Textkritik und neukirchliche Exegese

Thomas Noack

Welchen Urtext soll die neue Kirche auslegen?

Swedenborg enthüllte den inneren Sinn des Wortes auf der Grundlage von Urtextausgaben der hebräischen Bibel und des Neuen Testaments, die in der Zwischenzeit durch bessere ersetzt worden sind. Swedenborg legte daher zuweilen einen Text aus, der gar nicht der Urtext war. Die neue Kirche sollte bei ihrer Exegese von den wissenschaftlichen Grundtextausgaben von heute ausgehen. Sie sollte sich einen Überblick über die wichtigsten Unterschiede zwischen ihnen und den von Swedenborg benutzten verschaffen und seine Schriftauslegung gegebenenfalls korrigieren. Die Umstellung der neukirchlichen Exegese auf die heutigen Grundtextausgaben könnte als Angriff auf den Offenbarungscharakter der Schriften Swedenborgs aufgefasst werden. Denn was bedeutet es, wenn der erleuchtete Swedenborg einen geistigen Sinn in einer Bibelstelle entdeckte, die so gar nicht im Urtext stand? Doch fundamentalistische Abschottung gegenüber den Erkenntnissen der Textkritik ist nicht die richtige Antwort und entspricht auch nicht der Arbeitsweise Swedenborgs, der auf der Suche nach Weisheit immer auch die Empirie (experientia) einbezog. Was ich im Folgenden am Beispiel des textkritischen Problems veranschaulichen möchte, ist Teil einer umfassenderen Aufgabe. Im Grunde genommen geht es darum, die neukirchliche Exegese in allen Bereichen an den Kenntnisstand unserer Zeit heranzuführen.

Swedenborgs Bibeln und die Urtextausgaben von heute

Swedenborg besaß mehrere hebräische Bibeln und griechische Neue Testamente, das heißt mehrere Urtextausgaben. Außerdem besaß er mehrere lateinische Übersetzungen der Bibel.[1] Bei der Beurteilung seiner Bibeln ist es ratsam, die hebräische Bibel und das Neue Testament getrennt zu betrachten.

Die hebräischen Bibeln Swedenborgs und unserer Zeit enthalten den masoretischen Text. Wir gehen also im Prinzip heute von demselben Text aus wie Swedenborg. Der masoretische Text wurde aus uns nicht mehr bekannten Quellen um 100 nach Christus (nach der Katastrophe des Jahres 70 nach Christus) zusammengestellt. Seit dieser Zeit dürfen wir mit einem ziemlich konstanten Konsonantentext rechnen. Die Punktation (Vokalisierung) und Akzentuation ist hingegen das erst im Laufe des 9./10. Jahrhunderts erreichte Ergebnis jahrhundertelanger Studien, Versuche und Vorarbeiten. Swedenborg würdigte die Masoreten als Instrument der göttlichen Vorsehung zur bis in die Einzelheiten der Buchstaben hinein unveränderten Bewahrung des Textes der hebräischen Bibel (siehe LS 13, De Verbo 4). Die von Swedenborg viel benutzte Biblia Hebraica von Christian Reineccius enthielt den Text der Antwerpener Polyglotte (1569-1572).[2] Bereits 1901 hatte Rudolf Kittel (1853-1929) auf »die Notwendigkeit und Möglichkeit« einer neuen hebräischen Bibel hingewiesen.[3] Den ersten beiden Auflagen seiner Biblia Hebraica lag noch der Text der zweiten Rabbinerbibel von Jakob ben Chajim zu Grunde. Die Textbasis der dritten Auflage von 1929 war jedoch erstmals der Codex Leningradensis[4] aus dem Jahre 1008 nach Christus, der die älteste vollständig erhaltene Handschrift des masoretischen Textes ist. In dieser Tradition steht auch die gegenwärtige Urtextausgabe, die Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS). Und auch die Biblia Hebraica Quinta (BHQ), die bis 2010 vollständig vorliegen und dann an die Stelle der BHS treten soll, wird den Codex Leningradensis abdrucken.

