
Thomas Noack
Die Toledot-Formeln gehören nicht gerade zur Lieblingslektüre des Bibellesers, doch sie sind das Skelett, das tragende Gerüst. Der Rest, all die schönen Geschichten, sind demgegenüber nur das Fleisch. Im Folgenden geht es um diese die Genesis strukturierenden Formeln, um »(we)?ellä toledot«, was auf Deutsch bedeutet »(und) das sind die Geburten«. Dass diese unscheinbaren Formeln den Blick auf etwas Wesentliches freigeben, können wir schon daraus entnehmen, dass der griechische Name des Buches, um das es hier geht, Genesis, Geburt bedeutet, also dieselbe Bedeutung hat wie »toledot« (Geburten). Das Buch Genesis und die Toledot-Formeln scheinen demnach zusammen zu gehören. Daher wollen wir einige Beobachtungen mitteilen, die uns helfen sollen, zum inneren Verständnis der Toledot-Struktur der Genesis vorzudringen.
Das hebräische »toledot« hat die Grundbedeutung »Zeugungen« (HAL 1566)[1], denn es ist von »jalad« abgeleitet, das »gebären« oder »erzeugen« bedeutet (HAL 393). Uns interessiert der Sinn des Wortes »toledot« in den sogenannten Toledot-Formeln der Genesis. In den deutschen Bibeln ist »toledot« in Genesis 2,4 mit »Entstehungsgeschichte« (ELB)[2] bzw. »Geschichte der Entstehung« (ZUR) übersetzt, in 5,1; 10,1; 11,10.27; 25,12; 36,1.9 mit »Generationenfolge« (ELB), »Nachkommen« (ZUR) bzw. »Geschlecht« (LUT) sowie in 6,9; 25,19; 37,2 mit »Generationenfolge« (ELB), »Geschichte von Noahs/Jakobs Geschlecht« (LUT) bzw. »Geschichte« (ELB, ZUR). Die genaue Auswertung dieser Varianten lässt erkennen, dass Genesis 2,4 einen Sonderfall darstellt: Die Übersetzer verstehen »toledot« hier im Sinne von »Entstehungsgeschichte«; die Möglichkeit, »toledot« auch hier im Sinne von »Zeugungen« zu verstehen, wird nicht in Erwägung gezogen oder abgelehnt. Für das weitere Vorkommen der Toledot-Formel ist entscheidend, ob auf sie ein Stammbaum bzw. eine Genealogie (5,1; 10,1; 11,10.27; 25,12; 36,1.9) oder eine Geschichte bzw. ein Erzählzusammenhang (6,9; 25,19; 37,2) folgt. Wenn ein Stammbaum folgt, dann ist Generationenfolge eine angemessene Übersetzung. Wenn dagegen eine Geschichte folgt, dann kann man »toledot« auch so übersetzen. Die Bedeutung des Wortes ist also aufgrund der Kontexte, in denen es verwendet wird, reich an Nuancen.
Swedenborg wählte als Übersetzung für »toledot« überall »nativitates« (Geburten); bei seiner Neigung zu einer möglichst konkordanten[3] Übersetzung als Grundlage für seine exegetische Arbeit ist das nicht weiter verwunderlich. Gleichzeitig war er sich aber auch bewusst, dass »toledot« je nach Kontext[4] besondere Bedeutungen annimmt. So sah er in den »Geburten der Himmel und der Erde« (Gen 2,4) »die Formungen (formationes) des himmlischen Menschen« (HG 89). Im »Buch der Geburten (sefär toledot)« (Gen 5,1) hingegen bezieht sich »toledot« auf die nachfolgende »Aufzählung (recensio)« (HG 470). Die Toledot-Formel zu Beginn der Sintfluterzählungen (Gen 6,9) leitet »die Beschreibung der Umformung oder Wiedergeburt (reformationis[5] seu regenerationis) einer neuen Kirche« ein (HG 611). Oft gibt Swedenborg »Ableitungen (derivationes)« als Bedeutung von »toledot« an (HG 1145, 1330, 1360, 3263, 3279, 4641, 4646, 4668), manchmal auch »Ursprung und Ableitung (origo et derivatio)« (HG 1330, bzw. dasselbe in der Mehrzahl in HG 1360). »Im äußeren oder buchstäblichen Sinn sind Geburten die Zeugungen (generationes) des einen vom anderen (oder: die aufeinanderfolgenden Generationen)« (HG 1145). Allerdings folgt auf die Toledot-Formel nicht immer eine Genealogie, sondern manchmal eine Erzählung. Deswegen bedeutet die die Josefsgeschichte einleitende Toledot-Formel (Gen 37,2) einfach »das, was folgt (illa quae sequuntur)«, und Swedenborg merkt an: »Dass solches hier mit ?Geburten? gemeint ist, geht auch daraus hervor, dass im Folgenden keine genealogischen Geburten (nativitates genealogicae) erwähnt werden, denn es ist die Rede von Josef, seinen Träumen, den Anschlägen seiner Brüder gegen ihn und seiner Wegführung nach Ägypten.« (HG 4668).
Die Grundbedeutung von »toledot« ist Geburten, doch darf man das nicht zu eng verstehen. Wie die Grundfarbe eines Gegenstandes von der Umgebung verändert wird, vom Sonnenlicht und den Farben der anderen Gegenstände, so ist auch die Bedeutung eines Wortes vom Kontext abhängig. Die Toledot-Formel leitet Geburtenketten ein. Oft folgt auf diese Formel »nur« eine Genealogie, das heißt der biblische Erzähler belässt es beim Gerüst und füllt es nicht oder nur minimal mit Fleisch. Manchmal folgt aber auch eine Erzählung, die narrativ den Sinn der Namen entfaltet. Das ist dann das Fleisch oder die Botschaft der Genesis; das hebr. Wort für Fleisch (bas'ar) hängt möglicherweise mit dem gleichlautenden Verb »bs'r« zusammen, das »Botschaft bringen« bedeutet. Für die Weisheit der Engel sind aber auch schon die Abfolgen der bloßen Namen in den Genealogien inhaltsreiche Geschichten.
