Thomas Noack
Die Neue Kirche kam schon sehr früh mit dem Phänomen Jakob Lorber in Berührung. Ich gebe hier einen Überblick über die Geschichte der Auseinandersetzungen der Swedenborgianer mit dieser damals neuen Erscheinung am Offenbarungshimmel. Schon oft verglich ich in der Vergangenheit die Lehren Swedenborgs und Lorbers. Doch neben dieser inhaltlichen oder theologischen Dimension gibt es noch eine weitere, nämlich die institutionelle oder kirchenpolitische. Ich rekonstruiere die Geschichte der spannungsreichen Begegnung der Neuen Kirche mit den Anhängern der Offenbarungen durch Jakob Lorber nicht als Historiker, sondern als derzeitiger Pfarrer der Neuen Kirche. Daher werde ich nicht nur Episoden aus der Vergangenheit dem Vergessen entreißen, sondern am Ende auch sehr deutlich meinen eigenen Standpunkt darstellen.
68 Jahre nach dem Tod Emanuel Swedenborgs (1688-1772), am 15. März 1840, hörte Jakob Lorber (1800-1864) »links in seiner Brust, an der Stelle des Herzens« eine Stimme, die ihm zurief: »Steh' auf, nimm deinen Griffel und schreibe!«[1] Er gehorchte dieser Stimme und so entstanden bis zu seinem Tod die Manuskripte einer weiteren Offenbarung neben der bereits bekannten durch Emanuel Swedenborg.
Ob schon diese Manuskripte oder Abschriften davon Swedenborgianern zur Kenntnis kamen, ist unbekannt. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, dass erst die frühen Drucke einiger Werke Lorbers die Voraussetzung dafür schufen, dass diese Kundgaben Neukirchenleuten bekannt werden konnten. Betrachten wir die Geschichte dieser frühen Drucke in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts![2] Der schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner (1786-1862), der berühmte Verfasser des Buches über die Seherin von Prevorst (1829), erhielt als Herausgeber der »Blätter aus Prevorst« (1831-1839) und des »Magikon« (1840-1853) Kenntnis von allerlei merkwürdigen Erscheinungen auf dem Gebiet der Geisterkunde und so auch von Jakob Lorbers Schreibtätigkeit.[3] 1851 ließ er daraufhin zwei kleine Schriften Lorbers drucken, den »Briefwechsel zwischen unserm Herrn Jesu Christo und Abgarus, König von Edessa« und den »Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Laodicea«. Justinus Kerner war es auch, der den heute als Begründer der modernen Spagyrik bekannten Carl-Friedrich Zimpel (1801-1879) auf Lorber aufmerksam machte, woraufhin Zimpel diesen in Graz besuchte. 1852 gab er drei Schriften Lorbers heraus, und zwar »Naturgemäße und spirituelle Verhältnisse des Mondes mit einem Nachtrage über das magnetische Fluidum, und einem Vorworte über den eigentlichen Sinn von St. Matth. XXIV, 30 und den geistigen Frühling«, den ersten Teil der »Geschichte der Urschöpfung der Geister- und Sinnen-Welt, und im Verfolge die Geschichte der Urpatriarchen, von Adam bis Abraham, oder Haushaltung Gottes«[4] und »die Jugend-Geschichte unseres Herrn Jesu Christi«. 1869 gab Karl August Schöbel, ein Tierarzt in Söbringen bei Pillnitz, eine zweite Auflage der »Jugend Jesu« heraus. Als erster Verleger in größerem Umfang trat der Zeughausverwalter Johannes Busch (1793-1879)[5] in Dresden in Erscheinung. Zwischen 1855 und 1876 erschienen der Saturn (1855), die Erde (1856), die Dreitagesszene (1861), die natürliche Sonne (1864), die geistige Sonne (1870) und das Große Evangelium Johannes (1871-1876).[6] Die Nachfolge von Johannes Busch trat Christoph Friedrich Landbeck (1840-1921) an. Er gründete 1879 den Verlag in Bietigheim, der damals »Neutheosophischer Verlag« hieß und ab 1907 »Neu-Salems-Verlag«[7]. Landbecks umfangreiche verlegerische Tätigkeit kann ich hier nicht nachzeichnen. Wir halten aber fest: Bereits ab den 1850er Jahren waren einige Werke Lorbers auf dem Markt und konnten somit in die Hände von Swedenborgianern gelangen.
Da einzelne Werke Lorbers schon vor seinem Tod gedruckt und verbreitet wurden, ist nicht auszuschließen, dass einzelne Swedenborgianer schon zu Lebzeiten Lorbers mit dessen Schriften in Berührung kamen. Und tatsächlich ist ein derartiger Fall bezeugt. Der Neukirchenpfarrer Fedor Görwitz schrieb: »Von großem Interesse war es für mich, von Frau [Elisabeth] Sigel zu erfahren, daß der Dahingeschiedene [August Schmidt], der schon seit 1848 mit den himmlischen Lehren [Swedenborgs] bekannt war, an Jakob Lorber in Graz Werke Swedenborgs geschickt hat, daß somit Lorber mit Swedenborgs Schriften bekannt war, was von seinen Anhängern bestritten wird.«[8] August Schmidt (1812-1903) war ein kirchlich ausgerichteter Swedenborgianer. 1848 lernte er die Schriften Swedenborgs kennen. »Er war einer der sieben Unterzeichner der ›Einladung zur Subskription auf neukirchliche Werke‹, die im Jahre 1864 nach Immanuel Tafels Tode an alle Freunde der neukirchlichen Sache geschickt wurde, um die weitere Herausgabe der Schriften in deutscher Übersetzung zu ermöglichen.«[9] Außerdem förderte er die Neue Kirche finanziell: »Als vor ca. 10 Jahren [ca. 1893] seine Frau und bald darauf sein einziger Sohn starb, entschloß sich der Dahingeschiedene, den größeren Teil seines Vermögens für die Kirche zu sichern; zunächst machte er Schenkungen von je 1000 Mark an verschiedene neukirchliche Gemeinden, so in Wien und Budapest, in Stockholm und Kopenhagen, an den Schweizer-Verein der N. K. und an die deutsche Kirche in Amerika, und von 3000 Mark an den deutschen Swedenborg-Verein in Stuttgart, von letzterem Betrage waren ihm, so lange er lebte, noch die Zinsen zu übermitteln. Zu Gunsten einer dereinst in Berlin erstehenden neukirchlichen Gemeinde stiftete er sodann noch einen Fonds von 24000 Mark, welchen Betrag er der Generalkonferenz der N. K. in England übermachte, mit der Bestimmung, daß die Zinsen ihm bei Lebzeiten zufließen, nach seinem Tode jedoch zum Besten der hoffentlich erstehenden neuk. Gemeinde in Berlin verwendet werden sollten. Das Kapital soll nicht angegriffen, sondern nur zum Bau einer Kirche verwendet werden. Der Dahingeschiedene hatte vor einigen Jahren die große Freude, die Gründung einer neukirchlichen Gemeinde in Berlin noch zu erleben, und als erstes Mitglied derselben die Statuten zu unterzeichnen.«[10] August Schmidt machte also Lorber auf Swedenborg aufmerksam. Zeitlich muss dieser Vorgang zwischen 1851[11] und 1864 angesetzt werden. Wahrscheinlich kam Schmidt durch die ersten Drucke in den 1850er Jahren mit den Schriften Lorbers in Berührung und wollte das Grazer Schreibmedium im Sinne Swedenborgs missionieren. Diesem August Schmidt verdankt die Berliner Gemeinde der Neuen Kirche, die wie keine zweite heute für die unterschiedslose Verschmelzung von Swedenborg und Lorber steht, ihr Haus in der Fontanestraße 17A.[12]
Ein weiteres frühes Beispiel der Begegnung eines Swedenborgianers mit den Schriften Jakob Lorbers ist Adolph Thieme (1816-1892). Er wurde in Chemnitz geboren und war als Musiker in Russland tätig. »Sein Lieblingsinstrument war die Flöte, doch war er auch ein tüchtiger Violinist und Klavierspieler.«[13] »Im Jahre 1847 wurde er als erster Flötist an dem kaiserlichen Theater in Petersburg und zugleich als Musiklehrer an der Theaterschule und am Blindeninstitut mit Pensionsberechtigung fest angestellt«[14]. In der Hauptstadt des Russischen Reiches lernte er durch seinen Freund und Kollegen Karl Dietrich Engel (1824-1913), der einer oldenburgischen Musikerfamilie entstammte und seit 1846 Konzertmeister im Orchester des russischen Staatstheaters war, die Schriften Swedenborgs kennen und wurde ein eifriger Leser derselben. 1864 musste er aus gesundheitlichen Gründen seine Stelle in Petersburg niederlegen. Er zog nach Dresden, der Wirkungsstätte von Johannes Busch, wo er als »ein großer Bücherfreund«[15] nun auch auf die Schriften Lorbers stieß. Das Weitere gebe ich mit den Worten des Neukirchenpfarrers Fedor Görwitz wieder. Nachdem er sich in Dresden verhältnismäßig rasch körperlich erholt hatte, »trat eine schwere Anfechtung anderer Art an ihn heran, eine Anfechtung von Seiten des bösen Dämons des Spiritismus. Die Lorber'schen Schriften, Erzeugnisse des Spiritismus - herausgegeben von Johannes Busch in Dresden, jetzt in dem sogenannten theosophischen Verlage von Landbeck in Bietigheim - geriethen in seine Hände, und er ließ sich, getäuscht durch ihre vorgebliche göttliche Inspiration, eine Zeit lang von ihnen umgarnen; auch ließ er sich verleiten, an spiritistischen Sitzungen theil zu nehmen. Spiritistischen Einflüsterungen, daß er zu ›Höherem‹ berufen sei, gehorchend, gab er seine 24 Klavierschüler und damit eine Einnahme von mehreren Tausend Mark auf. Er gerieth in eine bedenkliche, phantastische Gemüthsverfassung, und fand erst wieder Frieden, nachdem er die Lorber'schen Schriften, für die er über 40 Thaler ausgegeben hatte, sämmtlich verbrannt hatte.«[16] Dieser Adolph Thieme begegnet uns nach seinem Tod noch einmal in der durch Leopold Engel (1858-1931) empfangenen Kundgabe »Im Jenseits« (1921). Darin schildert sein Vater, der schon erwähnte Konzertmeister und Faustforscher Karl Dietrich Engel seine Erfahrungen im Jenseits. Er trifft dort auf seinen Freund Adolph Thieme, der ihm als geistiger Führer dient.
