreibt er: »Dieser war oben wie ein Mensch und unten wie ein Fisch. Dieses Bild hatte man erfunden, weil der Mensch das Verständnis und ein Fisch das (bloße) Wissen bedeutet, die eins ausmachen.« (LS 23; siehe auch OE 817 und LG 52).[8] Und zu Beelzebul schreibt er: »Unter Beelzebul, dem Gott (der Philisterstadt) Ekron (2. Kön 1,2), versteht man den Gott alles Falschen, denn Beelzebul bedeutet übersetzt Herr der Fliegen, und Fliegen bedeuten das Falsche des sinnlichen Menschen, somit Falsches jeglicher Art.« (OE 740; siehe auch WCR 630).[9] Andere im Alten Testament erwähnte Gottheiten erwähnt er zwar hin und wieder, aber zu ihrem Wesen erfahren wir so gut wie nichts. Das gilt für Aschera, Astarte, Baal, Kemosch, Milkom und Moloch.[10] Gleichwohl kann man aus Swedenborgs Schriften mancherlei nützliche Hinweise entnehmen, beispielsweise kann man in seinen Deutungen der Tiere einen Schlüssel zum Verständnis der tiergestaltigen Gottheiten sehen.

Im Folgenden versuchen wir eine geistige Deutung der vier schöpferischen Gottheiten der sumerischen Religion, das heißt des Himmelsgottes An, der Erd- oder Muttergöttin, die verschiedene Namen hatte, des Luftgottes Enlil und des Wassergottes Enki.[11] Diese kosmische Vierheit begegnet uns auch in der babylonischen und assyrischen Religion, dort als Anu, Enlil, Ea (= Enki) und die Muttergottheit. Und vermutlich sind die vier Elemente des griechischen Denkers Empedokles, Feuer (= Himmel), Luft, Wasser und Erde, nur eine »entmythologisierte« Variante der genannten vier Gottheiten (= Prinzipien) aus Mesopotamien.[12]

Ein Wort zur geistigen Deutung. Sie sucht das Gemeinte der Bilder und sprachlichen Zeichen im menschlichen Geist. Damit unterscheidet sie sich von der historischen Deutung. Denn die sucht es draußen in der Vergangenheit der objektiven Welt. Eine fundierte geistige Deutung sollte die Ergebnisse der historischen Forschung aufnehmen. Unterscheidung bedeutet also nicht Scheidung. Der Geist braucht auch für seine, die geistige Deutung die Objekte da draußen, auch wenn sie ihm immer nur als Projektionsfläche seiner eigenen Schöpfungen dienen können. Auch die historische Deutung bildet gegenwärtige Fragestellungen auf vergangene Ereignisse ab und kann daher das Ideal absoluter Objektivität nie erreichen. Die geistige Deutung ist also keine objektive Deutung. Sie ist auch keine eindeutige Deutung, denn jeder Geist sieht die Dinge etwas anders. Das Ziel der geistigen Deutung besteht darin, im eigenen Geisteserleben Strukturen zu finden, die den äußeren Strukturen beispielsweise eines Textes entsprechen.

Nun zu den vier schöpferischen Gottheiten der Sumerer. Im Himmelsgott An und seiner Erd- oder Muttergöttin kann man den inneren und den äußeren Menschen sehen. Swedenborgs Auslegung von Genesis 1,1 in HG 16 lädt dazu ein. Allerdings gilt diese Deutung nur, wenn man als Bezugsrahmen die Wiedergeburt des Menschen wählt, wie Swedenborg dies in HG 6 tut. In einem anderen Rahmen kommt man zu anderen Deutungen. So können Himmel und Erde in Bezug auf Gott sein Sein und sein Wesen im Sinne der WCR bedeuten. Interessanterweise ist An ein untätiger Gott, ein deus otiosus. Dementsprechend entzieht sich auch das göttliche Sein anders als sein Wesen der menschlichen Erfahrbarkeit und ist somit für den Menschen wie etwas Untätiges.

