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Neuanfang mit Noah

Thomas Noack

Die These der Forschung 

Vor der Sintflut heißt es: »Und der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag. Und es reute den Herrn, dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein. Und der Herr sprach: Ich will den Menschen, den ich geschaffen habe, von der Fläche des Erdbodens auslöschen, vom Menschen bis zum Vieh, bis zu den kriechenden Tieren und bis zu den Vögeln des Himmels; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe. Noah aber fand Gunst in den Augen des Herrn.« (Gen 6,5-8). Und nach der Sintflut heißt es: »Und Noah baute dem Herrn einen Altar; und er nahm von allem reinen Vieh und von allen reinen Vögeln und opferte Brandopfer auf dem Altar. Und der Herr roch den wohlgefälligen Geruch, und der Herr sprach in seinem Herzen: Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen; denn das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an; und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen, wie ich getan habe. Von nun an, alle Tage der Erde, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.« (Gen 8,20-22). 

Der Vergleich der beiden Texte führt zu einem überraschenden Ergebnis. Der Mensch ist nach der Sintflut genauso böse wie vor ihr. Denn vor der Flut sah der Herr, »dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse den ganzen Tag.« (Gen 6,5). Und nach der Flut stellt er fest: »das Sinnen des menschlichen Herzens ist böse von seiner Jugend an« (Gen 8,21). Gott hingegen scheint einen Gesinnungswandel vollzogen zu haben. Denn vor der Flut »reute« es den Herrn, »dass er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, und es bekümmerte ihn in sein Herz hinein.« (Gen 6,6). Aber nach der Flut sprach er »in seinem Herzen: Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen um des Menschen willen … und nicht noch einmal will ich alles Lebendige schlagen, wie ich getan habe.« (Gen 8,21). Das zweimalige »nicht noch einmal« scheint anzudeuten, dass Gott einen Gesinnungswandel vollzogen hat. Daher behauptet die gegenwärtige Forschung: »So kurios es klingt: Für die Bibel hat Gott während der Flut eine Umkehr vollzogen.«[1

Diese These ist durchaus nachvollziehbar und einleuchtend, dennoch komme ich mit Emanuel Swedenborg und der Sensibilisierung für einen inneren Sinn zu einem etwas anderen Ergebnis. Denn entgegen dem buchstäblichen Anschein handelt die Erzählung von der großen Flut und der Bewahrung Noahs eben doch von der Schöpfung eines neuen Menschentyps. Aus Adam wird Noah. Das möchte ich im Folgenden begründen. 

Gemeinsamkeiten zwischen Sintfluterzählung und Schöpfungsbericht 

Die Sintfluterzählung hat mancherlei Ähnlichkeiten mit dem Schöpfungsbericht des ersten Kapitels der Genesis. Sie ist daher in ihrer Art eine Schöpfungserzählung. Schauen wir uns das etwas genauer an.[2

Unser Augenmerk richtet sich auf die Arche. Die Beschreibung derselben in Genesis 6,9-22 weist Übereinstimmungen mit der Darstellung der Schöpfung nach Genesis 1,1-2,4 auf. In beiden Fällen werden Lebensräume geschaffen. Der Schöpfungsraum von Genesis 1 erscheint vor unserem geistigen Auge als eine Lebens- oder Luftblase, die allseitig, oben und unten, von Chaoswasser umgeben ist. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Lebensraum Arche. Auch er ist allseitig von Wassermassen umgeben, wobei die Verpichung mit Pech (Gen 6,14) noch einmal eigens unsere Aufmerksamkeit darauf richtet, dass das lebensbedrohliche Element in diesen Raum der Lebensbewahrung nicht eindringen soll. Schöpfung und Arche sind also als Lebensräume in einer lebensfeindlichen Umgebung konzipiert. 