Die (we)?ellä-toledot-Formeln gliedern die Genesis.[6] Sie begegnen uns in 2,4; 6,9; 10,1; 11,10.27; 25,12.19; 36,1.9 und 37,2. Das sind zehn Stellen. Sie lauten: »Das sind die Geburten der Himmel und der Erde« (2,4). »Das sind die Geburten Noahs« (6,9). »Und das sind die Geburten der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet« (10,1). »Das sind die Geburten Sems« (11,10). »Und das sind die Geburten Terachs« (11,27). »Und das sind die Geburten Ismaels« (25,12). »Und das sind die Geburten Isaaks« (25,19). »Und das sind die Geburten Esaus, das ist Edom« (36,1). »Und das sind die Geburten Esaus, des Vaters von Edom« (36,9). »Das sind die Geburten Jakobs« (37,2). Außerdem begegnet uns in 5,1 die Formel: »Das ist das Buch der Geburten (sefär toledot) des Menschen«.
Die Genesis beginnt nicht mit einer Toledot-Formel. Die erste derartige Formel erscheint erst in 2,4. Sie ist - wie alle folgenden - als Überschrift zu verstehen.[7] Entscheidend im Hinblick auf die Frage nach der Gliederung ist die Beobachtung, dass »?ellä toledot« (das sind die Geburten) viermal ohne das Bindewort »und« vorkommt, sechsmal hingegen mit diesem Bindewort.[8] Wo das »und« fehlt, liegt ein starker Einschnitt vor; wo es vorhanden ist, ein schwacher.[9] Eine gesonderte Betrachtung erfordert die Formel in 5,1, die ebenfalls kein »und« hat, durch die Verwendung von »Buch« aber eine Formel sui generis ist.
Daraus ergibt sich, dass die Genesis aus einem »Vorwort«[10] (1,1-2,3) und vier Kapiteln (2,4-6,8; 6,9-11,9; 11,10-36,43; 37,1-50,26) besteht. Das Vorwort handelt von der Schöpfung und versteht sie als Voraussetzung der anschließenden Geburtenfolge. Das erste Kapitel reicht von der ersten ?ellä-toledot-Formel 2,4 bis 6,8. In diesem Kapitel steht nun aber die besondere Toledot-Formel von 5,1: »Das ist das Buch der Geburten des Menschen«. In meinem Urteil über diese Auffälligkeit folge ich im Grundsatz Thomas Hieke, er schreibt: »Gen 5,1a dient als Titel und Themenangabe der gesamten Toledot-Struktur des Buches Genesis.«[11] Diese Einschätzung führt mich zu der Vorstellung einer zweifachen Gliederung der Genesis. Auf der einen Betrachtungsebene, die ich in diesem Aufsatz wähle, lässt man sich von den großen Einschnitten der ?ellä-toledot-Formeln leiten und gelangt zu der Gliederung: ein Vorwort und vier Kapitel (siehe oben). Auf der anderen Betrachtungsebene lässt man sich von der außerordentlichen Formel in 5,1 leiten und gelangt zu den zwei Teilen: Vorbericht (1,1-4,26) und »das Buch der Geburten« (5,1-50,26). Im Vorbericht geht es um Himmel und Erde (1,1; 2,4), zunächst um die Schöpfung von Himmel und Erde, dann um die Geburten von Himmel und Erde. Im anschließenden »Buch der Geburten« geht es dann um die menschlichen Geburten von Adam bis Jakob (Israel). Das sind 22 Generationen; so viele Buchstaben hat auch das hebräische Alphabet. Wenn man für die Namen all dieser 22 Personen die entsprechenden Zahlen schreibt, dann ergibt das in der Summe genau 7000, wobei man für Abram Abraham und für Jakob Israel schreiben muss. Die 7000 ist die Sabbatzahl, das heißt in Israel kommt Gott zur Ruhe.[12]
Kehren wir nun aber zu der zuerst vorgeschlagenen Gliederung zurück. Das zweite Kapitel reicht von der zweiten ?ellä-toledot-Formel 6,9 bis 11,9. Das dritte Kapitel reicht von der dritten ?ellä-toledot-Formel 11,10 bis 36,43. Das vierte Kapitel beginnt mit 37,1 und endet - zumindest innerhalb der Genesis - mit 50,26. Zwei Probleme müssen hier erwähnt werden: 1. Die vierte ?ellä-toledot-Formel steht erst in 37,2. Dennoch beginnt dieses Kapitel »nicht mit der Toledot-Formel, sondern mit einer Siedlungsnotiz, die als Äquivalent zu einer analogen Ortsangabe bei Esau (Gen 36,6-8) aufgefasst werden kann.«[13] 2. Da es keine fünfte ?ellä-toledot-Formel gibt, stellt sich die Frage nach dem Ende dieses Kapitels. Thomas Hieke lässt es mit dem letzten Vers der Genesis enden und begründet das mit dem dort geschilderten Tod Josefs.[14] Friedrich Weinreb dagegen folgt der Geburtenkette ein wenig weiter, bis Mose (der Offenbarung am Sinai) und gelangt auf dieser Grundlage zu interessanten Einsichten, die ich unten vorstellen werde.