Wichtig war dann aber vor allem das Wirken von Christoph Friedrich Landbeck (1840-1921). In demselben Jahr, in dem Lorber erstmals die innere Stimme hörte, erblickte Landbeck am 9. Januar in Bietigheim das Licht der Welt. Er besuchte drei Jahre die Volksschule, drei Jahre die Lateinschule und drei Jahre die Realschule. Danach kam er in die Lehre zu dem damals wohl berühmtesten Dekorationsmaler in Stuttgart, Christian Kämmerer, und vervollkommnete anschließend seine beruflichen Kenntnisse durch ein dreijähriges Studium auf der Baugewerkschule. Die Wanderjahre führten den jungen Maler nach Bonn und Köln, wo er auch mit den verschiedenen Methoden der Volksmedizin wie Naturheilkunde, Magnetismus und Vegetarismus in Berührung kam. Sein ausgeprägtes Interesse an der mystischen Seite des Lebens trieb ihn schließlich in den Süden, zunächst in die Schweiz, wo er den französischen Spiritismus nach Allan Kardec (1804-1869) und Adelma Vay (1840-1925) kennenlernte, dann nach Oberitalien und zuletzt nach Triest. Dort lernte er 1870 Gottfried Mayerhofer (1807-1877) kennen, denn er arbeitete als Schildermacher in der Werkstätte, in der der Landschaftsmaler Mayerhofer seine Ölbilder rahmen ließ. Durch ihn wurde Landbeck mit den Schriften Lorbers bekannt gemacht. Auch Mayerhofer empfing seit 1870 Niederschriften nach dem inneren Wort. Als er 1877 starb, hinterließ er Landbeck seinen geistigen Nachlass. Dieser trat nach Mayerhofers Tod als Gehilfe von Gustav Werner, der ein Verehrer Swedenborgs war, ins Reutlinger Bruderhaus ein und arbeitete dort im Zeichenbüro. Als jedoch 1879 auch Johannes Busch starb, wurde Landbeck gedrängt den Verlag zu übernehmen. Er tat es und begann seine Verlagstätigkeit im elterlichen Gartenhaus des Gasthauses zum Lamm in Bietigheim. So wurde er zum Gründer des Neutheosophischen Verlags.[17]
Landbeck machte Neukirchenleute in großem Umfang mit den Schriften Lorbers bekannt. Das frühste diesbezügliche Zeugnis weist uns auf die zweite Hälfte der 1870er Jahre. Landbeck schrieb rückblickend im Jahr 1903 das Folgende: »Als der Unterzeichnete [= Landbeck] vor mehr als einem Viertel-Jahrhundert noch im Geistesfrühling des Neuen Lichtes stand, kam derselbe mit F. G. [= Fedor Görwitz], unserem dermaligen Angreifer, und einigen seiner Amts-Genossen in Berührung. Diese als Anhänger Swedenborgs anerkannten ›Neue Offenbarungen‹; daher benützte er die Gelegenheit, diese Vertreter der Neuen Kirche auf das weiterentwickelte Neu-Offenbarungs-Werk des Herrn durch Lorber u. A. aufmerksam zu machen; aber all das war vergebliche Liebesmüh, wie eine Mohrenwäsche.«[18] Aus diesem Bericht geht auch schon hervor, dass diese Begegnung nicht im Sinne Landbecks verlaufen war. Aus den Jahren 1890 und '91 sind weitere Belege erhalten, die zeigen, dass Landbeck in diesen Jahren zahlreiche Schriften an den »Bote[n] der Neuen Kirche« schickte, dessen Redakteur damals Adolph Roeder war.[19]
Fedor Görwitz (1835-1908) wurde 1835 im thüringischen Apolda als letzter Sohn des Superintendenten Dr. Friedrich Görwitz geboren, nach dem dort heute noch eine Straße benannt ist. Nach dem Tod seines Vaters 1846 zog die Familie nach Jena um. Dort verbrachte er die Gymnasialzeit am Zenkerschen Institut, einer damals in hohem Ansehen stehenden Privatschule für Jungen und höhere Töchter. Dem Wunsche seines Vaters folgend wandte er sich danach dem kaufmännischen Berufe zu. 1859 wanderte er nach Nordamerika aus, wo er sich nach kurzem Aufenthalt in New York in Philadelphia niederließ. Dort machte er im Haus von Francis Edmund Boericke (1826-1901) die Bekanntschaft mit den Lehren der Neuen Kirche. 1870 heiratete er Minna Tafel (1847-1912), die Tochter von Leonhard Tafel (1800-1880), der uns heute vor allem als Übersetzer einer neukirchlichen Bibel bekannt ist. 1879 wurde er auf Beschluss der General Convention für das Pfarramt der Neuen Kirche ordiniert und kehrte im selben Jahr auf Veranlassung von Johann Gottlieb Mittnacht (1831-1892) nach Deutschland (Stuttgart) zurück. Sein Wirkungskreis weitete sich schnell aus. Als 1880 Prediger Hermann Peisker in Wien starb, begann er, die dortige Gemeinde einmal jährlich zu besuchen. Nach dem Tod von Prediger Salomon Baumann (1838-1882) vom Schweizerischen Verein der Neuen Kirche fuhr er zur Beerdigung erstmals nach Zürich. 1883 siedelte er in die freiere Schweiz über und wohnte im Vereinshaus »Zum Frieden« (Sonneggstraße 10). 1893 wurde er von der General Convention zum Oberpfarrer eingesetzt.[20]
Fedor Görwitz muss schon unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Amerika (1879) mit den Schriften Lorbers bzw. des neutheosophischen Verlags in Berührung gekommen sein.[21] Damals begann Landbeck seine Verlags- und Missionstätigkeit in Bietigheim. Die erste erhaltene Äußerung von Görwitz zum Phänomen Lorber stammt aus dem Jahr 1892 und findet sich in dem Nachruf über Adolph Thieme (siehe oben). Von Anfang an warnt Görwitz eindringlich vor diesen Schriften: »Es ist Pflicht der Vertreter der Neuen Kirche und insbesondere des kirchlichen Lehramtes, vor diesen Schriften zu warnen. Wir möchten allen Freunden, die sich etwa im Besitz solcher Schriften befinden mögen, den Rath geben: Folgt dem Beispiele Thieme's, und verbrennt sie; sie sind unlautern Ursprungs.«[22] Die Sorge um die Kirche und die »Reinhaltung«[23] der Lehre war auch der Anlass für die zweite Äußerung, sie stammt aus dem Jahr 1898: Die theosophischen Schriften (aus dem Verlag von Chr. Fr. Landbeck) sind »hie und da mit den Schriften der Neuen Kirche in Verbindung gebracht worden … Auch manche unserer Leser mögen von denselben schon gehört haben; eine kurze Besprechung der Sache in unserm Blatte [= Monatblätter für die Neue Kirche] dürfte daher wohl angebracht und von Nutzen sein.«[24] Diese Besprechung mündet dann in dem folgenden Urteil: Die Schriften Lorbers »erweisen sich als eine abscheuliche Verfälschung und Entweihung des Wortes Gottes … Sie treten auf als ein ›neues Wort‹, als eine unmittelbare Offenbarung des Herrn, der in ihnen als ›Ich‹ in erster Person spricht. Dieses ›neue Wort‹ aber ist nichts anderes als eine Profanation, ein Zerrbild des Wortes alten und neuen Testaments.«[25]
Den Höhepunkt erreichte das Vorgehen des Oberpfarrers in der Auseinandersetzung mit Adalbert Jantschowitsch (1833-1912). Dieser wurde 1833 in Ofen (Buda), der damals mit Pest noch nicht vereinigten Hauptstadt Ungarns, geboren. Durch das mystische Buch von Honoré de Balzac wurde er auf Swedenborgs Schriften hingewiesen. 1877 zog er mit seiner Familie zu seinem Schwiegersohn Hermann Peisker, dem Prediger des Vereins der Neuen Kirche in Wien. Nach dessen Tod im Jahr 1880 siedelte er in die Schweiz über, wo er zunächst in Degersheim und dann in St. Gallen wohnte. Während dieser Zeit versah er neben seiner beruflichen Tätigkeit als Vertreter des Konsuls in St. Gallen für zwei Jahre auch das Predigeramt des Neukirchenvereins in Herisau. 1888 kehrte er in seine Geburtsstadt Budapest zurück. Auch im dortigen neukirchlichen Verein war er als Prediger tätig. 1905 siedelte er nach Berlin über, wo er 1912 starb.[26] Zwischen 1902 und 1904 trat Jantschowitsch innerhalb der Neuen Kirche für die Schriften Lorbers ein[27] und zog sich damit den Unmut seines Oberpfarrers zu. Görwitz schrieb: »Das umfangreiche Lorber'sche ›Evangelium St. Johannis‹ … ist … nichts anderes als eine Entweihung des heil. Gotteswortes durch läppische Zusätze, von denen sich der im Lichte der Neuen Kirche Stehende mit Grauen abwenden muß.«[28] Zunächst hielt Jantschowitsch noch dagegen und schrieb seinerseits eine »Abwehr des falschen Zeugnisses eines neukirchlichen General-Pastors gegen die christliche Neu-Theosophie«; sie erschien 1903 im Verlag von Chr. Fr. Landbeck. Doch bereits im Oktober 1904 bekannte Jantschowitsch »Mein Pater peccavi!« (Mein Vater, ich habe gesündigt). In dem so betitelten, öffentlichen Eingeständnis seines Irrtums schrieb das reumütige Schaf nun: »Die Lehren der ›christlichen Theosophie‹ … erkläre ich hierdurch … für … Unverstand und Irrtum, ja für nichts als Lug und Trug, und höllischen Unsinn phantastischer, schwärmerischer, in Größenwahnsinn bereits vollständig verfallener Teufelsgeister, die sich nicht scheuen hiezu sogar des allerheiligsten Namens des Herrn sich zu bedienen, und so diesen usurpierend und lästernd zu entweihen.«[29] Die Position von Görwitz hatte sich wie schon im Fall Adolph Thieme durchgesetzt. Durch Görwitz wurde die Dämonisierung und Tabuisierung der Schriften Lorbers innerhalb der Neuen Kirche zur allgemeinen Praxis.