Der Unterschied zwischen der BHS und den hebräischen Bibeln Swedenborgs besteht weniger im Text als vielmehr in seiner Darbietung in Verbindung mit einem textkritischen Apparat. Er befindet sich am Ende jeder Seite der BHS und verzeichnet vom Codex Leningradensis abweichende Lesarten. Swedenborg konnte in seiner Biblia Hebraica von Everardus von der Hooght (1740) zwar schon am Ende Variantenverzeichnisse[5] finden, die ersten wirklich kritischen Ausgaben erschienen aber erst nach seinem Tod. Zu nennen sind die Ausgabe von Benjamin Kennicott (1718-1783)[6] und die Variantensammlung von Giovanni Bernardo de Rossi (1742-1831)[7]. Allerdings darf man die Bedeutung dieser gelehrten Arbeiten nicht überschätzen. Mit Ernst Würthwein ist festzuhalten: »Der wirkliche Ertrag für die Herstellung des ursprünglichen Textes ist bei beiden Variantensammlungen sehr gering ... Es fehlt ... an wirklich bedeutsamen Sinnvarianten ...«[8] Solche tauchen erst da auf, wo man beispielsweise mittels des samaritanischen Pentateuchs, der Funde von Qumran oder der Septuaginta Einblicke in die vormasoretische Gestalt des Textes erhalten kann.

Sehr viel anders ist die Situation im Neuen Testament. Swedenborg arbeitete auf der Grundlage des Textus receptus. Was heißt das? Die erste griechisch-lateinische Ausgabe des Neuen Testaments wurde 1516 von Erasmus von Rotterdam (1466 od. '69 bis 1536) veröffentlicht (Novum Instrumentum omne, Basel 1516). Ihr lagen Handschriften des 12. und 13. Jahrhunderts zu Grunde, die den byzantinischen Reichstext (auch Mehrheitstext genannt) enthielten, das heißt »den spätesten und schlechtesten der verschiedenen Textformen, in denen das Neue Testament überliefert ist«[9]. Auch die nachfolgenden Herausgeber eines griechischen Neuen Testaments blieben bei diesem Text. Für ihn wurde die Bezeichnung »Textus receptus« gebräuchlich, seitdem ihn die Buchdrucker Bonaventura und Abraham Elzevier 1633 mit den folgenden Worten anpriesen: »Du hast hier einen Text in der Hand, der von allen angenommen ist und in dem nichts verändert oder verdorben wiedergegeben wird (Textum ergo habes, nunc ab omnibus receptum: in quo nihil immutatum aut corruptum damus)«. Dieser Textus receptus (von allen angenommene Text) wurde erst im 19. Jahrhundert durch einen besseren ersetzt. Gleichwohl hätte Swedenborg beispielsweise für seine Auslegungen der Apokalypse kritischere Editionen des griechischen Neuen Testaments heranziehen können, nämlich die von Johann Albrecht Bengel (1687-1752) aus dem Jahr 1734 oder die zweibändige von Johann Jakob Wettstein (1693-1754) aus den Jahren 1751 und '52. Sie druckten zwar noch den Textus receptus ab, wiesen aber auf unterschiedliche Lesarten in den Handschriften hin.

Heute arbeitet die Exegese mit der 27. Auflage des Novum Testamentum Graece, herausgegeben von Nestle und Aland (NA27). Für den darin abgedruckten Text hat sich die Bezeichnung »Standardtext« eingebürgert. Im Unterschied zum Alten Testament wird keine bestimmte Handschrift abgedruckt, sondern eine Rekonstruktion oder Annäherung an den Urtext. Sie wurde von einem Komitee auf der Grundlage der vorhandenen Handschriften geschaffen. Dieser Komiteetext weicht an vielen Stellen vom alten Textus receptus ab.