Die Erde als Muttergöttin gebiert die Ideen des Urgrundes. Dieses Wissen hat den Weg sogar bis in unsere Sprache gefunden, denn Mutter Natur von lateinisch natus, was geboren bedeutet, ist nichts anderes als die aus Gott geborene Gebärerin, die Matrix aller Dinge. Gleiches gilt für das griechische Wort Physis, von dem unsere Physik, die Lehre von den (scheinbar) unbelebten Dingen der Natur, ihren Namen hat. Im Schöpfungsbericht der Bibel, welche die alten Gottheiten in den Monotheismus eingliedern und zum Verschwinden bringen will, ist die Erde noch halbwegs deutlich als ehemalige Muttergöttin erkennbar. Denn während sonst immer Gott aktiv-schöpferisch ist, ist es in Genesis 1,12 die Erde, dort bringt sie etwas hervor, nämlich die Pflanzen.

Enlil ist der Gott der Luft und besonders des Windes. Das archaische Bewusstsein erlebte im Wind »den Geist oder das Leben« (HG 97). Die biblischen Sprachen bestätigen diesen Zusammenhang. Denn das hebräische Ruach und das griechische Pneuma bedeuten Wind und Geist. Gleiches gilt für das lateinische Wort Spiritus. Die Naturerfahrung des Windes entspricht dem Geisterlebnis der Anwehung durch das göttlich Wahre. Die Seele atmet das Wahre des göttlichen Geistes ein (OE 419, EO 343). Enlil ist der aktive Gott und in vielerlei Hinsicht der vornehmste im sumerischen Pantheon. Der Geist ist die aktiv-schöpferische Kraft par excellence im Menschen. Enlil ist der »Göttervater« und der Geist der Ursprung aller göttlichen Kräfte im Menschen. Enlil ist der »König Himmels und der Erde« und das Geistwahre der Herrscher im Mikrokosmos Mensch. Folglich erhält Enlil das Beiwort »der große Berg«, denn der göttliche Geist ist die sehr erhabene Macht im Menschen.

Enlil trennt Himmel und Erde. Gleiches gilt in Ägypten für den Luftgott Schu. Der Gottesgeist des Wahren schafft auf diese Weise das Spannungsfeld von oben und unten oder von Sinn und Sinnlichkeit, in dem sich das menschliche Bewusstsein entfalten kann. Auch im biblischen Schöpfungsbericht werden Himmel und Erde geschieden. Dort allerdings durch die raqia. Swedenborg übersetzte dieses Wort mit Ausbreitung (expansum). Das führt zu der Vermutung eines Zusammenhanges zwischen der biblischen Ausbreitung und der altorientalischen Vorstellung der sich ausbreitenden Luft. Im biblischen Bericht schwebt der Geistbraus Gottes vor der Schöpfung (= Wiedergeburt) noch über den Wassern. Durch seine Worte und Werke wird er dann aber auch im Schöpfungsraum sichtbar und füllt ihn aus.[13]

Enki ist der Gott des unterirdischen Süßwasserozeans. Das Wasser Enkis tritt in den Quellen zutage und verleiht der Erde Fruchtbarkeit. Zugleich ist Enki der Gott der Weisheit bis hin zum praktischen Wissen der Handwerker. Aus swedenborgscher Sicht ist dieser Zusammenhang sehr gut nachvollziehbar, denn das Wasser entspricht dem Wahren (HG 2702). Allerdings entsprach auch schon der Wind dem Wahren, jedoch dem Wahren des Geistes. Das Wasser entspricht demgegenüber dem Wahren der Seele.[14] So sehen wir also in Enlil und Enki das Einströmen des Geistes und die Seele.

So kann man in den vier Urmächten die geistige Welt oder Gott (Himmel) und die materielle Welt oder den Körper (Erde) sehen und dazwischen den Menschen als Geist (Luft, Wind oder Atem) und Seele (Wasser).

3.3.  Die Mythen

Mythen sind ein wesentlicher Bestandteil der altorientalischen Religionen. In der Regel versteht man darunter Göttergeschichten (RGG2 IV,363). Doch diese Definition trifft nicht den Kern des Mythos, sondern beschreibt nur allgemein dessen Inhalt. Der Mythos ist vielmehr eine Erzählung[15], der die alte Wissenschaft der Entsprechungen zu Grunde liegt.