Es gab zwar innerhalb der Neuen Kirche jenseits des Atlantiks auch liberale Stimmen, doch die vorherrschende Tendenz strebte die Ausbildung einer orthodoxen Konfessionskirche nach altkirchlichem Vorbild an. Johann Czerny war ein solcher Vertreter einer liberalen Position. In einem Brief vom 9. August 1903 an Chr. Fr. Landbeck schrieb er: Fedor Görwitz und ich, wir »sind sogar etwas verwandt, und es tut mir sehr leid, daß ich mit ihm nicht in einer zutraulichen Freundschaft stehen kann; er scheint auf das äußere Wesen sehr beschränkt zu sein, und die babylonische Autorität fest zu halten. Mir werden so viele Zeitungen und Zeitschriften zugeschickt, daß ich nur wenige davon lesen kann; aber Ihre Schriften habe ich alle durchgelesen, und soweit mein schwacher Verstand reicht, finde ich die Neutheosophischen Schriften wesentlich mit dem Worte Gottes und mit den Schriften Swedenborgs übereinstimmend, und ich danke Ihnen, daß Sie meiner gedachten.«[30] Bemerkenswert sind auch die Äußerungen von Adolph Roeder, der der Präsident der Synode der Neuen Kirche in Amerika war. In einem Brief vom 17. Juli 1903 an Chr. Fr. Landbeck lesen wir: »Ich glaube natürlich, daß Jantschowitsch Recht hat, und daß Görwitz eine Richtung der N. K. vertritt, die uns Allen sehr leid thut.«[31] Adolph Roeder trat dafür ein, dass man der Glaubenssprache des anderen mit Achtung begegnen sollte. In einem Brief vom 31. August 1903 an Chr. Fr. Landbeck schrieb er: »Wenn ich als Deutscher geboren bin, und die deutsche Sprache mir lieb und lieber ist als alle anderen Sprachen, so bin ich eben dadurch gezwungen auch meinem englischen Nachbarn dasselbe Recht einzuräumen; dem muß sein Englisch ebenso lieb sein, wie mir mein Deutsch. Wie kann es denn anders sein? Und so ist es auch mit unserer geistigen Sprache. Ich spreche ›neukirchlich‹; ein anderer spricht ›neutheosophisch‹, und Jeder hat seine eigene geistige Sprache am liebsten; aber wie ich als Deutscher englisch lernen kann, so daß ich es ziemlich gut schreiben kann, und dennoch mein eigenes Deutsch sehr lieb habe, so kann ich als Neukirchlicher oder als Neutheosoph die geistige Sprache meines Nebenmenschen lernen, ja sogar gut lernen, daß ich sie beinahe reden kann; mit anderen Worten, daß ich ganz in seine Denkweise mich versenken und dennoch immer meinem eigenen Ideal einer Theosophie oder Philosophie treu sein kann, ohne mir selbst oder meinem Nebenmenschen gehässig zu werden, oder Schaden zuzufügen.«[32]
Für Fedor Görwitz waren die »Lorber'schen Schriften« »Pseudo-Offenbarungen des Spiritismus«[33]. »Wir haben es« hier, so schrieb er, »mit einem der frühesten Erzeugnisse des modernen Spiritismus zu thun.«[34] Meines Erachtens hat es sich Fedor Görwitz mit dieser Klassifizierung zwar etwas zu einfach gemacht, aber zum Verständnis seines Standpunktes muss man dennoch sagen, dass sich Christoph Friedrich Landbeck in keiner Weise vom Spiritismus seiner Zeit abgegrenzt hatte. Im Gegenteil, er gab beispielsweise die Schrift »Frohe Botschaft vom Morgenroth des Neuen Geistestags«[35] heraus, in der zahlreiche spiritistische »Mittheilungen von seligen Freunden«, unter anderem von »Imanuel Swedenborg«, gesammelt waren. So passte die frühe Lorberbewegung bestens in das Erscheinungsbild des modernen Spiritismus, den man 1848 mit dem Klopfgeist von Hydesville beginnen lässt.[36]
Mit der Einordnung der »Lorber'schen Schriften« in den Spiritismus verband sich ein Urteil, denn in der Neuen Kirche hatte sich schon vor Görwitz eine bestimmte Bewertung des Verkehrs mit der Geisterwelt herausgebildet. Bereits Swedenborg hatte vor einem solchen Verkehr gewarnt. In seinem geistigen Tagebuch notierte er: »Wenn Geister mit dem Menschen zu reden anfangen, so soll er sich hüten, ihnen das Mindeste zu glauben; denn beinahe alles, was sie sagen, ist von ihnen erdichtet, und sie lügen … Aus diesem Grunde ist der Zustand des Redens mit Geistern auf dieser Erde das Allergefährlichste[37] für den, der nicht im echten Glauben ist. Sie flößen eine so starke Überredung ein, es sei der Herr selbst, der spricht und befiehlt, dass der Mensch nicht anders als glauben und gehorchen kann.« (GT 1622).[38] Und auch der allseits verehrte Immanuel Tafel sprach sich gegen den Verkehr mit der Geisterwelt und gegen unmittelbare Offenbarungen aus. Einem Brief vom 13. Mai 1863 an Julie Conring entnehme ich den folgenden längeren Abschnitt: »Es wird Ihnen aber bekannt sein, daß Swedenborg diesen Verkehr [der Geister mit Menschen] nicht nur für seelengefährlich, sondern auch als leicht in's Irrenhaus führend bezeichnet hat, was leider auch durch neue Erfahrungen im Gebiete des Spiritualismus, die mich ziemlich nahe angiengen, bestätigt worden ist. Für besonders gefährlich halte ich die Mittheilungen von Geistern über Religionslehren, und besonders die sogenannten unmittelbaren Offenbarungen, für die nur wir die sichern Kriterien haben, und die, wie Swedenborg zeigt, gar nicht mehr möglich sind, weil sie gegen die unwandelbaren Gesetze der göttlichen Vorsehung verstoßen. Einst wurde der Freund einer angeblichen Seherin in Wien in unsere Versammlung in Stuttgart eingeführt, und bat nach meinem Vortrag um das Wort, worauf er unter anderem sagte, es gebe gegenwärtig nur Ein Mitglied der Neuen Kirche, eine Seherin in Wien, die vom Herrn täglich unmittelbar belehrt werde. Ich bemerkte darauf, Swedenborg habe auf den Grund von Dan. 9,26. und Luc. 16., bewiesen (in dem Werke von der Vorsehung ñ 134-36) daß der Herr nicht mehr unmittelbar lehre, sondern blos mittelbar durch das Wort, auch nicht durch Geister und Engel, er selbst ›habe nun schon so lange Umgang gehabt mit Geistern und Engeln, aber kein Geist habe gewagt, und kein Engel gewünscht, ihm Belehrungen zu geben über das Wort oder über eine Lehre aus dem Wort, sondern es habe ihn der Herr selbst gelehrt, aber mittelbar durch das Wort in der Erleuchtung.‹ … Jenes Prinzip, daß die heilige Schrift … alleinige Erkenntnißquelle der Religion sei, ist höchst wichtig, und erleichtert gar sehr die Anknüpfung bei den Protestanten, während es zugleich allen Fanatismus der sich einander widersprechenden angeblichen Offenbarungen mit der Wurzel ausrottet. Jene Seherin und ihr Freund nahmen einen sehr traurigen Ausgang. Für viele Menschen ist jedoch der kritisch beleuchtete Spiritualismus eine Brücke zum Glauben, deren wir jedoch nicht bedürfen, zumal wir auf diesem Wege nichts wesentlich Neues lernen können.«[39]