Swedenborgs »wissenschaftliche« Arbeitsweise

Jakob Böhme verglich das ihn überwältigende Offenbarungsgeschehen mehrmals mit einem »Platzregen«: »Was der trifft, das trifft er.«[10] Demgegenüber war Swedenborg keineswegs ein von der Sturmgewalt des Geistes Getriebener. Auch als Erleuchteter blieb er der methodisch vorgehende Gelehrte. Die äußerliche Aneignung von Kenntnissen und das innere Licht verbanden sich bei ihm in seltener Einmütigkeit.

Mit wissenschaftlicher Gründlichkeit bereitete er sich auf seinen Beruf als Offenbarer des geistigen Sinnes über mehrere Jahre hinweg vor. Schon als Student in Uppsala hatte er Hebräisch gelernt, nun, nach der Berufungsvision von 1745 vollendete er seine Kenntnisse dieser Sprache, bevor er 1748 mit der Arbeit an den Himmlischen Geheimnissen begann. So war er in der Lage, den inneren Sinn auf der Grundlage des Urtextes zu enthüllen.[11] Außerdem erstellte er zwischen 1746 und 1748 Bibelindizes, die sechs Kodizes füllen. Diese umfangreiche Konkordanz war, wie Rudolph Leonhard Tafel bemerkte, »die Fundgrube, die Swedenborg für Bibelstellen bei der Ausarbeitung seiner theologischen Werken heranzog, die er von 1747 bis 1771 schrieb und veröffentlichte.«[12] Ferner studierte er »Werke, die den buchstäblichen Sinn in Bezug auf historische, geographische und ähnliche Details dieser Art klärten.«[13]

Obwohl die Urtextausgaben Swedenborgs noch keinen textkritischen Apparat hatten, gibt es immerhin wenigstens eine Stelle in seinen exegetischen Werken, die textkritischer Natur ist. In EO 95 heißt es: »Die Worte ›du aber bist reich (dives tamen es)‹ werden noch hinzugefügt, aber in Klammern, weil sie nämlich in einigen Handschriften (codicibus) fehlen.« Diese Mitteilung bezieht sich wahrscheinlich auf die zweisprachige (griechische und lateinische) Ausgabe des Neuen Testaments von Johann Leusden aus dem Jahr 1741, die Swedenborg benutzte. Denn dort stehen im 9. Vers des 2. Kapitels der Apokalypse tatsächlich die griechischen Worte »plousios de ei« und die lateinischen »sed dives es« in Klammern. Swedenborg macht hier also (nach seinem Verständnis) eine textkritische Beobachtung.[14]

Beobachtungen und Überlegungen dieser Art führen mich zu der Überzeugung, dass Swedenborg die textkritischen Möglichkeiten der modernen Urtextausgaben vollumfänglich in seine Urteilsbildung einbezogen hätte.

Der etwas andere Urtext

Was bisher nur allgemein dargestellt wurde, soll nun an einigen Beispielen veranschaulicht werden. Da ich im Folgenden ausschließlich auf Unterschiede zwischen dem heutigen Urtext und demjenigen Swedenborgs hinweise, sei zuvor versichert, dass dennoch die Gemeinsamkeiten bei weitem überwiegen. Das gilt vor allem für das Alte Testament, aber in hohem Maße auch für das Neue, zumal die meisten Varianten den Sinn kaum verändern.