Die Worte Mythos, Mythologiae oder Mythologica sucht man bei Swedenborg vergebens. Stattdessen verwendet er Fabula und Fabulosa[16]. Und wenn er damit Mythen meint, dann die der griechischen Mythologie, denn die altorientalischen kennt er noch nicht. Weitere wichtige Begriffe sind Correspondentia (die Entsprechung oder Korrespondenz des Sichtbaren mit dem Unsichtbaren und umgekehrt), Significativa (Zeichen als Träger von Bedeutungen), Repraesentativa (Gegenstände oder rituelle Handlungen zur Darstellung des Unsichtbaren) und historica facta (erfundene Geschichten in einem historischen Gewand)[17].

Das lateinische Wort fabula hat bei Swedenborg eine doppelte, im Ganzen aber eher abwertende Bedeutung. Es meint die Fabel im Sinne einer erdichteten, sagenhaften Geschichte, einer Erfindung der Phantasie. Diese Bedeutung ist die vorherrschende. Andererseits sind aber auch die (griechischen) Mythen gemeint, die traditionsgeschichtlich mit dem alten Wissen um die Entsprechungen zusammenhängen, wenngleich sie schon damals nicht mehr verstanden und bloß für Göttergeschichten gehalten wurden. Die abwertende Bedeutung kommt deutlich an folgenden Stellen zum Ausdruck. In HG 2403 spricht Swedenborg von »Scherz, Fabel und albernem Gerede«. In WCR 160 sagt jemand: »Folglich ist die Hölle eine Fabel, von der Geistlichkeit erfunden, um uns abzuschrecken, böse zu leben.« Und in LS 21 heißt es: Die Wissenschaft der Entsprechungen wurde in Griechenland »in Fabelhaftes (fabulosa) verkehrt, wie man aus den Schriften der ältesten Dichter dort erkennen kann.« Andererseits sind aber auch die Mythen gemeint. Dazu die folgenden Belegstellen. In WCR 112 schreibt Swedenborg: »… und dann geriet ich ins Nachsinnen über die Mythen (fabulis) der Weisen des Altertums, die die Morgenröte mit silbernen Flügeln und Gold im Munde darstellten.« Zu den Erzählungen über Pegasus heißt es: »… das nennt man heute Mythen (fabulae), aber es waren Entsprechungen, in denen die frühen Menschen geredet haben.« (WCR 693). Und in EL 521 erwähnt Swedenborg »die sagenhaften Erzählungen (fabulae) von Odysseus und Kirke«.

Die altorientalischen Mythen und Epen kannte Swedenborg noch nicht. Stattdessen spricht er vom alten Wort und meint damit die heilige Schrift der alten Kirche, dessen Wurzeln bis in die Zeit der ältesten Kirche zurückreichen. Und er sagt uns: »Darüber hinaus hörte ich von den Engeln, daß die ersten Kapitel des ersten Buches Mose, die von der Schöpfung, von Adam und Eva im Garten Eden und von ihren Söhnen und Nachkommen bis zur Sintflut und schließlich von Noah und dessen Söhnen handeln, sich ebenfalls bereits in jenem Alten Wort fanden, also von Moses daraus abgeschrieben worden waren.« (WCR 279, vgl. auch LS 103). Wenn man nun die Annahme macht, dass die heute bekannten altorientalischen Mythen traditionsgeschichtlich ebenfalls mit dem alten Wort zusammenhängen, dann kommt man zu dem Schluss, dass diese Mythen und die Urgeschichten der Genesis denselben Ursprung haben. Tatsächlich ist das auch die Meinung der gegenwärtigen Forschung. Hartmut Gese hat sogar gezeigt, »wie nicht nur einzelne Elemente dieser Vorgeschichte (= Urgeschichte der Genesis), sondern die ganze Abfolge von Schöpfung, Urzeit, Sintflut und Neubegründung der Weltgeschichte nach der großen Krise schon in der sumer(ischen) Geschichtsschreibung zu finden ist.«[18]

Im Folgenden weise ich auf einige altorientalische Parallelen zur ersten und zweiten Schöpfungsgeschichte, zum Stammbaum von Adam bis Noah und zu den Sintfluterzählungen hin.