Die Zuordnung der Schriften Lorbers zu denjenigen des Spiritismus war nicht das Ergebnis einer gründlichen Untersuchung, sondern diente der schnellen Abwehr des aufdringlichen Verwandten. Ohne die Zuordnungsfrage aus einer swedenborgschen Sicht hier beantworten zu können, möchte ich auf zwei Dinge kurz hinweisen. Erstens: Swedenborg unterscheidet zwei Arten von Offenbarungen: »Jede Offenbarung stammt entweder aus der Rede mit Engeln (ex loquela cum angelis), durch die der Herr redet, oder aus dem Innewerden (ex perceptione)« (HG 5121). Für Lorber kommt nach diesem Klassifizierungssystem die erste Variante in Betracht, zumal diese Form der Offenbarung »durch das lebendige in ihnen (den Offenbarungsempfängern) gehörte Wort (per vivam vocem auditam in illis)« (HG 5121) geschieht. In diesem Zusammenhang ist eine Bemerkung aus dem durch Lorber empfangenen Werk »Robert Blum« interessant. In Bezug auf den Schreibknecht Gottes sagt der jenseitige Robert Blum: »Das ist so ein schwaches irdisches Knechtlein von Dir und schreibt, was Du ihm durch irgendeinen Engel in Deinem Namen in die Feder diktierst.« (RBl 2,261,5). Das ist die einzige mir bekannte Stelle in den Schriften Lorbers, die zwischen dem Herrn und seinem Schreibknecht eine Vermittlungsschicht nennt. Vielleicht lassen sich die Ähnlichkeiten zwischen den Lehren Swedenborgs und Lorbers auch dadurch erklären, dass der göttliche Offenbarungsimpuls durch swedenborgsche Engelvereine hindurchging, bevor er Lorber erreichte. Doch das ist nur eine Vermutung. Zweitens möchte ich Äußerungen Swedenborgs ins Gespräch bringen, die sich als Ankündigung Lorbers interpretieren lassen. In den Himmlischen Geheimnissen heißt es: »In der ältesten Kirche, mit welcher der Herr von Angesicht zu Angesicht sprach, erschien er wie ein Mensch, wovon vieles berichtet werden kann, aber es ist noch nicht an der Zeit (sed nondum est tempus).« (HG 49). Da sich diese Andeutung am Anfang des ersten Offenbarungswerkes Swedenborgs befindet, bezieht man sie wohl am einfachsten auf Swedenborg und sagt, er glaubte, ein solches Werk selbst schreiben zu können. Andererseits kann man die Erfüllung dieser Ankündigung aber auch in der durch Lorber geoffenbarten Haushaltung Gottes erblicken. Noch interessanter ist ein Hinweis Swedenborgs in einem Brief vom 11. November 1766 an Oetinger, darin heißt es: »Bei einigen wird auch eine redende Erleuchtung (illustratio loquens) gegeben werden, und diese ist mehr als ein Zeichen.« Die redende Erleuchtung oder Illustration (der allgemeinen Prinzipien Swedenborgs) kann sich auf das innere Wort Lorbers beziehen.[40]
Friedemann Horn (1921-1999) wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem Swedenborgianer. Weihnachten 1939 erhielt er von Frau Kammersänger Else Schmidt, seiner Zimmerwirtin in Jena, das Buch »Was lehrt die Neue Kirche?« von Adolf Ludwig Görwitz, mit dem er aber zunächst nichts anfangen konnte. Doch 1942, als er als Soldat in Messina war und das Buch in dieser »himmlischen« Umgebung noch einmal las, war er offen für die darin enthaltenen Ideen, so dass er, der vor dem Krieg Theaterwissenschaft studiert hatte, nach dem großen Gemetzel das Studium der Theologie aufnahm. 1951 promovierte Horn bei Ernst Benz (1907-1978) mit einer Arbeit über »Schelling und Swedenborg« (abgeschlossen 1950). Seit 1950 hielt er sich durch Vermittlung von Max Adam in der Schweiz auf, zuerst in Basel, dann in Zürich, wo er 1952 ordiniert (und 1977 zum Oberpfarrer eingesetzt) wurde. Nach dem Tod seines Vorgängers Adolf Ludwig Görwitz am 25. November 1956 wurde er zur bestimmenden Gestalt des deutschsprachigen Swedenborgianismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dieses Urteil beruht vor allem auf seiner literarische Tätigkeit. 1957 rief er die Zeitschrift »Offene Tore« ins Leben. Außerdem erhielt der Swedenborg Verlag durch seine unermüdliche Wirksamkeit wichtige Impulse, was nicht zuletzt durch die 1961 gegründete Hausdruckerei ermöglicht wurde. Neben zahlreichen Nachdrucken vergriffener Bücher, revidierte und übersetzte er mehrere Werke Swedenborgs und erweiterte das Verlagsprogramm um viele wertvolle Titel der Sekundärliteratur. Aus der sich seit 1960 abzeichnenden Krise der Volkskirche konnte Horn allerdings auch die Neue Kirche nicht heraushalten. Mehr oder weniger hilflos musste er das Aussterben fast aller neukirchlichen Gemeinden und Pfarrer mit ansehen. Auch Horns lebenslanges Anliegen »die Stimme Swedenborgs im Chor der christlichen Kirchen zu Gehör« zu bringen (so die Worte von Benz an den Doktoranden Horn), zeitige keine dauerhaften Erfolge.
Friedemann Horn kam schon 1944 oder '45 auch mit den Schriften Jakob Lorbers in Berührung. Diese Erstbegegnung beschrieb er annähernd ein halbes Jahrhundert später mit den folgenden Worten: »Noch sehr genau erinnere ich mich der Argumentation einer von mir sehr verehrten uralten baltischen Dame - sie war Inspectrice des kaiserlichen Erziehungswesens im zaristischen Rußland gewesen und inzwischen an die 90 Jahre alt -, die mir in meinen jungen Jahren beizubringen suchte, Swedenborg sei so etwas wie ein Grundschullehrer, aber Lorber sei der Hochschullehrer, der weit über das von Swedenborg vermittelte Wissen hinausgehe. Sie schrieb mir sogar ganze Hefte aus Lorber heraus, weil damals (1944/45) die Schriften Lorbers ebenso wie die Swedenborgs verboten waren, und von denen ich aus Pietät noch heute einige verwahre. Ich ließ mich freilich nicht überreden, und als ich später Einblick in die Originalwerke Lorbers nahm, sah ich auch die Gründe.«[41] In den darauffolgenden Jahren und Jahrzehnten kam Horn immer wieder mit Lorberfreunden in Berührung und wirkte auch gestaltend auf das Verhältnis ein, beispielsweise indem er in den 1960er Jahren die deutsche Auslieferung des Swedenborg Verlags der Verlagsgemeinschaft Zluhan übertrug.[42]
Obwohl Horn stets in intellektueller Distanz zu den Offenbarungen durch Jakob Lorber verharrte, verfiel er doch nie dem polemischen Tonfall der Ära der beiden Görwitze, ja er schämte sich sogar für »die oft allzu pauschalen, wenig sachlichen Urteile von Neukirchenpfarrern über Lorber«, von denen er »aus den ›Monatblättern‹ wußte«[43]. Der Wechsel der verbalen Umgangsform und die für einen Swedenborgianer doch sehr weitgehende Anerkennung der Lorberianer als unsere »engsten Verwandten« waren Signale des guten Willens. Bei alledem wollte Horn aber selbstverständlich von neukirchlichen Voraussetzungen ausgehen, zu denen nicht zuletzt das berühmte Wort gehört: Nun ist es erlaubt (nunc licet), mit Verstand in die Geheimnisse des Glaubens einzutreten (WCR 508). Swedenborgianer wollen sich nicht einen blinden Glauben überstülpen lassen; sie wollen auch in Offenbarungsfragen den Verstand einschalten, was viele Lorberianer nicht nachvollziehen können. Deswegen entwickelte Horn in den 1970er Jahren das Programm der Offenbarungskritik. Er nannte zwei Kriterien. Erstens: Das mit den Mitteln des Verstandes Nachprüfbare müsse auf diese Weise überprüft werden. Das gilt für die historischen und wissenschaftlichen Angaben in den Werken Jakob Lorbers. Selbstverständlich kann in einzelnen Fälle der Irrtum auch auf Seiten der Wissenschaften liegen, die ja oftmals auch nicht ganz frei von ideologischen Einflüssen sind. Aber es ist jedenfalls kein Zeichen einer offenen und vorurteilsfreien Auseinandersetzung mit ihnen, wenn man diese immer nur dann heranzieht, wenn sie wieder einmal etwas aus dem Lorberwerk zu bestätigen scheinen und sie andererseits wie die Pest meidet oder beschimpft, wenn sie dem im Herzen Geheiligten widerspricht. Wer die Wahrheit sucht, der sucht sie überall. Daran entscheidet sich, ob man nur ein »Lorberianer« ist oder ein echter Wahrheitssucher, nur er ist immer wieder offen für die schmerzhafte Geburt neuer Einsichten. Das zweite Kriterium ist die Übereinstimmung der neuen Offenbarungen mit den alten. Auch dieses Kriterium ist nicht immer leicht zu handhaben. Ich veranschauliche das gerne mit dem Verhältnis des Neuen Testaments zum Alten. Auf der einen Seite beteuert Jesus, dass er das Gesetz keineswegs auflösen will (Mt 5,17), auf der anderen Seite schafft sein Gesandter Paulus es im Namen der neuen Möglichkeit des Glaubens ab (Röm 10,4). Stimmt das Neue Testament nun widerspruchsfrei mit dem Alten überein? An dieser Frage scheiden sich die Gemüter, und an der Bruchstelle entstand einst die neue Religion des Christentums. Die Forderung der Übereinstimmung der Offenbarungen kann man also zwar erheben und muss man wohl auch erheben, aber was ist damit gewonnen? Am Ende entscheidet der Glaube, ob die Offenbarungen der neuen Stufe mit denen der alten übereinstimmen.[44]