In der hebräischen Bibel stößt man auf wirklich bedeutsame Varianten nur, wenn man sich vom masoretischen Text in begründeten Einzelfällen löst. Weil ich aber in dieser Hinsicht noch kaum Untersuchungen angestellt habe, verzichte ich auf Beispiele. Nur eine Ausnahme sei gestattet. In Jesaja 7,11 sind die Konsonanten Schin-Aleph-Lamed-He im masoretischen Text so punktiert (vokalisiert), dass das hebräische Wort für Bitte (scheala) zu lesen ist. Aus dem textkritischen Apparat der BHS ist jedoch zu entnehmen, dass in drei sehr alten griechischen Übersetzungen Hades (Unterwelt) zu finden ist. Demnach lasen die Übersetzer im Grundtext das hebräische Wort für Totenwelt (scheola), das sich aus einer etwas anderen Vokalisation der oben genannten Konsonanten ergibt. Interessant ist nun, dass Swedenborg zu Jesaja 7,11 schrieb: König Ahas wurde die Wahl gelassen, ob er das Zeichen »aus dem Himmel oder aus der Hölle (ex inferno) haben wollte« (OE 706). Swedenborg schloss sich demnach wohl der Lesart Totenwelt (scheola) an. Er entschied sich also gegen die Punktation (Vokalisation) der Masoreten. Entscheidungen gegen die Punktation fallen leichter als solche gegen den Konsonantentext.

Im Neuen Testament gibt es mehr Beispiele für größere Unterschiede, weil der Textus receptus durch den Standardtext von NA27 ersetzt wurde. Ich habe drei Stellen aus der Apokalypse ausgewählt, weil sie von Swedenborg ausgelegt wurde und ich sie eingehender studiert habe.

Offb 8,13 lautet nach der Enthüllten Offenbarung von Swedenborg: »Und ich sah und hörte einen Engel, der in der Mitte des Himmels flog und mit lauter Stimme sagte: Wehe, wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen, wegen der übrigen Stimmen der Posaune der drei Engel, die noch blasen werden (Et vidi et audivi unum Angelum volantem in medio Caeli, dicentem voce magna, Vae, vae, vae habitantibus super terra ex reliquis vocibus tubae trium Angelorum futurorum clangere).« Offb 8,13 nach NA27: »Und ich sah und hörte einen Adler (henos aetou), der in der Mitte des Himmels flog und mit lauter Stimme sagte: Wehe, wehe, wehe denen, die auf der Erde wohnen, wegen der übrigen Stimmen der Posaune der drei Engel, die noch blasen werden.« Im Urtext stand »Adler«; der »Engel« ist vermutlich durch die ähnliche Stelle Offb 14,6 in 8,13 hineingekommen. Nach Swedenborg bedeutet der im Urtext nicht vorhandene Engel von 8,13 im höchsten Sinne den Herrn und von daher auch »etwas vom Herrn Ausgehendes (aliquid a Domino)« (EO 415). Und was ergibt sich, wenn man den im Urtext tatsächlich vorhandenen Adler im Hinblick auf den inneren Sinn auslegt? Swedenborg schreibt im Zusammenhang seiner Auslegung von Offb 4,7: »›Fliegende Adler‹ bedeuten Erkenntnisse (cognitiones), aus denen sich das Verständnis (intellectus) bildet, denn wenn sie fliegen, dann erkennen und sehen sie. Sie haben nämlich scharfe Augen, so dass sie Gegenstände genau betrachten können; und die Augen deuten auf das Verständnis.« (EO 244). Obwohl ein Adler etwas anderes ist als ein Engel, ändert sich interessanterweise am inneren Sinn nicht viel. Denn nach wie vor geht es um »etwas (aliquid) vom Herrn Ausgehendes«. Das unbestimmte Etwas bekommt durch die ursprüngliche Lesart allerdings einen genau bestimmten Inhalt. Das vom Herrn Ausgehende ist seine alle Zeiten durchdringende Sehkraft oder Erkenntnis (siehe »vorhersagen« in EO 415). Die ursprüngliche Lesart passt demnach bestens zu dem Sinn, den Swedenborg trotz des minderwertigen Textes erkennen konnte. Ich will nicht behaupten, dass das immer so ist, aber der tiefere Sinn muss jedenfalls nicht zwangsläufig durch die Unebenheiten in der Überlieferung unzugänglich werden. Auch das folgende Beispiel zeigt, wie derselbe Geist verschiedene Kleider tragen kann, ohne dass er dadurch ein anderer wird.