Zur Schöpfungsgeschichte von Genesis 1,1 bis 2,4a. Die Schöpfung durch das Sprechen Gottes ist im »Denkmal memphitischer Theologie« bezeugt. Ptah erschafft die Welt durch das Wort seines Herzens und seiner Zunge.[19] Im babylonischen Weltschöpfungsepos Enuma elisch besiegt Marduk das ungeheuerliche Meer namens Tiamat. Es begegnet uns in der Bibel als Tehom. Genesis 1,2 nennt vier Mächte vor der Schöpfung: das Tohuwabohu, die Finsternis, das Chaosmeer (Tehom) und den Gotteswind. Damit vergleichbar sind die vier Urwesen aus der ägyptischen Stadt Hermopolis.[20] Mehrere Kosmogonien berichten von den Trennung von Himmel und Erde. So zerteilt Marduk den Leichnam von Tiamat und bildet aus den Hälften Himmel und Erde. Der ägyptische Luftgott Schu wölbt den Himmel nach oben und trennt ihn auf diese Weise von der Erde. Die engsten Parallelen zur Gottesebenbildlichkeit des Menschen »gibt es in Ägypten … für den Pharao als auf Erden lebendes Abbild des Gottes.«[21] Zur Herrschaft über die Tiere kann man darauf verweisen, dass sich Könige gern als Sieger über gefährliche Tiere darstellen ließen.[22] »Das Motiv, daß Menschen ursprünglich von Pflanzen lebten, gibt es auch in Mesopotamien«, und zwar im Gilgameschepos und in einem sumerischen Text zur Menschenschöpfung.[23]

Zur Schöpfungsgeschichte von Genesis 2,4b bis 3,24. Die Menschenschöpfung aus vergänglichem Stoff ist weit verbreitet. Der ägyptische Gott Chnum beispielsweise formt Amenophis‘ III. auf der Töpferscheibe.[24] Auch zur Einhauchung des Lebensatems gibt es nicht wenige Analogien. So hält die ägyptische »Göttin Hathor das Lebenszeichen an die Nase der von Chnum erschaffenen Menschen oder bildet Prometheus den Menschen aus Ton und belebt ihn durch den von den Göttern entwendeten Funken«.[25] Der Baum des Lebens meint »eine Lebenspflanze wie im Gilgamesch-Epos oder eine Lebensspeise wie im Adapa-Mythos. - Für Ägypten wäre auf das Grab des Neferherenptah in Saqqaru … zu verweisen, wo Weinstock und Baum den Wunsch der Verstorbenen nach Erfrischung und Nahrung symbolisieren.«[26] »Der Mensch soll nicht ewig leben - deswegen stiehlt eine Schlange Gilgamesch die Lebenspflanze, während er badet; deswegen gibt der Gott Ea dem Adapa eine falsche Auskunft zu der ihm von den Göttern angebotenen Lebensspeise, als wäre sie tödlich.«[27] Von paradiesischen Zuständen im Lande Tilmun ist im sumerischen Mythos »Enki und Ninchursanga« die Rede.[28] Die Fellbekleidung des ersten Menschenpaares kann man mit der altertümlichen Kleidung sumerischer Beter vergleichen.[29]

Zum Stammbaum in Genesis 5,1-32 und zur Sintflut. Die hohen Lebensalter der Väter von Adam bis Noah sind mit denen der Könige vor der Sintflut in der sumerischen Königsliste verglichen worden.[30] Fluterzählungen sind auf der ganzen Welt zu finden. Aus Mesopotamien sind drei Fassungen bekannt: die sumerische, die im Atramhasisepos und die auf der 11. Tafel des Gilgameschepos. Neben erheblichen Unterschieden sind große Ähnlichkeiten zu beobachten. Utnapischtim beispielsweise, der Noah des Gilgameschepos, legte nach der Flut mit seinem Schiff am Berge Nisir an. Er sandte Vögel zur Erkundung des Wasserstandes aus, erst eine Taube, dann eine Schwalbe und schließlich einen Raben. Nach dem Ausstieg aus dem Schiff brachte er ein Opfer dar. Ganz ähnlich Noah. Seine Arche landete auf dem Berge Ararat. Er sandte erst einen Raben, dann zweimal eine Taube aus. Nach dem Ausstieg brachte auch er ein Opfer dar.[31] In Ägypten ist der Mythos von der Himmelskuh beheimatet, der ebenfalls von einer Vernichtung des Menschengeschlechtes berichtet, die hier allerdings durch die Glut der Sonne, nicht durch eine Überschwemmung, geschieht.