Friedemann Horn konnte mit seiner Offenbarungskritik keine Seite zufrieden stellen. Die Swedenborgianer meinten, er sei den Lorberfreunden zu weit entgegen gekommen. Und den Lorberianern erschien seine »intellektuelle« Kritik als ein Herumstochern in Äußerlichkeiten. Meines Erachtens erklärt sich die Unzufriedenheit der Swedenborgianer daher, dass Horn aus der eigentlich kirchenpolitischen Problematik eine theologische gemacht hatte. Denn der eigentliche Anlass des Unbehagens war ja die Befürchtung der Umwandlung der Berliner Gemeinde der Neuen Kirche in einen Lorberverein durch die Wirksamkeit von Peter Keune. Das Problem hätte also nicht so ausschließlich auf die theologische Ebene verlagert werden dürfen. Und die Lorberfreunde kann man mit »Verstandeskritik« sowieso nicht gewinnen. »Verstandesdenken« gilt in Lorberkreisen geradezu als Schimpfwort. Dennoch scheint auch mir die Reinigung des Urgestein der neuen Wortoffenbarung immer notwendiger zu werden. Allerdings sollte diese Reinigung von innen heraus erfolgen, das heißt aus dem Glauben an die Göttlichkeit dieser Neuoffenbarung. Die Lorberbewegung müsste innerhalb ihrer eigenen Glaubensüberzeugungen einen Ansatz für den schöpferischen Umgang mit »ihrer« Offenbarung finden, andernfalls erstarrt sie in Lorberorthodoxie mit allen damit verbundenen merkwürdigen Auswüchsen.
Peter Keune (geb. 1932) trat 1955 mit der Berliner Gemeinde der Neuen Kirche in Kontakt, indem er Pfarrer Erich Reissner (1892-1964) aufsuchte. 1956 wurde er Mitglied der Gemeinde, deren Geschicke er in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend prägen sollte. Praktisch zeitgleich mit seinem Auftauchen kamen die 1953 begonnenen Bemühungen dieser Gemeinde um den Erwerb eines Hauses zum Abschluss, denn 1956 kaufte sie die Villa in der Fontanestraße 17A. Irgendwann zwischen 1955 und 1960 besuchte Peter Keune zudem erstmals die Berliner Lorbergruppe um Karl Friedrich Schulze-Angern, der Vorträge in der Buchhandlung für Religions- und Geisteswissenschaften (Damaschkestraße 4) anbot. 1964 starben sowohl Pfr. Reissner als auch Schulze-Angern. Dadurch fiel Peter Keune die Aufgabe der geistigen Leitung der beiden Gruppen zu. Als 1970 der damalige 1. Vorsitzende der Neuen Kirche, Alfred Stieger, starb, übernahm er auch dieses Amt, das er bis 2004 innehatte.
Peter Keune, der »Lorberianer unter den Swedenborgianern«[45], steht in der Geschichte der deutschsprachigen Neuen Kirche für die unterschiedslose Verschmelzung dieser Kirche mit den Lorberfreunden. Diese Entwicklung wurde von den klassischen Swedenborgianern mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Es ist wohl kein Zufall, dass schon 1965 (ein Jahr nach der faktischen Übernahme beider Gruppen durch Peter Keune) in der 16. Sitzung des Rates der neukirchlichen Geistlichen auf dem europäischen Festland (vom 30.8. bis 1.9.1965 in Zürich) das Verhältnis Lorber und Swedenborg ausführlich besprochen wurde.[46] Die Lage spitzte sich in den 1970er Jahren zu, so dass sich Friedemann Horn genötigt sah, zwischen 1975 und 1977 eine Offenbarungskritik zu veröffentlichen. Als Hedi Schulz, die Leiterin der Buchhandlung für Religions- und Geisteswissenschaften, 1980 starb, kamen die dortigen Lorbervorträge ins Haus der Neuen Kirche. Die Verschmelzung des Berliner Lorberkreises mit der Neuen Kirche schritt auch deswegen immer weiter voran, weil das der einzige Weg war, dem Aussterben und damit dem Schicksal so vieler anderer neukirchlicher Gemeinden zu entgehen. Peter Keune handelte bei alledem aus innerster Glaubensüberzeugung. Er war zutiefst davon überzeugt, dass der geistige Gehalt der beiden Offenbarungen durch Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber vollständig übereinstimmt. In einem Brief an Horandt Gutfeld vom 17. Januar 1978 schrieb er: »Ich bin nach wie vor davon überzeugt, daß beide [Swedenborg und Lorber] aus derselben Quelle schöpften, und daß scheinbare Widersprüche sich bei rechter Betrachtungsweise auflösen - bei mir jedenfalls.«
Ich (geb. 1959) stieß 1977 auf die Werke Emanuel Swedenborgs und Jakob Lorbers. In dem Buch »Zeugen für das Jenseits« von Aglaja Heintschel-Heinegg begegnete ich erstmals diesen beiden »Zeugen«. Das Buch war eine Gemeinschaftsproduktion des Swedenborg und des Lorber Verlags. Nicht selten ist im Anfang alles Weitere schon enthalten. Die gemeinsame Erstwahrnehmung Swedenborgs und Lorbers in einer Gemeinschaftsproduktion der beiden Verlage enthielt die Konstellation meines weiteren Weges. 1979 kontaktierte ich Peter Keune, den Leiter des Berliner Lorberkreises und der Neuen Kirche. Wiederum begegneten mir Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber als Geschwisterpaar. Von dem gerade abgeflauten Streit in der Berliner Gemeinde über das Problem der Einbeziehung Lorbers in das Gemeindeleben wußte ich damals nichts, nur einige merkwürdige Empfindlichkeiten nahm ich hier und da beiläufig zur Kenntnis. 1982 hielt ich meinen ersten Vortrag im Haus der Neuen Kirche. Dort durfte seit 1981 die Buchhandlung für Religions- und Geisteswissenschaften ihre Vorträge anbieten. Dem neukirchlichen Vereinswesen stand ich distanziert gegenüber, so dass ich erst 1985 Mitglied der Neuen Kirche wurde. Pfr. Friedemann Horn gab mir schon 1984 bei einem denkwürdigen Spaziergang um den Grunewaldsee die Anregung, Theologie zu studieren. Doch erst 1987 konnte ich mich endgültig dazu entschließen, diesen Weg auch tatsächlich zu gehen. An der Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf begann ich das Studium der evangelischen Theologie als Gasthörer. 1993 siedelte ich nach Zürich über. 1994 ordinierte mich Friedemann Horn zum Pfarrer der Neuen Kirche. 2004 gab ich das Buch »Der Seher und der Schreibknecht Gottes: Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber im Vergleich« heraus. Die darin gesammelten Aufsätze sind allerdings sehr von dem Wunsch nach einer Harmonisierung der beiden Lehrsysteme geprägt. In einem neuen Anlauf müsste das je eigene Profil der beiden deutlicher herausgearbeitet werden. 2005 schloss ich das Studium der evangelischen Theologie ab und kann mich seitdem uneingeschränkt der Neuen Kirche widmen.
Aus dem geschichtlichen Überblick und meinen persönlichen Erfahrungen leite ich die folgenden Überzeugungen und programmatischen Überlegungen ab. Zwei Ebenen sind zu unterscheiden: die institutionelle und die inhaltliche (oder theologische).