Offb 22,14 lautet nach der Enthüllten Offenbarung von Swedenborg: »Selig, die seine Gebote halten, damit ihre Macht im Baum des Lebens ist und sie durch die Tore in die Stadt eingehen (Beati facientes mandata Ipsius, ut sit potestas illorum in Arbore vitae, et portis ingrediantur in Urbem).« Offb 22,14 nach NA27: »Selig, die ihre Gewänder waschen (hoi plynontes tas stolas auton), damit ihre Macht im Baum des Lebens ist und sie durch die Tore in die Stadt eingehen.« Im Urtext stand »Gewänder« statt »Gebote«. Obwohl sich die Lesarten deutlich unterscheiden, ändert sich am inneren Sinn nichts, denn Gewänder bezeichnen Wahres (EO 328). Es hat fast den Anschein, als sei die Variante »Gebote« die Ersetzung des Bildes (Gewänder) durch die Sache (Gebote).

Offb 22,19 lautet nach der Enthüllten Offenbarung von Swedenborg: »Und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung (etwas) wegnimmt, so wird Gott seinen Teil wegnehmen von dem Buch des Lebens und aus der heiligen Stadt und von dem, was in diesem Buch geschrieben steht. (Et si quis abstulerit e verbis Libri prophetiae hujus, auferet Deus partem ejus e Libro vitae, et ex Urbe sancta, et scriptis in Libro hoc).« Offb 22,19 nach NA27: »Und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung (etwas) wegnimmt, so wird Gott seinen Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens und aus der heiligen Stadt und von dem, was in diesem Buch geschrieben steht.« Statt »Buch des Lebens« stand im Urtext »Baum des Lebens«. Nach NA27 ist »Buch des Lebens« in keiner einzigen griechischen Handschrift zu finden. Aus dem Apparat meiner Handausgabe der Vulgata (1994) geht aber hervor, dass in einigen lateinischen Kodizes »libro« (Buch) statt »ligno« (Holz oder Baum) steht. Man vermutet, dass »libro« als Schreibfehler aus »ligno« entstanden ist. Aber wie kam der lateinische Schreibfehler in das griechische Neue Testament Swedenborgs? Als Erasmus von Rotterdam 1515 und 1516 an seinem griechischen Neuen Testament arbeitete hatte er für die Offenbarung nur eine einzige griechische Handschrift zur Verfügung, die er von seinem Freund Johannes Reuchlin geliehen hatte, weil er in Basel keine griechische Handschrift der Offenbarung auftreiben konnte. Dieser Handschrift fehlte das letzte Blatt mit den letzten fünfeinhalb Versen (Offb 22,16b-21). Da Erasmus der erste sein wollte, der ein griechisches Neues Testament herausgab und er wusste, dass in Spanien ebenfalls an einer Ausgabe des Neuen Testaments gearbeitet wurde, nahm er sich nicht die Zeit eine andere griechische Handschrift zu besorgen, sondern behalf sich mit einer Rückübersetzung des fehlenden Textes aus der lateinischen Bibel. Swedenborg hatte von dem an sich unverantwortlichen Verfahren des Humanistenfürsten offenbar keine Kenntnis.

Die kühne Tat des Erasmus hat noch ein merkwürdiges Nachleben in der deutschen Übersetzung der Enthüllten Offenbarung. Obwohl im lateinischen Originaltext der Apokalypsis Revelata im 19. Vers des 22. Kapitels der Offenbarung eindeutig »e Libro vitae« (aus dem Buch des Lebens) steht, finden wir bei Immanuel Tafel in der Übersetzung des Bibeltextes »vom Baum des Lebens«. Und in der Auslegung des 19. Verses in EO 958 finden wir, was die Verwirrung komplett macht, sowohl »Baum« als auch »Buch«, obwohl im lateinischen Originaltext immer nur »Liber« (Buch) steht. Dieses Durcheinander ist schon in der Ausgabe von 1831 vorhanden und hat sich bis heute (Ausgabe von 2004) erhalten.