Die griechische und römische Mythologie ist ein Ausläufer der alten Weisheit. Swedenborg deutet einige ihrer Motive im Sinne seiner Wissenschaft der Entsprechungen. Außerdem erwähnt er in »De Verbo« Ovids Metamorphosen. Im Folgenden zitiere ich zwei längere Passagen aus den Himmlischen Geheimnissen, die im Hinblick auf Swedenborgs Deutung von Motiven der antiken Mythologie etwas ergiebiger sind. Weitere Hinweise findet man beispielsweise in LS 117, WCR 275, OE 405, OE 1118 und HG 7729.

»Den Helikon stellten sie (die Menschen der griechischen Antike) als einen Berg dar und verstanden darunter den Himmel, den Parnaß weiter unten als einen Hügel und verstanden darunter das erworbene Wissen. Sie sagten, ein geflügeltes Pferd, das sie Pegasos nannten, habe dort (am Helikon) eine Quelle mit seinem Huf  entspringen lassen. Die Wissenschaften nannten sie Jungfrauen usw. Sie wussten nämlich aus den Entsprechungen und Vorbildungen das Folgende: Der Berg ist der Himmel und der Hügel der Himmel, der unten oder bei den Menschen ist. Das Pferd ist das Vermögen zu verstehen. Die Flügel, mit denen es flog, sind das Geistige und der Huf das Natürliche. Die Quelle ist das Verständnis. Die drei Jungfrauen, die man Grazien nannte, sind die Neigungen zu Guten, und die Jungfrauen, die man Helikoniden und Parnassiden nannte, die Neigungen zum Wahren. Ebenso gaben sie der Sonne Pferde bei, deren Speise sie Ambrosia und deren Trank sie Nektar nannten, denn sie wußten, dass die Sonne die himmlische Liebe, die Pferde das von daher stammende Verständige, die Speisen das Himmlische und die Getränke das Geistige bedeuten.« (HG 4966).

»Von der alten Kirche ist die Bedeutung des Pferdes als Sinnbild des Verständigen zu den Weisen in der Umgebung und so auch nach Griechenland gekommen. Daher die folgenden Motive bei ihnen: Wenn sie die Sonne (Helios) beschrieben, welche die Liebe bezeichnete, dann setzten sie den Gott ihrer Weisheit und Einsicht (Apollon) dorthin[32] und gaben ihm (Helios) einen Wagen mit vier feurigen Pferden. Wenn sie den Gott des Meeres (Poseidon) beschrieben, dann gaben sie ihm ebenfalls Pferde, weil durch das Meer die Wissenschaften im allgemeinen bezeichnet wurden. Wenn sie die Herkunft der Wissenschaften aus dem Verständigen beschrieben, dann erdichteten sie ein geflügeltes Pferd (Pegasos), das mit seinem Huf eine Quelle entspringen ließ, an der Jungfrauen saßen, welche die Wissenschaften darstellen sollten. Und das Trojanische Pferd bezeichnete nichts anderes als die Kunstfertigkeit ihres Verstandes, Mauern zu zerstören. Wenn heute das Verständige beschrieben wird, dann geschieht das zwar auch noch nach der von den Alten überlieferten Weise durch das geflügelte Pferd oder den Pegasos, und auch die Bildung wird durch eine Quelle beschrieben, aber kaum jemand weiß, dass das Pferd im mystischen Sinn das Verständnis und die Quelle das Wahre bedeutet. Noch weniger weiß man, dass diese Bedeutungen von der alten Kirche auf die Heiden übergegangen sind.« (HG 2762).

Fußnoten

[1]  Zahlreiche Orte haben in diesem Sinne eine alte Kirche. So gibt es beispielsweise die alte Kirche von Lüskow, von Wolkenburg oder von Coswig.