Innerhalb dieser vier Hauptkapitel sind die we?ellä-toledot-Formeln (die Nebentoledotformeln) zu finden, die mit dem Bindewort »und« (hebr. we) beginnen und somit keinen so großen Einschnitt markieren wie die ?ellä-toledot-Formeln (die Haupttoledotformeln). Das erste Kapitel hat keine Nebentoledotformel. Im zweiten Kapitel steht in 10,1 »und das sind die Geburten der Söhne Noahs, Sem, Cham und Japhet«. Das dritte Kapitel weist die meisten Nebentoledotformeln auf. In 11,27 steht »und das sind die Geburten Terachs«, mit der die sog. Abrahamerzählungen (11,27-25,11) beginnen[15]. Danach folgen zwei Nebentoledotformeln, in denen es um die beiden Söhne Abrahams geht. In 25,12 steht »und das sind die Geburten Ismaels«. Ismael war der Erste aufgrund der Geburt (der Erstgeborene). Und in 25,19 steht »und das sind die Geburten Isaaks«. Isaak war der Erste aufgrund der Bedeutung (der Sohn der Verheißung). Mit der Nebentoledotformel in 25,19 beginnen die Isaakerzählungen (25,19-35,29), man nennt sie auch gern »Jakobsgeschichte«. Wiederum schließen sich zwei (bzw. drei) Toledotformeln an, in denen es um die beiden Söhne geht, diesmal um die beiden Söhne Isaaks. Esau, der in den Nebentoledotformeln 36,1.9 genannt wird, war der Erste aufgrund der Geburt. Jakob hingegen, der in der Haupttoledotformel 37,2 genannt wird, war der Erste aufgrund der Bedeutung. Das vierte Toledot-Kapitel enthält innerhalb der Genesis keine Nebentoledotformeln. Erst in Numeri 3,1 steht »und das sind die Geburten Aarons und Moses«. Und in Ruth 4,18 steht »und das sind die Geburten des Perez«.
Die folgende Übersicht fasst das Gesagte zusammen und veranschaulicht auf diese Weise die anhand der Toledotformeln gewonnene Gliederung der Genesis:
1,1-2,3 Vorwort: Die Schöpfung von Himmel und Erde
2,4-6,8 Erstes Toledot-Kapitel: Die Geburten der Himmel und der Erde
2,4-4,26 Die Geburten der Himmel und der Erde bringen den Menschen hervor.
5,1-6,8 Das Buch der Geburten des Menschen
6,9-11,9 Zweites Toledot-Kapitel: Die Geburten Noahs
6,9-9,29 Die Sintflut und der Bund mit Noah
10,1-11,9 Die Söhne Noahs oder die Völker
11,10-36,43 Drittes Toledot-Kapitel: Die Geburten Sems
11,10-26 Stammbaum Sems
11,27-25,11 Die Geschichte Terachs (»Abrahamgeschichten«)
25,12-18 Stammbaum Ismaels
25,19-35,29 Die Geschichte Isaaks (»Jakob-Esau-Geschichten«)
36,1-8.9-43 Zwei Stammbäume Esaus
37,1-? Viertes Toledot-Kapitel: Die Geburten Jakobs
37,1-50,26 Die Geschichte Jakobs (»Josefgeschichte«)
Die Gliederung der Genesis mit Hilfe der Toledot-Formeln lässt die Frage aufkommen, wie sich diese Gliederung zu der üblichen verhält, die zum Beispiel dem Kommentar von Horst Seebass zugrunde liegt. Demnach sind die »Urgeschichte« (1,1-11,26), die »Vätergeschichte« (11,27-36,43) und die »Josephsgeschichte« (37,1-50,26) zu unterscheiden. Geht man noch eine Stufe weiter nach unten, dann ergibt sich die folgende Gliederung: 1. Die Urgeschichte (1,1-11,26). 2. Die Vätergeschichte unterteilt in: 2.1. Der Abraham-Zyklus (11,27-25,11), 2.2. Zwischentext: Die Ismaeliten (25,12-18), 2.3. Der Isaak-Zyklus (25,19-35,29), 2.4. Zwischentext: Esau/Edom, seine Gruppierungen und frühen Könige (36,1-43). 3. Die Josephsgeschichte unterteilt in: 3.1. Der Jakob/Israel-Zyklus (37,1-50,14), 3.2. Schluß der Genesis: Die Söhne Israels (50,15-26). Man kann die Toledot- und die klassische Gliederung zur Deckung bringen. Das Vorwort und die ersten beiden Toledot-Kapitel heißen in der klassischen Gliederung »Urgeschichte«, wobei man dann allerdings sagen muss, dass die Urgeschichte mit dem Turmbau zu Babel (11,1-9) endet. Das dritte Toledot-Kapitel beinhaltet die »Vätergeschichte«, die allerdings schon mit dem Stammbaum Sems beginnt. Es geht hier also um die semitische Linie. Das vierte Toledot-Kapitel beinhaltet die »Josephsgeschichte«.
Da »toledot« »Generationenfolge« (ELB) bedeutet, liegt es nahe, den vier Toledot-Kapiteln die zu ihnen gehörenden Generationen zuzuordnen. Das ist nicht ganz einfach, aber Friedrich Weinreb hat hierzu einen interessanten Vorschlag gemacht. Ihm zufolge decken die vier Kapitel die Generationen »bis zur Offenbarung am Sinai«[16], das heißt bis Mose ab. Das Ende des vierten Toledot-Kapitels lässt sich wie gesagt nicht einfach durch das Auftreten einer fünften ?ellä-toledot-Formel bestimmen, denn diese gibt es nicht. Thomas Hieke nahm daher als alternatives Kriterium den Tod der Hauptperson Josef in Gen 50,26 an.[17] Friedrich Weinreb hingegen macht einen anderen Vorschlag, indem er die Geschichte bis zur Offenbarung des Jahwenamens am Sinai (siehe Ex 6,3) als das Thema benennt, das durch die vier Toledot-Kapitel abgedeckt wird. Unter dieser Voraussetzung muss er nun zeigen, wie sich die 26 Geschlechter von Adam bis Mose möglichst ungezwungen auf die vier Kapitel verteilen. Die Namen dieser 26 Generationen sind die folgenden: Adam, Set, Enosch, Kenan, Mahalalel, Jered, Henoch, Metuschelach, Lamech, Noah, Sem, Arpachschad, Schelach, Eber, Peleg, Regu, Serug, Nahor, Terach, Abram (Abraham), Isaak, Jakob (Israel), Levi, Kehat, Amram, Mose.