An einigen Stellen wurden Abweichungen vom Urtext im Textus receptus erkannt, die trinitätstheologisch von Bedeutung sind. Da die Neugestaltung der Trinitätslehre die Grundlage der neukirchlichen Theologie ist, möchte ich auf diese Unterschiede zwischen NA27 und dem von Swedenborg benutzten Textus receptus abschließend hinweisen. Der interessanteste Fall dürfte das sogenannte Comma Johanneum sein: 1. Joh 5,7f. lautete in Swedenborgs NT von Leusden 1741 noch so: »7. Denn drei sind die Bezeugenden im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins. 8. Und drei sind die Bezeugenden auf Erden: der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei sind auf das eine (hin).« Diese Verse aus dem 1. Johannesbrief wurden mit einer deutlich erkennbaren Absicht manipuliert, denn im Urtext standen nur die folgenden Worte: »7. Denn drei sind die Bezeugenden, 8. der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei sind auf das eine (hin).« Der Einschub sollte die nizänische Trinitätslehre im NT verankern. Er taucht erstmals in einer Schrift des Spaniers Priscillian (gest. 385/6) auf. Er findet sich in keiner lateinischen Handschrift vor dem 6. Jahrhundert und in keiner griechischen vor dem 14. Jahrhundert.[15] 1592 wurde er in die Sixto-Clementina (Vulgata) aufgenommen. Ab der dritten Auflage von 1552 stand das Comma Johanneum auch im Neuen Testament des Erasmus von Rotterdam. Swedenborg zitierte den Einschub ahnungslos in WCR 164.

In Joh 1,18 fand Swedenborg »der einziggeborene Sohn« vor. NA27 hat jedoch (der) »einziggeborene Gott«. Der ursprüngliche Text unterstützt die swedenborgsche Ablehnung der nizänischen Vorstellung eines Sohnes von Ewigkeit her. Im Prolog des Johannesevangeliums ist nur vom Logos und von Gott die Rede. Von einem Sohn ist dort nirgends die Rede. Die Identifikation des Logos mit dem Sohn vollzogen erst die Logostheologen. Sie trugen damit die Vorstellung einer zweiten göttlichen Person in die Präexistenz hinein und schufen so die Konstellation für das Dogma des 4. Jahrhunderts.

Die Weiterentwicklung der neukirchlichen Exegese

Die Heranführung der neukirchlichen Exegese an den Kenntnisstand unserer Zeit sollte nicht als Angriff auf den Offenbarungscharakter der Schriften Swedenborgs aufgefasst werden. Paulus gab uns das Bild vom »Schatz in irdenen Gefäßen« (2.Kor4,7). Und auch Swedenborg verwendete es, indem er schrieb: »Das erworbene Wissen (scientifica) und die Erkenntnisse (cognitiones) sind nicht das Wahre oder die Wahrheiten, sondern nur die aufnehmenden Gefäße (vasa recipientia)« (HG 1469). Aussagen dieser Art zeigen uns, dass wir zwischen der historisch bedingten Ausdrucksform einer Wahrheitserfassung und dem darin wirksamen Geist unterscheiden dürfen. Damit ist uns die Möglichkeit gegeben, die historischen Bedingtheiten der »scientifica« und »cognitiones« Swedenborgs zu untersuchen. Außerdem ist damit der neuen Kirche die Freiheit gegeben, Gefäße zu entwerfen, die dem 21. Jahrhundert angehören.

Die neukirchliche Exegese sollte im Interesse ihrer ureigensten Weiterentwicklung die Erkenntnisse der historischen Bibelwissenschaft einbeziehen. Sie muss dabei nicht alle Wege und Irrwege dieser Forschungsrichtung wiederholen. Sie sollte im Gegenteil ihren eigenen Weg finden, aber sie darf sich dem Wissen unserer Zeit nicht verschließen. Die neukirchliche Exegese sollte sich ihr Proprium, nämlich die Suche nach einem geistigen Sinn, bewahren. Sie sollte der Auflösung in einen reinen Historismus widerstehen. Aber diese Eigenart kann sie sich auch in der Hinwendung zum Besten der historischen Forschung bewahren. In diesem Sinne plädiere ich dafür, das Zeitalter der Swedenborgorthodoxie zu beenden und ein »Swedenborgupdate« zu entwickeln.