[2]  Obwohl dies ein Beispiel für die Missverständlichkeit der Terminologie Swedenborgs für den heutigen Leser ist, wird man Ecclesia antiqua dennoch wohl nicht mit antike oder altorientalische Religion übersetzen können. Denn Swedenborg macht einen Unterschied zwischen Kirche und Religion. Im Rahmen seines Dualismus oder seiner Ehe des Guten und Wahren ordnet er Kirche dem Wahren und Religion dem Guten zu (EL 115, WCR 113).

[3]  Das Thema hat Swedenborgianer schon früher interessiert. Einige Hinweise auf deutschsprachige Veröffentlichungen: C. Th. Odhner, Die Entsprechungen Ägyptens: Eine Untersuchung über die Theologie der alten Kirche, Berlin 2002. Felix Prochaska, Heidnische Religionen und das alte Wort: eine Studie, Zürich 1974. Adolf L. Goerwitz, Die Herkules-Sage; in: OT 18 (1974) 157-165.

[4]  B. Hrouda, Der Alte Orient, 1991, 221f.

[5]  »Wir kennen die Namen von Hunderten von sumerischen Gottheiten durch Listen, die in Schulen zusammengestellt wurden, durch Opferlisten und durch Personennamen, in denen Götternamen enthalten sind (›theophore Namen‹).« (Helmer Ringgren, Die Religionen des Alten Orients, 1979, 68). »Die sog. ›Große Götterliste‹, die in der Bibliothek Assurbanipals gefunden wurde, umfaßte mehr als 3000 Götternamen!« (a.a.O., 117). Allerdings muss einschränkend hinzugefügt werden, dass nur eine geringe Anzahl von Göttern wirklich von Bedeutung war. Außerdem sind viele Namen auf der erwähnten »Großen Götterliste« nur Beiworte: »In Wirklichkeit ist ein großer Teil dieser Namen als Epitheta zu den großen Göttern anzusehen.« (a.a.O., 117). Das gilt auch für die sumerischen Gottheiten (vgl. a.a.O., 68).

[6]  Hermann Junker; Pyramidenzeit, das Wesen der altägyptischen Religion; Einsiedeln 1949; Seite 18. Zitiert in: Gertrud Thausing; Sein und Werden, Versuch einer Ganzheitsschau der Religion des Pharaonenreiches; Wien 1971; Seite 83.

[7]  G. Tausing; a.a.O.; Seite 83.

[8]  Bei dieser Deutung scheint Swedenborg allerdings von falschen Voraussetzungen auszugehen. Den gegenwärtigen Kenntnisstand fasst H. Ringgren so zusammen: »… man hat nur an Hand der Etymologie seines Namens auf einen Zusammenhang mit dem Getreide, das hebräisch dagan heißt, schließen können … Dagegen dürfte der Name mit dag ›Fisch‹ nichts zu tun haben - ein Gott mit einem Fischschwanz ist jedoch auf Münzen aus Arados, einer Küstenstadt im nördlichen Phönizien, abgebildet.« (a.a.O., 208).

[9]  Baal-Sebub (2. Könige 1,2-16) bedeutet »Fliegen-Baal« oder »Herr der Fliegen«. Dabei »wird es sich um eine hebr. Verballhornung von Baal-Zebul (›Baal, der Erhabene‹) handeln. Baal-Sebub wurde später zum Beelzebub.« (Reclams Bibellexikon, 2000, 60).

[10]  Die folgenden Belegstellen seien genannt: Astarte (OE 700, WCR 292), Baal (OE 160), Kemosch (HG 2468), Milkom (OE 1118; WCR 292), Moloch (OE 768; HG 2468). Aschera bezeichnet eine westsemitische Göttin und einen mit ihrem Kult verbundenen Holzpfahl. Swedenborg übersetzt das hebräische Aschera in beiden Fällen mit lucus, was Hain bedeutet (HG 2722, 3448, 10644).

[11]  Die im Folgenden verarbeiteten Informationen über die vier schöpferischen Gottheiten der sumerischen Religion sind dem Buch von Helmer Ringgren entnommen: Die Religionen des Alten Orients, 1979, 68-71. Von den vier schöpferischen sind die drei astralen Gottheiten zu unterscheiden: Nanna (Mond), Utu (Sonne) und Inanna (Venus).