Auch in der Abfolge der Themen ähneln sich die Sintfluterzählung und der Schöpfungsbericht. Beide Texte beginnen mit der Schilderung des Chaos. Vor den Schöpfungswerken herrschte in Genesis 1,2 das Chaos (tohuwabohu) in Gestalt des wildschäumenden Urmeeres (tehom). Damit vergleichbar ist, dass vor der Bauanweisung für den neuen Schöpfungsraum der Arche (Gen 6,14-16) ein Gewaltchaos auf Erden wütete (chamas = Gewalttat in Gen 6,11-13). Zweitens: Beide Räume, der der Schöpfung und der der Arche, wurden nach ihrer Erschaffung zu Lebensräumen für Tier und Mensch (vgl. Gen 1,20-31 mit Gen 6,18-20). Drittens: Bei der Schöpfung bestand Gottes letzte Handlung vor der Ruhe des siebenten Tages darin, dem Menschen und den Tieren die Nahrung zu geben (Gen 1,29f). Ebenso bezieht sich auch Gottes letzte Weisung an Noah darauf, Nahrung in die Arche zu schaffen (Gen 6,21). 

Die strukturellen Parallelen zwischen dem Schöpfungsbericht und der Sintfluterzählung sind ein erster Hinweis darauf, dass es in Genesis 6 bis 9 um eine neue Schöpfung oder wie Swedenborg sagt um »eine neue Kirche« (HG 467) geht. In beiden Fällen werden Räume gestaltet, in denen sich geistiges Leben inmitten der Chaosmächte des Bösen und Falschen entfalten kann. 

Schöpfung und Neuschöpfung des Menschen 

Ähnlichkeiten zwischen dem Schöpfungsbericht und der Sintfluterzählung zeigen sich uns auch im Vergleich von Genesis 1,26-31 mit 9,1-7. Die sogenannten noachitischen Gebote von Genesis 9,1-7 thematsieren die Neuordnung oder Neuschöpfung des menschlichen Dasein nach der großen Flut. 

In beiden Texten geht es um die Herrschaft des Menschen (= des Geistbewusstseins) über die Tiere (= die Triebsphäre oder das Triebhafte), um den Segen bzw. die Erneuerung des Schöpfungssegens und um die dem jeweiligen Menschentyp entsprechende Nahrung. Schauen wir uns das anhand der Texte an! Der Herrschaftsauftrag wird in Genesis 1,26.28 und 9,2 thematisiert: »Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen!« (Gen 1,26). »und macht sie (euch) untertan; und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf der Erde regen!« (Gen 1,28). »Und Furcht und Schrecken vor euch sei auf allen Tieren der Erde und auf allen Vögeln des Himmels! Mit allem, was sich auf dem Erdboden regt, mit allen Fischen des Meeres sind sie in eure Hände gegeben.« (Gen 9,2). Der Schöpfungssegen wird in Genesis 1,28 und 9,1.7 thematisiert: »Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde« (Gen 1,28). »Und Gott segnete Noah und seine Söhne und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar, und vermehrt euch, und füllt die Erde!« (Gen 9,1). »Ihr nun, seid fruchtbar, und vermehrt euch, wimmelt auf der Erde, und vermehrt euch auf ihr!« (Gen 9,7). Die dem jeweiligen Menschentyp (Adam oder Noah) entsprechende Nahrung schließlich wird in Genesis 1,29 und 9,3f. thematisiert: »Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles samentragende Kraut gegeben, das auf der Fläche der ganzen Erde ist, und jeden Baum, an dem samentragende Baumfrucht ist: es soll euch zur Nahrung dienen« (Gen 1,29). »Alles Kriechgetier, das lebendig ist, soll euch zur Speise sein; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben. Nur Fleisch (vermischt) mit seiner Seele, seinem Blut, sollt ihr nicht essen!« (Gen 9,3f.). 

Dass Genesis 9,1-7 die nachsintflutliche Aktualisierung der ursprünglichen Schöpfungsordnung darstellt, ist aufgrund der Wiederaufnahmen der Themen von Genesis 1,26-31 offensichtlich. Wenn man diese Verbindungen erst einmal entdeckt hat, dann werden aber gerade auch die Unterschiede in den beiden Texten interessant, weil sie einen Einblick in die Andersartigkeit des neuen Menschen (Noah) gegenüber dem Urmenschen (Adam) gewähren. Genesis 9,1-7 tönt gewalttätiger. So ist von »Furcht und Schrecken« die Rede und vor allem ist nun die Tötung von Tieren und der Fleischgenuss erlaubt, was ein Entgegenkommen gegenüber der nunmehr tierischen (= triebhaften) Natur des Menschen (Gen 8,21) ist (siehe HG 1002). Die Unterschiede hängen also mit der Integration des Gewaltpotentials in die neue Schöpfungs- oder Wiedergeburtsordnung zusammen. 