Fußnoten

[1] Swedenborgs »hebräische Bibeln waren: Bib. Heb. cum interpret. Pagnini et Montani (1657); Bib. Heb. Punctata cum Nov. Test. Graec. ed. Manasse Ben Israel (1639); Bib. Heb. cum vers. Lat. Schmidii (1740); Bib. Heb. cura Reinecii (1739). Über das zuletzt genannte Werk schreibt C. F. Nordenskjöld (New Jerusalem Magazine 1790, Seite 87): ›Swedenborgs Exemplar dieses Werks ist mit Bemerkungen und mit lateinischen Übersetzungen mehrerer hebräischer Wörter angefüllt, wie auch mit einigen Beobachtungen zum inneren Sinn. Das Buch ist viel benutzt. Ich füge es der Sammlung von Manuskripten hinzu.‹« (Alfred Acton, An Introduction to the Word Exlained, 1927, Seite 125f.). Der griechische Text des NT war Swedenborg u.a. in Gestalt der griechischen und lateinischen Ausgabe des Neuen Testaments von Johann Leusden, Amsterdam 1741 zugänglich. Von seinen lateinischen Übersetzungen der Bibel (Vulgata 1647; Castellio 1726 und 1738; Tremellius und Junius 1596 und 1632; Schmidius 1697) bevorzugte er die des Straßburger Theologen Sebastian Schmidt. Meine Quellen sind Alfred Acton (s.o.) und das Dokument »Swedenborg's library« (siehe www.swedenborg.org oder »The New Philosophy« January 1969).

[2] Ich konnte bisher nicht abklären, auf welcher Grundlage der hebräische Text der Antwerpener Polyglotte erstellt wurde. Zum allgemein anerkannten Text wurde die zweite Rabbinerbibel von Jakob ben Chajim (Bombergiana), die 1524/25 erschien.

[3] In seiner Programmschrift »Über die Notwendigkeit und Möglichkeit einer neuen Ausgabe der hebräischen Bibel. Studien und Erwägungen« (1901) hatte er dargelegt, dass eine von augenscheinlichen Irrtümern, Schreibfehlern und Verstößen aller Art »kritisch gereinigte Ausgabe des hebräischen Bibeltextes ein Bedürfnis für Schule, Universität und Privatstudium« sei (Seite 2f.).

[4] Der Codex Leningradensis (oder Codex Petropolitanus) wurde im Jahre 1008 nach Christus in Kairo als Abschrift des Textes des Aaron Ben Mosche Ben Ascher geschrieben. Er ist die älteste vollständig erhaltene Handschrift der hebräischen Bibel in der Originalsprache. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts befindet er sich in Sankt Petersburg in der Russischen Nationalbibliothek.

[5] Am Ende der »Biblia Hebraica secundum Editionem Belgicam Everardi van der Hooght ...« (1740) konnte Swedenborg die folgenden zwei Verzeichnisse finden: »Eigentümliche Besonderheiten im Text der Ausgaben von (Joseph) Athias, (Daniel) Bomberg, (Christoph) Plantin und anderer. Beobachtet von Everardus van der Hooght (Praecipua diversitas lectionis inter editiones Athiae, Bombergi, Plantini, et Aliorum. Observata ab Everardo van der Hooght)«. »Die verschiedenen Lesarten, die am Rand notiert, wegen Platzmangel aber weggelassen wurden, sind hier nun gesondert angefügt worden, aus den heiligen Büchern (Variantes lectiones notatae in Marginae ob spatii angustiam omissae, separatim hic subjunctae sunt, ex Hagiographis)«.