Die Aufteilung dieser 26 Namen auf die vier Kapitel erfolgt im wesentlichen über die Stammbäume, die für die einzelnen Kapitel zentral sind. Für das erste Toledot-Kapitel (2,4-6,8) ist das der Stammbaum in Gen 5. Er reicht von Adam bis Noah und umfasst somit 10 Generationen.[18] Für das zweite Toledot-Kapitel (6,9-11,9) ist das der Stammbaum Sems in Gen 10,21-31. Er reicht von Sem bis Peleg und umfasst somit 5 Generationen. Für das dritte Toledot-Kapitel (11,10-37,1) muss man von dem Stammbaum in Gen 11,10-27 ausgehen. Er beginnt erneut mit Sem und endet (wenn wir uns wie im Falle von Gen 5 entscheiden) mit Terach. Eine erste Schwierigkeit an dieser Stelle besteht in der Überschneidung mit dem vorher genannten Stammbaum Gen 10,21-31. Weinreb zählt die dort bereits genannten Personen hier nicht noch einmal und erhält somit aus dem Stammbaum für das dritte Toledot-Kapitel 4 Namen (Regu, Serug, Nahor, Terach). Doch es taucht noch eine zweite Schwierigkeit auf, die sofort sichtbar wird, wenn wir uns den Stammbaum betrachten, der für das vierte Toledot-Kapitel (ab 37,2) herangezogen werden muss, nämlich der Stammbaum Levis in Ex 6,16-27. Ihm entnehmen wir die 4 Generationen von Levi bis Mose. Die Schwierigkeit besteht nun darin, dass die drei Erzväter Abram, Isaak und Jakob in den vier hier maßgeblichen Stammbäumen nicht vorkommen, so dass zu fragen ist: Wer gehört zum dritten und wer zum vierten Kapitel? Weinreb schlägt Abram und Isaak zum dritten und Jakob zum vierten Kapitel, so dass das dritte Kapitel 6 Generationen und das vierte 5 Generationen umfasst. Gegen insbesondere die Zuordnung Jakobs zum vierten Kapitel kann man einwenden, dass - zumindest nach der üblichen Sprechweise - das dritte Toledot-Kapitel die Vätergeschichten, das heißt die Geschichten von Abram, Isaak und Jakob erzählt. Jakob müsste demnach zum dritten Kapitel gehören. Andererseits könnte das aber auch ein Missverständnis sein, denn die sogenannte Josefsgeschichte beginnt bekanntlich mit den Worten: »Dies ist die Geschichte Jakobs« (37,2 ZUR). Wenn wir also Weinreb folgen wollen, dann werden die 26 Generationen von Adam (Mensch) bis Mose (das Wort) durch die vier Toledot-Kapitel in 10-5-6-5 Generationen strukturiert. Setzt man für diese Zahlen die entsprechenden hebräischen Buchstaben ein[19], dann liest man JHWH (Jahwe). In der Geschlechterfolge ist also von Anfang an Jahwe enthalten oder wirksam (Jahwe taucht in der hebräischen Bibel erstmals in Gen 2,4 auf) und drängt zu seiner Offenbarung durch Mose, der den Herrn in seiner Offenbarung durch das Wort darstellt (vgl. HG 6752).[20]
Die vier großen Toledot-Kapitel werden mit den folgenden Formeln eingeleitet: 1. »Das sind die Geburten der Himmel und der Erde« (2,4), 2. »Das sind die Geburten Noahs« (6,9), 3. »Das sind die Geburten Sems« (11,10) und 4. »Das sind die Geburten Jakobs« (37,2). Welche Ordnung liegt diesen vier Namen zugrunde? Die Zahl Vier deutet auf eine Zerlegung in Zwei mal Zwei. Es ist zu vermuten, dass die Kapitel eins und zwei ein gemeinsames Thema haben und dass auch die Kapitel drei und vier ein gemeinsames haben. Und tatsächlich werden die ersten beiden Kapitel oft unter dem Stichwort »Urgeschichte« zu einer Einheit verbunden, und die Kapitel drei und vier thematisieren die Vorgeschichte Israels im engeren Sinne. Mit Swedenborg, das heißt durch die Sensibilisierung für den inneren Sinn, können wir außerdem erkennen, dass es ist den ersten beiden Kapiteln um die Schöpfung oder um die grundlegende Ordnung (den Kosmos) geht. Das erste Kapitel behandelt die erste oder die Urschöpfung aus der Hand Gottes. Das zweite Kapitel behandelt die zweite oder die Neuschöpfung aus der Hand Noahs, das heißt die Arche, die mit Mensch und Tier gefüllt ebenfalls ein Schöpfungsraum ist. Es waltet hier dasselbe Verhältnis wie im Falle der zweimaligen Anfertigung der Gebotstafeln. Die ersten wurden von Jahwe gemacht, die zweiten von Mose (HG 10603). In den Kapiteln drei und vier rückt dann in der nachsintflutlichen (geschichtlichen) Welt für den biblischen Erzähler die semitische Linie in den Mittelpunkt und ihre Fokusierung auf Israel.
Mit Swedenborg kann man in den vier Kapiteln vier Epochen der Kultgemeinde des alten Bundes (vor der Menschwerdung Jahwes) erkennen. Das erste Toledot-Kapitel (2,4-6,8) beschreibt demnach die »Urkirche« oder »älteste Kirche« (Swedenborgs »ecclesia antiquissima«) (HG 89, 1330), die bei Swedenborg auch »himmlischer Mensch« heißt (HG 199). Die einleitende Toledot-Formel dieses Kapitels (2,4) nennt »Himmel« und »Erde« als Vater und Mutter der ersten irdischen Form (?adam von ?adama) einer Gottesvergegenwärtigung auf unserer Erde. Dieser Merismus[21] ist für viele Deutungen offen. Von Swedenborg haben wir gelernt, dass der Himmel den inneren Menschen und die Erde den äußeren meint (HG 89). Man kann darin aber auch den Gegensatz von Geist und Materie (Transzendenz und Stofflichkeit) erblicken. Adam, der geistbegabte Erdling, entwickelte sich genau am Ort des Zusammenstoßes dieser Gegensätze, die eigentlich voreinander fliehen wollen. Die Urkirche war der Sabbat (der Ruhetag) des Geistes in der Materie, dargestellt durch den Garten Eden.