Die Entsprechungsformel von Genesis 1 und Noahs Gehorsam 

Die letzte Parallele zwischen dem Schöpfungsbericht und der Sintfluterzählung, auf die ich hinweisen möchte, ist die zwischen den Entsprechungsformeln von Genesis 1 und den Aussagen über den Gehorsam Noahs. Im Schöpfungsbericht steht meist zwischen dem Wortbericht (»Und Gott sprach …«) und dem Tatbericht die Formel: »und dementsprechend geschah es« (Gen 1,7.9.11.15.24.30). Sie bringt zum Ausdruck, dass die Tat (weitgehend) dem Wort oder der Absicht entspricht, weswegen man sie Entsprechungsformel nennt. In der Sintfluterzählung wird zweimal Noahs Gehorsam ausdrücklich festgestellt: »Und Noah tat es. Nach allem, wie ihm Gott (Elohim) geboten hatte, so tat er.« (Gen 6,22). »Und Noah tat nach allem, das Jahwe geboten hatte.« (Gen 7,5). Diese Gehorsamsformeln sind Neuauflagen der Entsprechungsformeln des Schöpfungsberichts. Noah wird in Genesis 6,18-20 im Rahmen einer Elohimrede und in Genesis 7,1-3 im Rahmen einer Jahwerede zunächst durch das Wort aufgefordert, die Arche zu besteigen (das entspricht den Wortberichten von Genesis 1), um dann nach den Gehorsamsformeln diese auch tatsächlich in Genesis 7,7 und 7,13 zu besteigen (das entspricht den Tatberichten von Genesis 1). 

Es besteht allerdings an dieser Stelle ein Unterschied zwischen dem Schöpfungsbericht und der Sintfluterzählung. In Genesis 1 ist Gott der Gebietende (Wortbericht) und der Vollziehende (Tatbericht). In der Fluterzählung hingegen ist Gott bzw. Jahwe zwar immer noch der Gebietende, aber nicht mehr der Vollziehende, der heißt nun Noah. Die Gehorsamsformel markiert zwar den nach wie vor bestehenden Zusammenhang zwischen Wort und Tat, aber Gott verwirklicht sein Wort nicht mehr selbst. Noah ist Mitschöpfer, er baut die Arche, die wir als Schöpfungsraum erkannt haben, und füllt diesen Raum mit Leben. Die erste Schöpfung ging aus der Hand Gottes hervor, die zweite, die Arche, aber aus der Hand Noahs. Das wiederholt sich später bei den steinernen Tafeln. Die ersten wurden von Jahwe gemacht, die zweiten von Mose (siehe HG 10603). Das deutet an, dass die Unmittelbarkeit der Gottesbeziehung beim nachsintflutlichen, das heißt geschichtlichen Menschen verloren gegangen ist. Nach Swedenborg bestand die Unmittelbarkeit des vorgeschichtlichen Urmenschen im Innewerden des Göttlichen (perceptio), während die Mittelbarkeit des geschichtlichen, altorientalischen Menschen in der Ausbildung eines Gottesbewusstseins (conscientia) auf der Grundlage nunmehr schriftlicher Überlieferungen göttlicher Selbstmitteilungen bestand. 

Der Bauplan der Arche 

Die Verbindungslinien zwischen dem Schöpfungsbericht und der Sintfluterzählung ließen diese als eine Art Schöpfungsgeschichte erscheinen. Doch nun müssen wir noch einen Schritt weiter gehen und zeigen, dass die Bewahrung der acht Menschen in der Arche ein Bild für die »Wiedergeburt« (HG 606), das heißt für die Herausbildung eines neuen Menschentyps ist. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich hierbei auf den Bauplan der Arche (Gen 6,14-16). Denn nach Swedenborg wurde durch sie im mythischen Bilddenken der damaligen Zeit »der Mensch der alten Kirche« (HG 896; siehe auch HG 639) dargestellt. Und da Mensch und Kirche im Denken Swedenborgs austauschbare Begriffe sind, konnte er auch sagen, dass die Arche »die (noachitische) Kirche« (HG 639, 4334) oder das Wesen der altorientalischen Religionen abbildete. 