Auf der institutionellen Ebene geht es um das Problem der Verschmelzung der Neuen Kirche mit der Lorberbewegung bzw. den Lorbergruppen. Dieses Problem kann man meines Erachtens nur dann lösen, wenn man zwischen der neuen Kirche Swedenborgs und der Neuen Kirche seiner Anhänger unterscheidet. Zur »nova ecclesia« Swedenborgs, die weniger eine Körperschaft als vielmehr ein neues Zeitalter ist, gehören neben vielen anderen Gruppen auch die Lorberianer. Die Neue Kirche der Anhänger Swedenborgs dagegen ist aufgrund ihres geschichtlichen Ursprungs und ihrer Tradition eine Swedenborgkirche. Daher habe ich zuweilen für eine Umbenennung der Neuen Kirche in Swedenborgkirche plädiert. Auf diese Weise könnte man der leidigen Verwechslung der neuen Kirche mit der Neuen Kirche einen Riegel vorschieben. Wenn man sich dieser Unterscheidung anschließt, dann kann man sagen: Sowohl die Swedenborgkirchen als auch die Lorbergruppen (und viele andere Gemeinschaften) sind ein Teil der neuen Kirche.
Auf der Grundlage dieser Unterscheidung kann man auch erkennen, dass die Auffüllung der an personeller Auszehrung leidenden Neuen Kirche mit Lorberfreunden einen Irrweg darstellt, zumindest dann, wenn damit die allmähliche Umwandlung der Swedenborgkirche in eine Lorbergemeinschaft verbunden ist. Die Neue Kirche sollte eine Swedenborgkirche bleiben. Wenn dann aber die Abgrenzung und Eigenständigkeit der beiden Gruppen klar ist, dann lassen sich viele Formen einer gedeihlichen Zusammenarbeit denken und praktizieren. Nirgends ist die Verschmelzung der Swedenborgkirche mit den Lorberfreunden so sehr vollzogen worden wie in Berlin. Man muss es dieser wackeren Gemeinde allerdings zugute halten, dass sie in einer Zeit des Aussterbens der Neuen Kirche auf diese Weise wenigstens ihre Existenz retten konnte. Gleichwohl zeigen sich mit der fortschreitenden Verwirklichung des Berliner Models auch seine problematischen Seiten. Denn erstens bleibt unter der behaupteten vollständigen Übereinstimmung der Lehrsysteme Swedenborgs und Lorbers Swedenborg auf der Strecke. Und zweitens bleibt die Metamorphose des Vereins unvollständig, denn aus irgendeinem Grund schreckt man in Berlin davor zurück, die Satzung und die äußere Erscheinung dem inneren Gestaltwandel anzugleichen.
Zur vollständigen Betrachtung des Problems gehört auch, dass man es auch aus der Sicht des Einzelnen behandelt. Es gibt eine beachtliche Anzahl von Personen, die beide Offenbarungen annehmen können. Es gibt also nicht nur Swedenborgianer und Lorberianer, sondern gleichsam dazwischen stehend noch eine dritte Gruppe. Meist handelt es sich dabei eher um Lorberfreunde, denen Swedenborg aber sehr viel bedeutet. Gegen diese Verbindung von Lorber und Swedenborg im Gemüt gläubiger Menschen ist an sich nichts einzuwenden. Denn mit einem Wort Swedenborgs kann man dazu sagen: Wenn die Christen »die Liebe zum Herrn und die Nächstenliebe zur Hauptsache des Glaubens machten, dann wären die unterschiedlichen Lehren nur verschiedene Meinungen über die Geheimnisse des Glaubens, welche die wahren Christen dem Gewissen eines jeden überließen.« (HG 1799). Überlassen wir also die Verquickung der beiden Lehrsysteme dem Gewissen eines jeden Einzelnen! Wie soll man dann aber damit umgehen, wenn Mitglieder dieser dritten Gruppe in die Swedenborgkirche eintreten wollen? Die Mitgliedschaft sollte ihnen nicht verwehrt werden, wenn klar ist, dass sie dem statuarischen Zweck der Swedenborgkirche dienen wollen. Ich will zur Verdeutlichung ein Bild gebrauchen: Selbstverständlich können Hundezüchter, die zugleich auch echte Katzenliebhaber sind, in einem Katzenclub Mitglied werden. Sie sollten dort aber nicht Hunde züchten wollen.
Das swedenborgsche Profil der Neuen Kirche muss wieder gestärkt werden. Allerdings kann das nicht eine Rückkehr zur alten Swedenborgorthodoxie bedeuten. Die Theologie der Neuen Kirche muss weiterentwickelt werden. Die Neue Kirche hat viel zu lange im Gefühl theologischer Überlegenheit swedenborgsche Lehrsätze repetiert. Dabei ist sie zum Denkmalpfleger geworden. Lorber ist nicht wirklich die Lösung dieser neukirchlichen Erstarrung. Die Lösung liegt vielmehr darin, dass das Denkmal »Swedenborg mit Perücke« lebendig wird, vom Sockel steigt und den langen Weg vom 18. Jahrhundert bis heute zurücklegt. Das ist eine Bewusstseinsentwicklung. Aus Anhängern müssen schöpferische Geister werden. Das ist in meinen Augen die wirkliche Belebung der Neuen Kirche. Die Lorberinfusion hingegen stellt nur die künstliche Belebung eines nach wie vor kranken Patienten dar.
Auf der inhaltlichen oder theologischen Ebene geht es um den Vergleich der Lehrsysteme Swedenborgs und Lorbers. Ich kann mich zu diesem notwendigen Vergleich hier allerdings nur als Pfarrer der Swedenborgkirche äußern. Der institutionelle Gesichtspunkt ist also nicht völlig ausgeblendet. Gleichwohl stehen die Aufgaben des theologischen Vergleichs im Vordergrund. Meines Erachtens sollte die Swedenborgkirche ausgehend von ihren eigenen Voraussetzungen die Schriften Jakob Lorbers als eines ihrer Forschungsgebiete betrachten. Sie können beispielsweise als ein sehr außergewöhnlicher Fall der Rezeptionsgeschichte Swedenborgs angesehen werden. Mir erschien es schon immer sonderbar, dass die Swedenborgianer die Wirkungsgeschichte ihres Meisters oft und gerne untersucht, Lorber aber ausgeklammert hatten. Die Geschichte des Umgangs der Neuen Kirche mit dem Neuoffenbarer aus Graz hat mir diese Merkwürdigkeit zwar verständlich gemacht, zugleich aber auch zu der Einsicht geführt, dass die unsachliche Ausgrenzung der Lorberschriften, ihre Tabuisierung innerhalb der Neuen Kirche, geschichtlich betrachtet genau zum Gegenteil des Beabsichtigten geführt hat, nämlich zu einer ebenso unangemessenen Überschwemmung der Swedenborgkirche durch lorbersches Gedankengut. So rächen sich Verdrängungen!
Die Neue Kirche muss in die sachliche und inhaltliche Auseinandersetzung mit den theologischen Inhalten der Neuoffenbarung durch Jakob Lorber eintreten. Friedemann Horn hatte sich seinerzeit auf historische und wissenschaftliche Angaben im Lorberwerk beschränkt. Das war aber noch keine theologische Auseinandersetzung. Ich schrieb zwischen 1990 und 2002 zahlreiche Aufsätze, in denen ich auf inhaltliche Parallelen zwischen Swedenborg und Lorber hinwies. Diese Aufsätze veröffentlichte ich 2004 in dem Sammelband »Der Seher und der Schreibknecht Gottes: Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber im Vergleich«. Aus heutiger Sicht muss ich allerdings sagen, dass es mir in den 1990er Jahren im wesentlichen um den Nachweis der vollständigen Übereinstimmung der beiden Lehrsysteme ging. Mindestens ebenso interessant dürfte aber auch die Herausarbeitung des je eigenen Profils der beiden Offenbarungen sein. Darauf ist in künftigen Untersuchungen vermehrt zu achten. Außerdem kann die Neue Kirche bei ihrer Erforschung der Werke Jakob Lorbers zum einen auf die darin enthaltenen zeitgenössischen Vorstellungen, das heißt auf die historischen Bedingtheiten achten, zum anderen aber auch die Aufmerksamkeit auf den geistigen Sinn lenken. Vielleicht setzt das Lorberwerk, das ja nach Swedenborgs Wiederentdeckung der Entsprechungswissenschaft niedergeschrieben wurde, diese königliche Wissenschaft als den hermeneutischen Schlüssel zur Schatzkammer des Geistes voraus. Mögen alle Beteiligten nach dem Besten ihrer Erkenntnis am Projekt einer neuen Kirche weiterarbeiten, dann wird unser gemeinsamer Herr das Bemühen aller segnen.
[1] Karl Gottfried Ritter von Leitner, Jakob Lorber, ein Lebensbild nach langjährigem persönlichem Umgang, Bietigheim, 4. Auflage 1969, Seite 18.
[2] Ich stütze mich auf die folgenden Publikationen des Lorber Verlags: 125 Jahre Lorber Verlag. 100 Jahre in Bietigheim, Bietigheim 1979. Begegnung mit dem prophetischen Werk Jakob Lorbers: Gedenkschrift des Lorber-Verlags zum 150. Jahr der Berufung Jakob Lorbers zum »Schreibknecht Gottes«, Bietigheim 1990.