Das zweite Toledot-Kapitel (6,9-11,9) beschreibt die »alte Kirche« (Swedenborgs »ecclesia antiqua«) oder - wie wir heute sagen - die Religionen des alten Vorderen Orients. Während die Urkirche in der Sprache der Bibel »Adam« (Mensch) hieß, erhielt die zweite geistige Großmacht, die gleichzeitig die erste geschichtlich fassbare ist, den Namen »Noah« (Trost, 5,29), denn in den Überlieferungen dieser »Kirche«, die ein Erbe der Urkirche waren, fand die Menschheit Trost angesichts des Verlustes der ursprünglichen Gemeinschaft mit Gott. In den Schrift- und Kultbildern näherte man sich dem Unsagbaren und gelangte so zu einer tiefen Weisheit. Doch am Ende schwand der Geist und zurück blieb eine große Verwirrung (Gen 11,1-9). Interessant ist, dass es in der berühmten Turmbaugeschichte, die das Ende dieser Kirche markiert, heißt: »so wollen wir uns einen Namen machen« (11,4). »Name« heißt auf Hebräisch »schem«; das ist gleichzeitig der Name des Sohnes Noahs, der über dem dritten Toledot-Kapitel (11,10-37,1) steht.
Denn mit »?ellä toledot schem« (das sind die Geburten Sems) beginnt in 11,10 dieses dritte Kapitel. Was im geistestollen Endzustand der alten Kirche nicht gelang, nämlich eine die Zeiten überdauernde Bedeutung zu erlangen, das sollte nun in der dritten Epoche Wirklichkeit werden, und zwar durch den Auszug Abrams aus Ur in Chaldäa; Chaldäa meint »einen Kult, in dem innen nichts Wahres vorhanden ist« (HG 1368). Die einleitende Toledot-Formel (11,10) nennt jedoch keinen der Erzväter, sondern Sem, der nach 10,21 »der Vater aller Söhne Ebers (der Stammvater der Hebräer)« ist. Daher heißt diese Kultgemeinde »die zweite alte Kirche (alterius ecclesiae antiquae)« (HG 1329) oder »die hebräische Kirche (eccelesia hebraea)« (HG 1850). Sie war die Brücke zwischen der ursprünglichen altorientalischen Weisheit und Israel.
Das vierte Toledot-Kapitel (ab 37,1) ist nach Jakob benannt und thematisiert das Werden der Kultgemeinde Israels. Sie wird von Swedenborg die dritte alte Kirche genannt (HG 1285, 1330). Sie war nur noch »die (äußere) Darstellung einer Kirche (Ecclesiae repraesentativum), aber nicht mehr eine darstellende Kirche (Ecclesia repraesentativa)« (HG 4844). Der Unterschied ist sprachlich nicht groß, aber inhaltlich um so größer, denn: »Eine darstellende Kirche liegt vor, wenn ein innerer Gottesdienst im äußeren vorhanden ist; die Darstellung einer Kirche hingegen ist gegeben, wenn kein innerer, sondern nur noch ein äußerer Gottesdienst da ist.« (HG 4288).
Die Gliederung der Genesis auf der Grundlage der ?ellä-toledot-Formeln führte zu dem Ergebnis, dass dieses erste Buch der Bibel aus einem Vorwort und vier Kapiteln besteht. Die Eins-Vier-Struktur wiederholt sich im Pentateuch (in den 5 Büchern Mose), denn er besteht aus der Genesis und den vier Gesetzesbüchern. Dass die Genesis ein Vorwort ist, kann man damit begründen, dass es in diesem Buch das Volk Israel, Mose und das Gesetz noch nicht gibt. Die Eins-Vier-Struktur zeigt sich auch im Neuen Testament, denn vor den vier Evangelien steht der fleischgewordene Logos, der gewissermaßen die Genesis oder der Geburtsgrund der vier Evangelien ist. Man kann auch auf die Szene am Kreuz hinweisen, die von dem Untergewand und den vier Teilen der Kleider Jesu berichtet (Joh 19,23f.; Deutung in OE 64, HG 9093). In allen diesen Beispielen steht die Eins für das Innere (den Kern) und die Vier für das dementsprechende Äußere. So steht die Entfaltung des ursprünglichen Gottesimpulses in Geburten (die Genesis) vor dem Gesetz. So steht der lebendige Logos vor dem Zeugnis über ihn in den Evangelien. So steht die innere Wahrheit (das Untergewand Jesu) vor ihrer geschichtlichen Ausgestaltung (die vier Teile). Und so steht nun auch innerhalb der Genesis das »In principio« (bereschit) von Gen 1,1 vor den vier großen Toledot der Geburtenkette. Es geht auch hier, in diesem Vorwort, um das geistige Prinzip, das seiner Ausprägung in den vier Geburtenlinien zugrunde liegt.