Diese Deutungen sind nicht vollkommen neu. Schon die Kirchenväter verstanden die Arche als Symbol der Kirche und Bild des Menschen. Seit Justinus (gest. nach 165), Tertullian (gest. um 202), Hippolyt (gest. nach 235), Origenes (gest. um 253) und Cyprian (gest. 258) »sah man die Arche in der Sintflut an als ein Schiff auf dem Meer und damit als die augenfälligste Präfiguration des Schiffs der Kirche im Meer der Welt, die das Alte Testament der typologischen Interpretation bot.«[3] Einen neutestamentlichen Anknüpfungspunkt bot besonders 1. Petrus 3,20f. Der Verfasser dieses Briefes sah in der Taufe der Kirche das Gegenbild (griech. antitypos) der seinerzeitigen Rettung der acht Seelen »durchs Wasser hindurch«.[4] Die Arche wurde aber auch antropomorph als imago hominis, als Abbild des Menschen verstanden, so vor allem von Ambrosius in seiner Schrift »De Noe et arca«, die sich nach einem Urteil von Hugo Rahner »fast ausschließlich an Philo anschließt«. Philo von Alexandrien (gest. um 45/50 nach Chr.) hat die Arche als Bild des menschlichen Körpers aufgefaßt: »Wer die Arche lieber hinsichtlich ihrer natürlichen Beschaffenheit (oder Bauweise) untersuchen will, der findet in ihr die Einrichtung des menschlichen Körpers«.[5] Auch nach Ambrosius »findet man im Aufbau der Arche die Gestalt des menschlichen Körpers beschrieben«.[6

Swedenborgs Interpretation des Bauplans der Arche als ein dem altorientalischen Denken entsprechendes Bild für die geistige Anatomie des neuen Menschentyps nach der Sintflut steht also durchaus in Verbindung mit frühchristlichen Auslegungen, wenngleich Swedenborg diese keineswegs einfach übernimmt, sondern eigene Akzente setzt. Unter dieser Voraussetzung, dass die Arche den neuen Menschen darstellt, enthalten die Einzelheiten ihres Baus die Informationen zur Ausgestaltung dieser Grundannahme.

Genesis 6,14 lautet: »Mache dir eine Arche aus Gopherholz. Mit Kammern mache die Arche und verpiche sie von innen und von außen mit Pech.« Gopherholz ist die Substanz der Arche. Es bezeichnet das lüsterne, triebhafte Wesen des wiederzugebärenden Menschen (siehe »concupiscentiae« in HG 640). Diese Bedeutung ergibt sich aus der Verwandtschaft von »gopher« mit »gaphrit« (Schwefel). Daher schreibt Swedenborg: »Gopherholz ist ein Holz, das reich an Schwefel ist wie die Tanne und andere derartige Hölzer. Aufgrund des Schwefels bezeichnet es die Lüste (oder Begierden), weil es leicht Feuer fängt.« (HG 643). Gopher ist aber auch mit Pech (»kopher«) sprachlich verwandt.[7] »Kopher« (Pech) und »gopher« sind also gewissermaßen »zwei wie Pech und Schwefel«, die unzertrennlich sind. Während nun aber das Schwefelholz die Anfälligkeit des erst noch wiederzugebärenden Menschen für die lüsterne Übermächtigung zum Ausdruck bringt, ist mit dem semantischen Bild des Pechs die komplementäre Funktion des Schutzes vor der drohenden, triebhaften Überschwemmung gegeben. Pech (kopher) ist von dem Verb »kaphar« abgeleitet, dessen Grundbedeutung »überdecken« und »überstreichen« ist[8] und in der priesterlichen Sprache »sühnen« (Sünden überdecken) bedeutet. Deswegen schreibt Swedenborg: »Im Grundtext liest man jedoch nicht, dass sie (die Arche) mit Pech verpicht wurde, sondern es wird ein Wort gebraucht, das auf eine Beschirmung (protectionem) hindeutet und von sühnen (expiare) oder versöhnen (propitiare) abgeleitet ist, weswegen es Ähnliches in sich schließt.« (HG 645). Die mit Pech abgedichtete Arche aus Gopherholz (Schwefelholz) ist also ein kunstvolles Bild des seiner eigenen Triebhaftigkeit verfallenen Menschen, der vor sich selbst geschützt werden muss, um die Überschwemmung des Ich durch das unbewusste Es zu verhindern. 