[12]  Die Griechen wurden von der mesopotamischen Kultur beeinflusst Walter Burkert schreibt: »Das ›griechische Wunder‹ ist nicht nur das Ergebnis einer einzigartigen Begabung, es wird ebenso dem schlichten Faktum verdankt, daß die Griechen die östlichsten der Westlichen sind: sie konnten damals an allen Fortschritten partizipieren.« (Die orientalisierende Epoche in der griechischen Religion und Literatur, 1984, 117f).

[13]  Vgl. hierzu die Deutung Jakob Lorber: »Die ›Wasser‹ sind eure schlechten Erkenntnisse in allen Dingen, über denen wohl auch der Gottesgeist schwebt, aber noch nicht in ihnen ist.« (GEJ 1,157,4).

[14]  Für die Tiefenpsychologie ist das dunkle, unergründliche Wasser ein Symbol des Unbewußten. In Goethes »Gesang der Geister über dem Wasser« heißt es: »Des Menschen Seele / Gleicht dem Wasser: / … / Seele des Menschen / Wie gleichst du dem Wasser! / Schicksal des Menschen, / Wie gleichst du dem Wind!« 

[15]  Das griechische Wort Mythos bedeutet Rede, Wort, Erzählung, Geschichte.

[16]  fabula (HG 1386, 2403, EL 182, 521, WCR 112, 160, 178, 693), fabulosa (HG 4280, LS 20, 21, WCR 202).

[17]  historica facta (OE 725, HG 1403, 2607, 9942), historicum factum (HG 1315), facta historica (HG 1020), stilus historicus factus (HG 1140).

[18]  Walther Zimmerli, Grundriß der alttestamentlichen Theologie, 1989, 147.

[19]  Walter Beyerlin, Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament, 1985, 31f. Eine Zusammenstellung vieler ägyptischer Stellen zur Schöpfung durch das Wort findet man bei J. Zandee, Das Schöpferwort im Alten Ägypten, 1964, 33-66. Auf das Denken im Herzen hat im 19. Jahrhundert Jakob Lorber hingewiesen.

[20]  Othmar Keel schlägt die folgende Zuordnung vor: »Wie man die vier Chaosgottheiten den vier Gegebenheiten der Welt vor der Schöpfung in Gen 1,2 zuordnen soll, ist umstritten. Am wahrscheinlichsten scheint mir die oft vertretene Gleichung von Nun mit Urflut … von Dunkel mit Dunkel … von Lufthauch mit Gotteswind … und - am unsichersten - von Unendlichkeit mit Tohuwabohu.« (Altägyptische und biblische Weltbilder, die Anfänge der vorsokratischen Philosophie und das Arche-Problem in späten biblischen Schriften, in: Bernd Janowski, Beate Ego, Das biblische Weltbild und seine altorientalischen Kontexte, 2001, 31).

[21]  H. Seebass, a.a.O., 80.

[22]  H. Seebass, a.a.O., 81.

[23]  H. Seebass, a.a.O., 85.

[24]  H. Seebass: »Vielmehr ist die Formung z.B. Amenophis‘ III. durch Chnum auf der Töpferscheibe die Verfeinerung eines viel verbreiteteren Motivs der Menschenformung aus vergänglichem Stoff, den sowohl Staub wie Acker benennen« (a.a.O., 106).

[25]  H. Seebass, a.a.O., 106.

[26]  H. Seebass, a.a.O., 109.

[27]  H. Seebass, a.a.O., 131.

[28]  W. Beyerlin, Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament, 1985, 110f.

[29]  H. Seebass, a.a.O., 130.

[30]  Zum Für und Wider der Vergleichbarkeit siehe H. Seebass, a.a.O., 182f.

[31]  Einen ausführlicheren Vergleich mit den mesopotamischen Fassungen findet man bei H. Seebass, a.a.O., 231-236.

[32]  Phoibos (= der Leuchtende) Apollon, der Gott des Lichtes, der Weisheit und Weissagung, wurde mit dem Sonnengott Helios gleichgesetzt. 

Veröffentlicht in: Offene Tore 3 (2003) 129-144