Friedrich Weinreb verdanken wir weitere Beobachtungen. Adam, das hebräische Wort für Mensch, besteht aus den Zahlen 1-4-40 (Aleph-Daleth-Mem). Die Verbindung von 1 und 4 (die 40 ist die 4 auf einer anderen Ebene) ist also die Wesensformel für den Menschen. Das hebräische Wort für Wahrheit »?ämät« besteht aus den Zahlen 1-40-400 (Aleph-Mem-Taw). Es beruht somit ebenfalls auf der 1-4-Struktur. Mensch und Wahrheit (oder Glaube) sind also ganz eng miteinander verwandt. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch kann überhaupt nur Mensch sein als ein Glaubender, als einer der »?ämät«, die geistigen Grundlagen der kosmischen Ordnung, verwirklicht. Entfernt man aus den 1-4-Formeln die 1 (das Aleph), dann bleibt im Falle des Menschen 4-40 übrig, das ist das hebräische Wort für Blut, und im Falle der Wahrheit bleibt 40-400 übrig, das ist das hebräische Wort für Tod. Ohne die göttliche Eins bleibt also von den hohen Gebilden Mensch und Wahrheit nur das Stoffliche zurück, das biologische Leben und der Buchstabe, der tötet, nachdem der Geist entwichen ist. Das schärft unsere Augen noch einmal dafür, dass die vier Geburtenfolgen der Genesis nichts wären ohne den Schöpfungsbericht (Gen 1) und den Ruhetag (Gen 2,1-3). In Genesis 1 ist das folgende Toledot-Geschehen bereits angelegt, aber noch nicht ausgesprochen. Das drückt sich in der hebräischen Bibel darin aus, dass Genesis 1 (ohne den Ruhetag Gen 2,1-3) aus genau 434 Worten besteht. Das ist exakt der Zahlenwert für den Singular (die Eins) von »toledot«, also »toled« (400-30-4).[22]
Noch weitere Beobachtungen verdanken wir Weinreb, der jüdischen Weinrebe, die in unvergleichlicher Weise aus der Überlieferung (Kabbala) schöpfte. In Genesis 2 ist mehrmals, teils offensichtlich, teils weniger offensichtlich, das Zahlenverhältnis 1-4 enthalten. Zu Adam (1-4-40) ist das Wesentliche schon gesagt worden. Doch auch der geheimnisvolle »Dunst« (2,6), der der Formung des Adam aus dem Staub der Adama (1-4-40-5) vorausgeht, besteht genau aus den Zahlen 1-4. Er erweist sich damit als die Urgestalt der 1-4-Bauweise. Die Zahlensumme des Baumes des Lebens (233) verhält sich zur Zahlensumme des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen (932) wie 1 zu 4. Und natürlich muss man auch den einen Fluss nennen, der sich in vier Hauptarme teilt.[23] Zwischen dem Menschen und den wesentlichen Elementen seiner Umgebung besteht sonach eine eigentümliche Entsprechung.[24]
Die Eins bezeichnet das Göttliche. Die Vier hingegen steht für das Weltliche bzw. die totale Verwirklichkung eines Prinzips in der Welt. Somit ist die Vier eine Ganzheitszahl, was sich auch darin zeigt, dass die Summe der Zahlen von Eins bis Vier Zehn oder das Ganze ergibt. Viele Beispiele belegen, dass wir die Ganzheit in vier Aspekten erfahren. So erschließt sich uns die Ganzheit des Raumes durch die vier Himmelsrichtungen und die Ganzheit der Zeit in den vier Tages- und Jahreszeiten. Die Ganzheit der Welt bildete sich für die alten Weisen aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Die Ganzheit des leiblichen Mikrokosmos lässt sich auf einen genetischen Code (DNA) zurückführen, in dem es vier Basen gibt: Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin. Und die Ganzheit des seelischen Mikrokosmos wird oft in einer vierfaltigen Typenlehre erfasst. Bekannt sie die vier Temperamente Sanguiniker, Choleriker, Phlegmatiker und Melancholiker oder Carl Gustav Jungs Typologie ebenfalls basierend auf der Vier. Nach Swedenborg hat Vier die Bedeutung von »conjunctio« (Verbindung, HG 5313, 9493). Vier ist die Verdopplung der Urdualität des Guten und Wahren, die »die Universalien der Schöpfung« (EL 85) sind. Die Verdopplung resultiert aus dem Mischcharakter der Welt, in der Göttliches und Widergöttliches im Streit liegen. Dementsprechend müssen nicht nur das Gute und Wahre, sondern auch die Pole Wärme und Kälte auf der einen und Licht und Finsternis auf der anderen Seite unterschieden werden. Das 1-4-Prinzip deutet auf die Einsenkung der göttlichen oder transzendenten Eins in die materielle Weltwirklichkeit hin. »Gott ist der eigentliche Mensch« (GLW 11), sagt Swedenborg. Daher streben alle Formen zur menschlichen Form hin und sind um so vollkommener, je näher sie dieser Urform aller Formen kommen. Die Bibel ist offenbar auf eine sehr tiefsinnige Weise ein Bild dieser Urform.
Nicht immer ist der Erstgeborene auch der erwählte Sohn der Verheißung. Swedenborg prägte aus der ihm eigenen Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf einfache Formeln zu bringen, die diesen Unterschied beschreibenden Begriffe »primum tempore« (das Erste im Hinblick auf die Zeit) und »primum fine« (das Erste im Hinblick auf das angestrebte Ziel oder den Zweck). So schreibt er: »Der Glaube, unter dem man auch das Wahre versteht, ist zwar das Erste der Zeit nach (primum tempore), die Liebe (charitas) aber, unter der man auch das Gute versteht, ist es dem Endzweck nach (primum fine). Dieses Erste im Hinblick auf das Ziel (primum fine) ist in Wahrheit das Erste, das Erstrangige (primarium) und somit auch der Erstgeborene. Was nur zeitlich das Erste ist, das ist nicht in Wahrheit das Erste, sondern nur dem Anschein nach.« (WCR 336; vgl. auch EO 17). Das also ist die Ordnung des Geistes. Diese grundlegende Erkenntnis Swedenborgs eröffnet uns das Verständnis einer Merkwürdigkeit in den Geburtensträngen der Genesis.
Denn weder Isaak, noch Jakob (Israel) waren die Erstgeborenen. Der Erstgeborene Abrams war Ismael, und der Erstgeborene Isaaks war Esau. Doch die Verheißung verwirklichte sich über die zweite Geburt. Die Zurücksetzung der zeitlich ersten Geburt können wir auch anhand von Kain, dem Erstgeborenen Adams, anhand von Ruben, dem Erstgeborenen Jakobs und anhand von Manasse, dem Erstgeborenen Josefs beobachten.