Die Bewahrung des Menschen auf der Grundlage einer Neueinrichtung seines Geistes (mens) drückte das altorientalische Bilddenken mit den Kammern der Arche aus. Swedenborg bezog sie auf die Areale des Großhirns, die am Ende die beiden Hemisphären bilden. Sie waren für ihn die physische Ausprägung der Zweiteilung des menschlichen Geistes in Wille in der rechten und Verstand in der linken Gehirnhälfte (HG 641, 644).[9] Die relative Autonomie des Verstandes gegenüber der Triebsphäre ist nach Swedenborg die Voraussetzung für die Ausbildung eines neuen (wiedergeborenen) Willens auf der Grundlage eines spirituellen Bewusstseins (conscientia). Der noachitische Mensch ist daher viel intellektueller und schriftbezogener als der vorgeschichtliche Urmensch. 

Genesis 6,15 lautet: »Und so sollst du sie machen: Dreihundert Ellen die Länge der Arche, fünfzig Ellen ihre Breite und dreißig Ellen ihre Höhe.« Die Zahlen erzählen uns, was es mit der Arche auf sich hat. Dieser Kasten, der acht Menschen aus der Urzeit in die geschichtliche Zeit hinüberrettete, ist das Sinnbild für die Überreste (reliquiae, HG 646) der Urkirche, die die Samenkörner des altorientalischen Kulturerwachens wurden. Die Hinterlassenschaft der vorgeschichtlichen Kirche war das Wort, das heißt die Verschriftlichung der henochitischen Urlehre (vgl. HG 519). In diese Interpretation Swedenborgs fügen sich die Erkenntnisse von Friedrich Weinreb bestens ein. Denn erstens bedeutet das hebräische Wort für Arche (tebah) auch »Wort«[10] und zweitens ergeben die Zahlen, wenn man für sie die entsprechenden Buchstaben einsetzt, das hebräische Wort für Sprache (laschon).[11] Das Wort, nach Swedenborg das sog. Alte Wort, stellt demnach die Überreste der Innewerdungen der ältesten Kirche zum Gebrauch für die alte Kirche dar. An dieser Stelle zeigt sich nun, dass die relative Unabhängigkeit des Verstandes die subjektive oder innermenschliche Voraussetzung für die Nutzung der objektiven oder äußerlichen Heilsgabe der geschriebenen Wortes ist.[12

Genesis 6,16 lautet: »Ein Fenster sollst du der Arche machen. Und nach (dem Maß ?) der Elle (?) sollst du es oben vollenden (anbringen ?). Und den Eingang der Arche sollst du an die Seite setzen. Mit einem unteren, einem zweiten und dritten (Stockwerk) sollst du sie machen.« Die Erfassung des wörtlichen Sinnes bereitet Schwierigkeiten. Folgt man Swedenborg, so ist immerhin klar, dass »zohar« Fenster oder Lichtöffnung (nicht Dach) bedeutet und das Suffix am Verb »vollenden« das Fenster meint und nicht die Arche. Unklar bleibt allerdings, was der Ausdruck bedeutet, den ich mit »nach (dem Maß ?) der Elle« (wegen »quoad cubitum« in HG 655) übersetzt habe. Doch trotz dieser Schwierigkeiten können wir einen im Hinblick auf unsere These genügend klaren Sinn ermitteln. Während Vers 14 das Augenmerk auf die Triebnatur richtet (HG 642, 652), wendet sich Vers 16 nun der intellektuellen Fähigkeit zu (HG 642, 652). Das Fenster steht für den Lichteinfall des Wahren und die Tür an der Seite der Arche für das Hören durch die Ohren an der Seite des Kopfes. Fenster und Tür verbindet Swedenborg zu einer Einheit im Sinne des Pauluswortes, dass der Glaube durch das Hören kommt (siehe Röm 10,17 und HG 654). Die drei Stockwerke symbolisieren die drei Ebenen der Wahrheitserfassung: die unterste Ebene der von außen (durch die Ohren) aufgenommenen und angeeigneten Kenntnisse, die vermittelnde Ebene der rationalen Durchdringung des Stoffes und die oberste Ebene des sich allmählich einstellenden Verstehens von innen heraus. Zwischen Vers 14 und 16 handelt Vers 15 von der Brücke des Wortes. Durch das äußere Offenbarungswort wird zuerst das mit den Sinnen verbundene Bewusstsein zu einem Bewusstsein des göttlichen Wahren umgestaltet (reformatio). Anschließend wird auf dieser Grundlage ein neuer, spiritueller Wille geboren (regeneratio). 