[3] Christoph Friedrich Landbeck schrieb: »Durch seine zentrale Stellung als Leiter dieser Blätter [Blätter aus Prevorst und Magikon] bekam er [Justinus Kerner] Kenntnis aller s. Z. auftauchenden Erscheinungen auf geistigem Gebiete«. (Die Haushaltung Gottes, Band 1, Bietigheim 1904, Seite XX). Es gab auch einen Briefwechsel zwischen Justinus Kerner und dem Grazer Freundeskreis, von dem aber nichts erhalten geblieben ist (Begegnung mit dem prophetischen Werk Jakob Lorbers …, Bietigheim 1990, Seite 63).
[4] Der von Zimpel herausgegebene erste Teil endet mit dem 243. Kapitel des heutigen 2. Bandes der Haushaltung Gottes. Der zweite Teil erschien erst 1882 im Neuen Theosophischen Verlag von Christoph Friedrich Landbeck.
[5] Das Geburtsjahr habe ich aus der Bemerkung erschlossen »als der fast 84jährige Busch im März 1877« (Begegnung mit dem prophetischen Werk Jakob Lorbers, Bietigheim 1990, Seite 65). Im 1864 von erschienenen Werk über die natürliche Sonne schrieb Johannes Busch: »Nie hätte ich mir zu meinem nun bereits 71sten Lebensjahre je träumen lassen, ein so außerordentliches Werk … zur Herausgabe zu bekommen.« Auch diese Bemerkung führt in das Geburtsjahr 1793.
[6] Die Titel sind in Kurzform angegeben. Die ursprünglichen Titel lauten: »Außerordentliche Eröffnungen über die natürliche und geistige Beschaffenheit des Planeten Saturnus nebst dessen 3-geteiltem Ring' und 7 Monden, so wie über die Beschaffenheit, das Grundsein und Leben der darauf befindlichen Wesen …«, Meißen 1855. »Außerordentliche Eröffnungen über die natürliche und methaphysische oder geistige Beschaffenheit der Erde und ihres Mittelpunctes, mit besonderem Bezug auf das Grundsein, so wie auf Bestimmung, Leben und Ziel der in, auf und - in den Luft- und Aether-Regionen - über ihr befindlichen Wesen …«, Meißen 1856. »Die Dreitagsscene Jesu im Tempel, als Er zwölf Jahr alt war. Niedergeschrieben von einem Gottbegeisterten, und mit einem Anhange höchst merkwürdigen Inhalts, in Kraft der Erkenntniß des Geist's im Wort aus der Höhe herausgegeben von Johannes Busch«, Dresden 1861. »Außerordentliche Kundgebungen und Eröffnungen über die naturmäßige und geistige Beschaffenheit und Wesenhaftigkeit der Sonne und deren correspondirende Seins- und Eigenschaftlichkeits-Beziehungen zu und auf den sieben Haupt-Planeten …, Dresden 1864. »Außerordentliche Kundgebungen, Eröffnungen und Belehrungen über die naturgemäße und geistige Beschaffenheit und Wesenheit der Sonne … Zweite und dritte Abtheilung: Die geistige Sonne, nebst Nacherinnerungen und außerordentlichem Nachtrag dazu«, Dresden 1870. »Das aus der ›großen Zeit der Zeiten‹ verheißenermaßen völlig kundgegebene und im inneren Sinne enthüllt'st erklärte Evangelium St. Johanni's, wie Solches vom Herrn Selbst Seinem Ihm über Alles getreuest liebenden Erwählten in der Zeit vom 2. August 1851 bis nahe zu Dessen am 24. August 1864 erfolgten Leibestode gottmensch-geistig entsprechendst in die Feder dictirt worden ist …«, Dresden, 7 Bände von 1871 bis 1876.
[7] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Verlag noch einmal umbenannt und heißt seitdem Lorber-Verlag.
[8] Monatblätter für die Neue Kirche (= MNK), September 1903, Seite 142.
[9] MNK September 1903, Seite 144.
[10] MNK September 1903, Seite 144.
[11] Ich gehe hierbei davon aus, dass August Schmidt nicht schon Manuskripte Lorbers zu Gesicht bekam.
[12] Eine Notiz zur Verwendung des Schmidt-Fond findet man in: Die Neue Kirche: Monatblätter für fortschrittliches religiöses Denken und Leben (= NKM), Januar/März 1956, Seite 27.
[13] MNK November 1982, Seite 172.
[14] MNK November 1982, Seite 172.
[15] MNK November 1982, Seite 172.
[16] MNK November 1982, Seite 173. An diese Schilderung schloss Fedor Görwitz den Aufruf zur Bücherverbrennung an: »Die Schilderung der höchst traurigen Erfahrungen Thieme's mit diesen Schriften hat uns tief erschüttert. Die Lorber'schen und ähnliche spiritistische Schriften sind besonders gefährlich für vereinzelte Leser der Schriften Swedenborgs, die des Schutzes der kirchlichen Gemeinschaft entbehren, und sich durch eine scheinbare Verwandtschaft mit den gottgegebenen Schriften der Neuen Kirche täuschen lassen. Es ist die Pflicht der Vertreter der Neuen Kirche und insbesondere des kirchlichen Lehramtes, vor diesen Schriften zu warnen. Wir möchten allen Freunden, die sich etwa im Besitz solcher Schriften befinden mögen, den Rath geben: Folgt dem Beispiele Thieme's, und verbrennt sie; sie sind unlautern Ursprungs. Die Schriften Swedenborgs sind heilige Wahrheit, die spiritistischen Schriften sind Trug. In den Schriften des gottgesandten Swedenborg umweht uns erquickende reine Himmelsluft, in den spiritistischen Schriften eine unreine, betäubende, phantastische Sphäre.« (aaO., Seite 173).
[17] Der biographischen åbersicht liegen die folgenden Veröffentlichungen zu Grunde: Michael Junge, Dokumentation um Jakob Lorber, Düsseldorf 2004. Begegnung mit dem prophetischen Werk Jakob Lorbers: Gedenkschrift des Lorber-Verlags zum 150. Jahr der Berufung Jakob Lorbers zum »Schreibknecht Gottes«, Bietigheim 1990. Neue Prophetie, Bietigheim 1960. 125 Jahre Lorber Verlag. 100 Jahre in Bietigheim, Bietigheim 1979.
[18] Abwehr des falschen Zeugnisses eines neukirchlichen General-Pastors gegen die christliche Neu-Theosophie. Allen Wahrheitsfreunden besonders denen der neuen Kirche dargereicht von Adalbert Jantschowitsch, hrsg. von Christoph Friedrich Landbeck, Bietigheim 1903, S. XVI.
[19] Im Boten der Neuen Kirche sind die Landbeck'schen Sendungen vermerkt: »›Der große Advent‹ ist der Titel der neuesten Publikation aus dem Verlage von Joh. Busch, Nachf. in Bietigheim, Württemberg, Deutschland. Es ist dies eine Sammlung von Blättern, zum Verständnis der Wiederkunft Jesu Christi, mit einem Anhang über den Antichrist und das tausendjährige Reich. - Aus demselben Verlage ging uns zu: ›Das Evangelium des Jakobus, enthaltend die Jugendgeschichte unsers Heilandes Jesu Christi‹, sowie auch ›Jesu Briefwechsel mit Abgarus, König von Edessa‹, beides Werke, in welchen das Lehrsystem der neutheosophischen Richtung entwickelt wird.« (Bote der Neuen Kirche 1.5.1890, Seite 135). »Aus dem Verlage von C. F. Landbeck in Bietigheim (Wtbg.) gingen uns verschiedene Werke zu. Zwei derselben sind hübsch in Leinwand gebunden, die andern in Pamphletform. Das erste Werk umfaßt 224 Seiten und behandelt ›Schöpfungsgeheimnisse‹, und werden darin die Naturkräfte, wie Licht, Luft, Wasser u. s. f. in ihren Beziehungen zu geistigen Dingen erforscht. Das Kapitel über die ›Pyramiden‹ und das über das ›Kreuz‹ in der Schöpfung haben uns sehr gut gefallen, obgleich wir vielleicht nicht mit allen darin gezogenen Schlüssen übereinstimmen können. Das zweite Werk umfaßt 252 Seiten und trägt den Titel ›Vaterbriefe‹. Dasselbe bietet keine zentrale Ideen, sondern schließt viele Ermahnungen und Rathschläge an die Menschheit ein. Das eine Pamphlet (32 Seiten) heißt ›Winke über die Unsterblichkeit der Menschenseele und vom Wiedersehen jenseits‹, während das Andere die Menschwerdung des Herrn auf Erden als Mittelpunkt hat, und derselben und dem Erdenleben des Herrn die vollgültige historische Wichtigkeit und Richtigkeit beweist.« (Bote 15.10.1890, Seite 32). »Aus dem Verlag von C. F. Landbeck, Bietigheim a. E., Württemberg, Deutschland gingen uns einige Traktate zu, darunter ein ›Verloren gegangener Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Laodicea‹. Derselbe ist in ähnlichem Style geschrieben, wie die andern; es ist aber unter diesem Titel nicht ein archäologischer Fund zu suchen, sondern eine ›Wiedergabe‹ durch Jakob Lorber.« (Bote 15.2.1891; Seite 95). »Aus dem Verlag von C. F. Landbeck ging uns zu ›das innere, lebendige Wort Gottes‹, eine Abhandlung, in welcher zusammengestellt wird, was viele religiöse Schreiber über den innern Geist der Schrift geschrieben und geredet haben. Darunter Augustinus, Athanasius, Luther, A. Kempis, Egardus, Joh. Tauler, Arndt und Andere. Swedenborg, obgleich er viele Bände über den wirklichen innern Sinn des heiligen Wortes geschrieben, wird nicht erwähnt.« (Bote 1.10.1891, Seite 23).