So ist es auch in der Entwicklung jedes Menschen. Seine erste Geburt ist die natürliche. Seine zweite Geburt aber ist die geistige Wiedergeburt (regeneratio). Die erste Geburt scheint die allein bedeutsame zu sein; viele Zeitgenossen werden die Rede von einer Wiedergeburt für ein Pfaffenmärchen halten, dem keinerlei Bedeutung beizumessen ist. Und doch ist die zweite Geburt die wesentliche. Sie will sich aber scheinbar nicht ereignen, weswegen man das Gerede von ihr mit einem gewissen Recht in Frage stellt. Dem entspricht in den Geburtenerzählungen der Genesis die Unfruchtbarkeit der Erzmütter. Sarah, die Frau Abrahams, Rebekka, die Frau Isaaks, Rachel, die geliebte Frau Jakobs, sie alle waren unfruchtbar. Die Geburt ihrer Söhne, durch die sich das göttliche Geistwirken entfalten sollte, stand auf Messers Schneide. Isaak, der erste der unmöglichen Söhne, wäre beinahe gar nicht geboren worden und später beinahe getötet worden, sein Name findet sich in keinem Stammbaum. Wir können daraus entnehmen, dass sich die Wiedergeburt beinahe gar nicht ereignet. Und doch erzählt die Bibel, dass das Unmögliche oder äußerst Unwahrscheinliche immer wieder geschieht. Das ist ein großer Trost für die pilgernde Kirche, die oftmals nahe daran ist, die Hoffnung aufzugeben. Doch im Lichte der Bibel ist es sehr wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche passiert.
All das erzählen die Toledot-Geschichten der Genesis, wenn man auf ihren geistigen Sinn achtet. In den Toledot-Abschnitten spiegelt sich das Recht der Natur und das Recht des Geistes. Denn (zeitlich) zuerst werden immer die Stammbäume der Erstgeborenen genannt, der Stammbaum Ismaels (25,12-18) und derjenige Esaus (36,1-8.9-43). Erst an zweiter Stelle stehen die Toledot Isaaks (25,19-35,29) und Jakobs (37,1-50,26). Aber diese Geschichten von Isaak und Jakob sind die bedeutsamen, auf denen das gesamte Gewicht des biblischen Erzählers liegt. So sind die Zweiten also auch im Erzählduktus der Genesis die Ersten, und die scheinbar Ersten haben das Nachsehen.
»Sapienti pauca sufficiunt« (dem Weisen genügt wenig)[25], lautet ein Sprichwort. Dem Engel genügen die Namen in den Genealogien, sie erkennen in ihnen die Fülle göttlicher Gedanken. Denn der Name ist der Ausdruck des Wesens einer Sache. Gott müsste also nicht viele Worte machen, die Genealogien würden ausreichen. Sie sind das Herzstück der Genesis. Doch für alle, die noch nicht in die »Sapientia angelica« (die Weisheit der Engel) eingeweiht worden sind, hat der göttliche Geist einige zusätzliche Geschichten gegeben, an die sich der Schüler der Gottesweisheit üben kann.
[1] HAL: Hebräisches und Aramäisches Lexikon zum Alten Testament von Ludwig Koehler und Walter Baumgartner, 2 Bände 2004 (unveränderter Nachdruck der dritten Auflage 1967-1995).
[2] Deutsche Bibelübersetzungen werden von mir mit drei Großbuchstaben bezeichnet. ELB: Die Elberfelder Bibel, revidierte Fassung 1985. ZUR: Zürcher Bibel 2007. LUT: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers (revidierte Fassung von 1984). EIN: Die Einheitsübersetzung 1980.
[3] Eine konkordante Übersetzung will nach Möglichkeit ein- und dasselbe Wort der Grundsprache durch ein- und dasselbe Wort in der Zielsprache wiedergeben. Außerdem sollen wurzelverwandte Wörter in der Grundsprache nach Möglichkeit durch wurzelverwandte Wörter in der Zielsprache wiedergegeben werden (so wird aus »?adam« und »?adama« bei Swedenborg »homo« und »humus«). Diese sehr weitgehende Konkordanz zwischen dem Grundtext und dem Übersetzungstext ist freilich (auch bei Swedenborg) nicht immer durchführbar.
[4] Dass der Kontext den Sinn der Wörter, Satzteile und Sätze beeinflusst, gehört zu den von Swedenborg immer wieder vorgetragenen Erkenntnissen (siehe beispielsweise HG 270, 1318, 2816).
[5] Zu beachten ist, dass Swedenborg mit Bezug auf Gen 2,4 den Begriff »formatio« verwendet (HG 89), hier aber mit Bezug auf Gen 6,9 »reformatio« wählt.
[6] Siehe Thomas Hieke: »Die konsequente Beachtung der Toledot-Formel als Struktursignal und Leseanweisung erweist sie als wesentliches Gliederungsmerkmal des Buches Genesis.« (Die Genealogien der Genesis, 2003, 241).
[7] Ein Blick in die gängigen Bibelübersetzungen zeigt, dass Gen 2,4a (das ist die erste Toledot-Formel) als Schluss der Schöpfungsgeschichte (Gen 1,1-2,4a) verstanden wird (siehe ELB, ZUR, LUT, EIN). Swedenborg verstand sie jedoch also Überschrift (siehe »nunc« in HG 89). Zur Unterschrift wurde Gen 2,4a durch die historisch-kritischen Arbeiten seit dem 18. Jahrhundert. Als Charakteristikum der Priesterschrift musste Gen 2,4a dem priesterschriftlichen Schöpfungsbericht (Gen 1,1-2,4a) zugeschlagen werden. (Siehe: Thomas Hieke, Genealogien, 2003, 47f.).