Eine Bemerkung zu den Dubletten der Sintfluterzählung: Schon Swedenborg wies auf zahlreiche Wiederholungen im Text von Genesis 6 bis 9 hin. Auch die wissenschaftliche Forschung hat das gesehen und daraus weitreichende, quellenkritische Schlüsse gezogen. Die Sintfluterzählungen (in diesem Zusammenhang muss man den Plural gebrauchen) lassen sich demnach auf zwei und der gesamte Pentateuch auf vier Quellen verteilen. Von Swedenborg herkommend, kann man jedoch zu einer anderen Ansicht gelangen. Dass gerade in Genesis 6 bis 9 die Dubletten so zahlreich und ineinander verwoben sind, hängt mit der hier thematisierten Zweiteilung des menschlichen Geistes zusammen. Aber auch unabhängig davon sollten die Wiederholungen im Pentateuch vor dem Hintergrund des altorientalischen Erzählens und des Parallelismus membrorum der hebräischen Poesie gesehen werden. 

Das Bundeszeichen: Gottes Bogen in den Wolken 

Der Bauplan der Arche beschrieb, wie wir gesehen haben, den Bauplan des neuen Menschentyps, den Swedenborg den geistigen Menschen der alten Kirche im Unterschied zum himmlischen Menschen der ältesten Kirche nannte. Die Kammerbauweise verstanden wir, insbesondere insofern damit auch die beiden Hemisphären des Großhirns gemeint waren, als einen Hinweis auf die relative Selbständigkeit des Verstandes gegenüber der Triebsphäre, die der unwiedergeborene Mensch mit den Tieren gemeinsam hat. Das Bundeszeichen des Regenbogens, auf das ich abschließend eingehen möchte, führt uns in die Geheimnisse (arcana) der Verbindung des Herrn mit diesem neuen Menschentyp ein und soll ein letzter Blick auf die Wesensart des »homo spiritualis« sein. 

Der Regenbogen als Bundeszeichen (Gen 9,12-17) zeigt an, dass das Spiel des geistigen (oder spirituellen) Lichtes beim geistigen (oder spirituellen) Menschen der Indikator seiner Verbindung mit dem Herrn ist und seiner von daher bestimmten Wesensart. Dieses Bundeszeichen des Bogens in den Wolken bezeichnet mit anderen Worten, so formuliert es Swedenborg, »den Zustand des wiedergeborenen geistigen Menschen« (HG 1042). 

»Bund« bedeutet »Verbindung (conjunctio)« (HG 665). Und weil diese Verbindung mit dem Herrn nur bei denen besteht, die wiedergeboren werden, deswegen ist »Bund« im weitesten Sinne auf »die Wiedergeburt (regeneratio)« zu beziehen (HG 665). Unter dem »Zeichen des Bundes« (Gen 9,12) ist dementsprechend »das sichtbare Anzeichen oder Indiz der Gegenwart des Herrn (indicium praesentiae Domini)« (HG 1038) zu verstehen. Konkret ist das die »charitas«. Das ist im Unterschied zur Herzensliebe (amor) die geistige Liebe, die auf ein an Werten orientiertes Nachdenken (Reflexion) beruht. Sie ist das äußerlich sichtbare Anzeichen der Anwesenheit des Herrn beim geistigen oder spirituellen Menschen. Zur Wesensart dieses Menschentyps gehört es also, dass die Erneuerung seiner ganzen Lebensart bis hinunter in den natürlichen Bereich des Tuns auf einen gedanklichen Prozess beruht. 