[6] »Benjamin Kennicott ... veranstaltete eine umfangreiche und bis heute gebrauchte Variantensammlung: Vetus Testamentum Hebraicum cum variis lectionibus, 2 Bände, Oxford 1776-1780 ... In dem umfangreichen Apparat werden Abweichungen von über 600 hebräischen Handschriften, 52 Ausgaben und 16 samaritanischen Kodizes notiert, soweit sie den Konsonantentext betreffen.« (Ernst Würthwein, Der Text des Alten Testaments, 1988, Seite 48).

[7] »Keine Ausgabe, sondern lediglich eine Variantensammlung ist das Werk von J. B. de Rossi. Es bietet ausgewählte und wichtigere Lesarten aus 1475 Handschriften und Ausgaben«. Der Titel: »Variae Lectiones Veteris Testamenti, ex immensa MSS ...«, 4 Bände, Parma (1784/88). (Ernst Würthwein, Der Text des Alten Testaments, 1988, Seite 49).

[8] Ernst Würthwein, Der Text des Alten Testaments, 1988, Seite 49.

[9] Kurt und Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, 1982, Seite 14.

[10] Jakob Böhme, Theosophische Sendbriefe, herausgegeben von Gerhard Wehr, 1996, 12. Sendbrief, Absatz 10.

[11] In EO 707 bezieht er sich zur Klärung des Wortsinns auch einmal auf die arabische Sprache.

[12] Rudolph Leonhard Tafel, Documents concerning the Life and Charakter of Emanuel Swedenborg, Band 3, London 1890, Seite 969.

[13] Alfred Acton, An Introduction to the Word Explained, Bryn Athyn 1927, Seite 125. Acton nennt auf Seite 125 die folgenden Werke: »Wir sollten hier erwähnen, dass zu den in Swedenborgs Bibliothek vorhandenen Büchern die folgenden gehörten: ›Palestina Illustrata‹ von Adrian Relandus (Norimb. 1716), ein Werk über die Geographie des heiligen Landes, das nach den Worten eines sachkundigen Kritikers nie überholt sein wird; Brugensis. ›Loca Insig. Correctionis in Bib. Latinis‹ (1657); Löwe, ›Speculum Religionis Judaicae‹ (1732); und eine anonyme Abhandlung mit dem Titel ›Conformité des Coûtumes des Indiens au Celles des Juifs‹ (1704) ... Swedenborgs Bibliothek beinhaltete auch die folgenden hebräischen Bücher: Buxtorf, ›Lexicon Chaldaicum et Talmudicum‹ (1639), ein Werk mit einer großen Fülle von Informationen über die jüdische Tradition; Robertson, ›Thesaurus Linguae Sanctae‹ (London 1680), das sowohl ein Lexikon als auch eine Konkordanz ist; Stockius ›Clavis Linguae Sanctae Veteris Testamenti‹ (1744); Alberti, ›Lex Heb.‹ (1704); Tarnovius, ›Grammat. Heb. Biblica‹ (1712).« Auf Seite 120 weist Acton auf bestimmte »Bemerkungen« hin. »Sie legen es nahe, dass Swedenborg mit dem Studium der Kirchengeschichte begann. Unter den Büchern, die sich in seiner Bibliothek zum Zeitpunkt seines Todes befanden, war Mosheim's ›Institutionum Historiae Ecclesiasticae.‹, Helmst. 1764.«

[14] Aus dem Apparat von NA27 geht jedoch hervor, dass »plousios ei« in keiner Handschrift fehlt. Die Analyse der Verwendung der Klammern bei Johannes Leusden zeigt, dass sie keine textkritische Funktion haben, sondern der syntaktischen Gliederung dienen. Was in Klammern steht kann beim ersten Lesen ausgeblendet werden, um den größeren Zusammenhang besser erfassen zu können. In der Offenbarung tauchen Klammern noch einmal in 17,8 auf.

[15] Georg Strecker, Die Johannesbriefe, Göttingen 1989, Seite 280.

Abgeschlossen am 28.9.2007. In: OT 1 (2009) 3-14