[8] Ich schließe mich hier der Sehweise von Friedrich Weinreb an, für den das Fehlen oder Vorhandensein des unscheinbaren Wörtchens »und« entscheidend ist (Schöpfung im Wort: Die Struktur der Bibel in jüdischer Überlieferung, 2002, 138f.). Dass auch andere Gliederungen anhand der Toledot-Formeln möglich sind, entnehme ich Thomas Hieke (Die Genealogien der Genesis, 2003, 242): Man kann von zehn Toledot-Abschnitten ausgehen. Oder man kann mit Konrad Schmid sagen: »Die Toledot-Struktur überzieht die Genesis in je einem Fünferschema für die Ur- wie für die Erzvätergeschichte.« (Erzväter und Exodus, 1999, Seite 265). F.H. Breukelman (Bijbelse Theologie I,2, 1992, Seite 14ff.) nimmt vier Hauptteile an: 5,1-11,26 (Adam), 11,27-25,11 (Terach), 25,12-35,29 (Ismael/Isaak), 36,1-50,26 (Esau/Jakob).
[9] Swedenborg weist mehrfach auf die gliedernde Bedeutung bestimmter hebräischer Ausdrücke und des »und« hin (siehe HG 4987, 5578, 7191).
[10] Diese Terminologie übernehme ich von Thomas Hieke, Genealogien, 2003, 86.
[11] Thomas Hieke, Genealogien, 2003, 86. »Buch der Geburten« heißt in der Septuaginta »biblos geneseos«. Diese Wendung kommt im Alten Testament kein zweites Mal vor, aber das Neue Testament beginnt mit genau diesen Worten (Mt 1,1). So stehen sich der erste Adam und der zweite Adam (Jesus Christus) gegenüber.
[12] Diese Entdeckung ist auf der Homepage von Rüdiger Heinzerling (www.ruediger-heinzerling.de) veröffentlicht (zuletzt besucht am 6.7.2008).
[13] Thomas Hieke, Genealogien, 2003, 192.
[14] Siehe Thomas Hieke: »Zieht man in Analogie zu den bisherigen Toledot-Abschnitten die Todes- bzw. Begräbnisnotiz heran, so endet die Toledot Jakobs in Gen 49,33. Dazu sind jedoch die folgenden Beschreibungen des feierlichen Begräbnisses mit heranzuziehen (Gen 50). Eine strukturelle Ähnlichkeit ist bei der Toledot Terachs (Gen 11,27-25,11) zu beobachten: Sie endet nicht mit der Todesnotiz Terachs (11,32), sondern mit dem Tod des Hauptprotagonisten Abraham (25,7-11). Somit ist auch hier das Ende der Toledot Jakobs mit dem Tod der Hauptperson Josef (50,26) erreicht.« (Die Genealogien der Genesis, 2003, 192f.).
[15] Aufgrund der einleitenden Toledotformel und auch aufgrund des Inhalts müsste man eigentlich von Teracherzählungen oder von der Familiengeschichte Terachs sprechen. Thomas Hieke geht auf das Problem einer scheinbar fehlenden Toledot-Formel mit Abram bzw. Abraham ein, die man in 12,1 erwarten könnte, und stellt in diesem Zusammenhang fest: »Dieser Abschnitt [12,1-25,11] enthält auch die Nachkommen Lots, des Sohnes Harans (Gen 19,30-38), und die Nachkommen Nahors (Gen 22,20-24 mit Hinweis auf Rebekka, die in Gen 24 eine wichtige Rolle spielt). Somit umfasst Gen 12,1-25,11 nicht nur die Abrahamgeschichten, sondern auch die Geschichte von Nahor und Lot ben Haran, also die Geschichten aller Nachfahren Terachs.« (Die Genealogien der Genesis, 2003, 125f.)
[16] Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort, 2002, 143.
[17] Thomas Hieke, Genealogien, 2003, 192f.
[18] Man kann einwenden, dass dieser Stammbaum auch die Söhne Noahs und somit auch Sem nennt. Berücksichtigt werden jedoch nur die Personen, die im Stammbaum als zeugend aufgeführt werden.
[19] Nach Friedrich Weinreb sind die hebräischen Buchstaben »in erster Linie Zahlen« (Schöpfung im Wort, 2002, 69).
[20] Auf der Grundlage dieser Deutung kommt Weinreb zu einer interessanten Erklärung der Überschneidungen der Generationen im dritten Toledot-Kapitel mit dem zweiten, mit dem es Sem, Arpachschad, Schelach, Eber und Peleg gemeinsam hat. Das dritte Kapitel entspricht dem Verbindungsbuchstaben Waw, der »und« bedeutet, daher bindet es das vorhergehende Kapitel ein (siehe Schöpfung im Wort, 2002, 145). Man kann Weinrebs Gedanken noch weiterführen. Denn die Zuordnung Jakobs zu den Kapiteln drei oder vier stellt ein Problem dar. Jakob wird im dritten geboren, sein Toledot-Kapitel ist aber das vierte. Somit integriert das dritte auch den Kopf des vierten Kapitels.
[21] Der Merismus ist ein Stilmittel der biblischen Lyrik, der eine Gesamtheit durch zwei gegensätzliche Begriffe ausdrückt. So bezeichnen »Himmel und Erde« den Kosmos (das geordnete Weltganze).
[22] Friedrich Weinreb, Schöpfung im Wort, 2002, 140.
[23] Die Zahlen der Namen der vier Flüsse ergeben die Summe 1345, welche die Quersumme 4 hat.
[24] Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist ferner, dass sowohl die Erschaffung des Menschen in Vers 7 als auch die Erschaffung der Frau in den Versen 21b bis 22a in 16 Wörtern geschildert werden. In beiden Fällen ist also die Zahl 4 das bestimmende Prinzip.
[25] Paulinus von Aquileia, Exhort. 30 (226 B). Alcuin., Ep. 82 (125,24). 136 (210,8). 154 (249,17). 155 (251,6).
Abgeschlossen am 6. Juli 2008