Unter dem »Bogen in den Wolken« ist im natürlichen Sinn der Himmel und Erde verbindende »Regenbogen (arcus iridis)« (HG 1042) zu verstehen. Die historische Forschung vermutet dahinter Gottes Kriegsbogen bzw. genauer »den zur Perserzeit gebräuchlichen Kompositbogen«[13]. Die geistige Forschung nach Swedenborg hingegen vermutet hinter diesem Bogen in den Wolken eine Beschreibung dafür, wie die Geburt aus Wasser und Geist (Joh 3,5) dem geistigen Auge zur Erscheinung kommt (siehe HG 1042). Swedenborg weiß zu berichten: »Um das Haupt« der geistigen Engel erscheint so etwas »wie ein Regenbogen«, denn »ihr dem Geistigen entsprechendes Natürliches gewährt einen solchen Anblick«. Dieser farbige Bogen ist »eine Modifikation des geistigen Lichtes vom Herrn im Natürlichen der geistigen Engel« (HG 1042). Zu diesem Farbenspiel des »arcus iridis« äußert sich Swedenborg aus seiner Erfahrung als Visionär in HG 1048 und 1053 noch etwas ausführlicher. Dort spricht er von der »Sphäre« eines Menschen (heute meist Aura genannt): »Es existiert eine Sphäre, die von der Wesensart (ab indole) oder den einzelnen Elementen beim Menschen gleichsam ausdünstet. Diese Sphäre ist erstaunlicherweise so beschaffen, dass man durch sie erkennen kann, welchen Glaubens und welcher Liebe (charitate) der betreffende Mensch ist. Diese Sphäre wird, wenn es dem Herrn gefällt, durch einen Bogen sichtbar.« (HG 1048). Sie »kommt durch Farben wie bei einem Regenbogen zur Erscheinung«, wobei jede Farbe »Himmlisches und Geistiges« darstellt« (HG 1053). 

Das »Gewölk« weist auf »das dunkle Licht, in dem der geistige Mensch im Vergleich mit dem himmlischen ist« (HG 1043). Das Dunkle im Denken dieses Menschen ist »das Falsche« oder, was auf dasselbe hinausläuft, »seines eigensinniger Verstand (proprium intellectuale)« (HG 1043). An dieser Stelle übt das auch nach der Sintflut immer noch vorhandene »böse« »Sinnen des menschlichen Herzens« (Gen 8,21) seinen Einfluss aus. Der Eigenwille verdunkelt und beeinträchtigt die Fähigkeit dieses Menschen, die Wahrheit zu erkennen und zu klaren Urteilen zu gelangen. So befindet er sich in einer geistigen »Umwölkung (obnubilatio)« (HG 1047). Er kann zwar durch das gebrochene Licht des Bogens in den Wolken wiedergeboren werden, aber tief in ihm bleibt eine finstere Seite, die ihr Werk der Verfinsterung wenigstens in Gestalt der Wolkenbildung weiterhin ausübt. 

Abschließendes Urteil zur These der Forschung 

Aus dem Gesagten ergibt sich nun die abschließende Stellungnahme zur eingangs genannten These der Forschung. Dass der Mensch nach der Sintflut genauso böse ist wie vor ihr, ist auf sein Herz (Gen 6,5; 8,21) zu beziehen, das heißt auf sein Lebens- oder Willenszentrum. Insoweit hat die Forschung also recht. Aber sie übersieht die Neuschöpfung oder Umstrukturierung des menschlichen Geistes (mens), die mit der intellektuellen Ansprechbarkeit und der Ausbildung eines Gewissens oder geistigen Willens beim Menschen nach der Sintflut zusammenhängt. 

Fußnoten

[1] Norbert Clemens Baumgart, Zuversicht und Hoffnung in Verbindung mit der biblischen Fluterzählung, in: »Nach uns die Sintflut – oder sind wir schon mittendrin?« Eine nicht nur biblische Erzählung für Schule und Bildungsstätten (in Zusammenarbeit mit P. Höffken und G. Ringshausen), KFW 2002, Seite 40. Siehe auch Lothar Perlitt, 1. Mose 8,15-22, GPM (Göttinger Predigtmeditationen) 24 (1970) Seite 392: »Die Flut hat offenbar nicht den Menschen verwandelt, sondern Gott!« 

[2] Die folgenden Beobachtungen übernehme ich dankbar von Norbert Clemens Baumgart, Die große Flut und die Arche, in: Bibel und Kirche 1 (2003) 30-36. 

[3] Hans Martin von Erffa, Ikonologie der Genesis, Band 1, 1989, Seite 451. Siehe auch Hartmut Boblitz, Die Allegorese der Arche Noahs in der frühen Bibelauslegung, in: Frühmittelalterliche Studien 6 (1972) Seite 159-170. Tertullian konstatiert in »De baptismo« (VIII,4): »ecclesia est arcae figura« (die Kirche ist die Gestalt der Arche); oder in »De idolatria« (XXIV,4): »Quod in arca non fuit, in ecclesia non sit« (Was in der Arche nicht gewesen ist, sei auch in der Kirche nicht). Eine die Einzelheiten des knappen Bibeltextes aufgreifende und für die Folgezeit grundlegende Auslegung der Arche als Symbol der Kirche schuf Origenes in seiner zweiten Homilie zum Hexateuch. 

[4] Einen Zusammenhang mit der Taufe deutet auch die Zahl Acht an. Acht Menschen sind in der Arche. Am achten Tag erfolgte die Beschneidung (Gen 17,12), die das alttestamentliche Pendant der Taufe war. Die christlichen Baptisterien und Taufbecken sind oft achteckig. 

[5] Der lateinische Originaltext nach Boblitz, Seite 166: »Arcam istam si quis velit magis naturaliter in examen vocare, inveniet humani corporis apparatum« (Quaestiones et solutiones in Genesim). 

[6] Der lateinische Originaltext aus der Schrift »De Noe et arca« lautet: »inueniet in eius exaedificatione discriptam humani figuram corporis« (nach Boblitz, Seite 166). 

[7] Zur Verwandtschaft von »gopher« mit »gaphrit« (Schwefel) und »kopher« (Pech) siehe auch Franz Delitzsch, Commentar über die Genesis, 1872, Seite 207. 

[8] Siehe Franz Delitzsch, Commentar über die Genesis, 1872, Seite 207. 

[9] Der gegenwärtige Wissensstand kennt »die extreme Spezialisierung der rechten Hemisphäre für räumlich-analoge und der linken Hemisphäre für zeitlich-sequentielle Aufgaben« (Niels Birbaumer, Stephanie Töpfer, Hirnhemisphären und Verhalten, in: Deutsches Ärzteblatt 1998; 95: A-2844-2848 [Heft 45]). Nach GLW 70 korrespondieren der Raum mit der Liebe und die Zeit mit der Weisheit. 

[10] Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort, 2002, Seite 445. Ich konnte diese Bedeutung aber bisher nicht verifizieren. 

[11] 300 ist der Buchstabe Schin, 50 ist der Buchstabe Nun und 30 ist der Buchstabe Lamed. Diese drei Buchstaben lassen sich zu dem Wort »laschon« verbinden, das Sprache bedeutet. 

[12] Für Noahs Arche und Moses »Kästlein« (Ex 2,3.5) steht im hebräischen Grundtext dasselbe Wort (»tebah«). Daraus lassen sich Einsichten in den inneren Sinn gewinnen. Nach HG 6723 besteht zwischen Mose, der Vorbildung der Thora, im Kästlein und dem Gesetz in der Lade eine Beziehung. Interessant ist nun, dass durch Noah die Lehren der ältesten Kirche über die Sintflut hinweg bewahrt worden sind. Schon Swedenborg sah in Noah nicht nur die alte Kirche, sondern auch »die Lehre, die von der ältesten Kirche her übrig geblieben ist (doctrina remanens ab Antiquissima)« (HG 530). Lorber wurde konkreter. Noah hat das Buch Henoch unter dem Titel Kriege Jehovas über die Sintflut herübergebracht (DT 16,7). Daher kann die »tebah« als Aufbewahrungsort des göttlich Wahren im überlieferten Wort interpretiert werden. 

[13] Horst Seebass, Genesis I: Urgeschichte (1,1-11,26), 1996, Seite 227.

Abgeschlossen am 2.3.2007. In: OT 1 (2008) 3-15