[20] Siehe: Pfarrer Fedor Goerwitz, in: MNK Januar 1908, S. 7-13. Zum 100. Geburtstag von Pfarrer Fedor Goerwitz, in: NKM März 1935, S. 37-41.
[21] Das ergibt sich aus der obigen Äußerung von Chr. Fr. Landbeck (siehe: Abwehr …, Bietigheim 1903, S. XVI).
[22] MNK November 1892, Seite 173.
[23] Adolf Ludwig Goerwitz schrieb zum 100. Geburtstag seines Vaters und Amtsvorgängers Fedor Görwitz: »Sein Glaube an die in den Schriften Swedenborgs verkündeten Lehren als göttliche Offenbarungen des Herrn aus dem Worte war echt und tiefbegründet. Darin wurzelte sein ehrfürchtiges Wachen über ihre Reinhaltung.« (NKM März 1935, Seite 39).
[24] MNK Dezember 1898, Seite 183.
[25] MNK Dezember 1898, Seite 186.
[26] Zur Biografie siehe: Schriftsteller Adalbert Jantschowitsch, in: Bote der Neuen Kirche, 1. Februar 1902, S. 1; Nachruf in MNK Oktober 1912, S. 185f.
[27] Mir sind die folgenden zwei Publikationen von Adalbert Jantschowitsch bekannt: »Eine Frauen-Heilsbotschaft vom Herrn« (Bote 1.10.1902, Seite 15; 1.11.1902, Seite 30; 1.12.1902, Seite 47-48; 1.2.1903, Seite 71-72). »Abwehr des falschen Zeugnisses eines neukirchlichen General-Pastors gegen die christliche Neu-Theosophie«, Budapest, Januar 1903.
[28] MNK Dezember 1902, Seite 197f.
[29] MNK Dezember 1904, Seite 194.
[30] Mir liegt dieser Brief in einer Fotokopie ohne Quellenangabe vor.
[31] Abwehr des falschen Zeugnisses eines neukirchlichen General-Pastors gegen die christliche Neu-Theosofie, hrsg. von Christoph Friedrich Landbeck, Bietigheim 1903, Seite 98.
[32] Abwehr des falschen Zeugnisses eines neukirchlichen General-Pastors gegen die christliche Neu-Theosofie, hrsg. von Christoph Friedrich Landbeck, Bietigheim 1903, Seite 102. Für den Vergleich der Lehrsysteme mit Sprachen kann man sich beispielsweise auf Swedenborgs Auslegung der Erzählung von Turmbau zu Babel berufen (HG 1284). Man darf in diesem Zusammenhang auch an oft zitierte »ökumenische« Worte Swedenborg denken (siehe HG 1799, 1834).
[33] MNK Dezember 1902, Seite 199.
[34] MNK Dezember 1898, Seite 185.
[35] Mir liegt die dritte erweiterte Auflage Bietigheim 1913 vor.
[36] Damals »vernahmen« »Leah (10) und Kate (12)« »im Haus ihres Vaters, des Farmers John Fox, in Hydesville bei Rochester (USA) merkwürdige Klopflaute und andere Geräusche. Eine Untersuchungskommission aus den ›gebildetsten Bewohnern‹ Rochesters … konnte die Klopftöne nicht natürlich erklären. Als ein pfiffiger Nachbar, Isaak Port, ein Klopf-ABC erfunden hatte, wurde ein Gespräch mit dem Geist möglich. Er erzählte, er habe als Kaufmann in dem Haus Fox gelebt und sei ermordet im Keller verscharrt worden. Man grub nach und fand ein Skelett.« (Kurt Hutten, Seher, Grübler, Enthusiasten: Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen, Stuttgart 1989, Seite 722).
[37] Die Gefährlichkeit des Redens mit Geistern geht auch aus einem Schreiben Swedenborgs an Ludwig IX, den Landgrafen von Hessen-Darmstadt, hervor: »Es wird zwar wohl bisweilen gestattet, dass ein Geist bei einem Menschen eingehe, und ihm irgendeine Wahrheit kundtue oder mitteile, aber es wird diesem Menschen nicht gestattet, von Mund zu Mund mit dem Geiste zu reden. Es ist dies auch eine sehr gefährliche Sache, besonders wenn der Geist in die Neigung der Eigenliebe eingeht, welche Neigung sich nicht verträgt mit der himmlischen Liebe.« (Leben und Lehre, 1. Teil, Seite 63).
[38] In OT 1 (1989) 26 schreibt F. Horn: »Man findet bei ihm [Swedenborg] zahlreiche Warnungen vor dem Spiritismus … Den Landgrafen von Hessen … warnt er ungeniert, wer versuche, von sich aus in die geistige Welt einzudringen, begebe sich des unerläßlichen Schutzes des Herrn; es sei dies ›der kürzeste Weg ins Irrenhaus‹.« Hier liegen zwei Irrtümer vor. Erstens ist dieses Wort nicht im Briefwechsel Swedenborgs mit den Landgrafen enthalten, sondern in Robsahm's Memoiren. Dort lautet es: »In einer Unterredung mit ihm fragte ich ihn einmal, ob es möglich sei, daß jemand zu derselben geistigen Stufe gelange, auf welcher er sich befinde? Er erwiderte: ›Nehmen Sie sich in Acht davor; dies ist ein Weg, der gerade zum Irrenhause führt; denn der Mensch weiß in solchem Zustande, wenn er über geistige und geheimnisvolle Dinge grübelt, sich nicht zu behüten vor den Betrügereien der Hölle, welche eben dann Gelegenheit bekommen, ihn anzufechten, wenn er als bloß natürlicher Mensch durch eigenes Spekulieren die himmlischen Dinge, welche seinen Begriff übersteigen, erforschen will‹.« (Leben und Lehre, 1. Teil, Seite 12). Aus diesem Zitat geht auch der zweite Irrtum hervor. Die Aussage Swedenborgs steht nicht im Zusammenhang des Spiritismus, sondern des Grübelns über geistige (= metaphysische) Dinge.
[39] Briefe von Dr. J. F. Immanuel Tafel an Fräulein Julie Conring … Herausgegeben und Freunden gewidmet von J. G. Mittnacht, Frankfurt am Main 1881, S. 13f. Vgl. auch Leben und Wirken von Dr. Joh. Fr. Immanuel Tafel …, Herausgegeben und bevorwortet von Christian Düberg, Wismar 1864, S. 65-71. Zum Umfeld der Wiener Seherin gehören nach Düberg Dr. M. und Dr. K. In einem geschichtlichen Kalender der Neuen Kirche in Wien findet sich neben der Jahreszahl 1855 die Notiz: »Dr. Johannes Koch und Karl Markl führen die Neukirchenbekenner durch ihre falsche Auffassung der Lehren auf Irrwege.«
[40] Auf Fedor Görwitz folgte Adolf Ludwig Görwitz (1885-1956), auf den ich jedoch nicht eingehe, weil er die Linie seines Vaters nur fortsetzte, indem er »in den Lorber'schen Schriften keine Diktate des Herrn Jesus Christus erblicken« (NKM Januar/Februar 1945, Seite 17) konnte, sondern sie auf einen »Truggeist« (NKM Januar/Februar 1945, Seite 15) zurückführte.
[41] OT 5 (1993) 217. Siehe auch die folgende Beschreibung desselben Vorgangs: »Ich habe das [die Behauptung der größeren Vollkommenheit Lorbers gegenüber Swedenborgs] vor mehr als einem halben Jahrhundert in der Form erfahren müssen, daß mir eine sehr verehrungswürdige, über 80-jährige Lorber-Anhängerin einzureden suchte, Swedenborg sei ja ganz gut und schön, aber er sei eben nur der ›Grundschullehrer‹, Lorber hingegen der ›Hochschullehrer‹ - eine Wertung, die mir angesichts dessen, was sie mir von Lorber zu lesen gab, nicht einleuchten wollte. Mir schien es eher umgekehrt zu sein.« (OT 5 (1997) 187).
[42] Einen åberblick der Stationen seiner Begegnung mit Lorberfreunden bietet Horn in OT 5 (1997) 187-189. Ihm wurde außerdem die Ehre zuteil, in der »Gedenkschrift des Lorber-Verlags zum 150. Jahr der Berufung Jakob Lorbers zum ›Schreibknecht Gottes‹« (1990) mit einem Beitrag über »Gedanken zum Gottesbild bei Emanuel Swedenborg und Jakob Lorber« aufgenommen zu werden.
[43] OT 5 (1997) 188.
[44] Wenigstens in der Fußnote möchte ich Friedemann Horn selbst zu Wort kommen lassen: »Welche Möglichkeit gibt es denn aber, den Anspruch der Lorberschen Diktate, unmittelbar vom Herrn selbst zu stammen, zu überprüfen? Sie ergibt sich aus der Anwendung zweier Forderungen, die grundsätzlich an jede göttliche Offenbarung gestellt werden müssen: a) Gott kann sich nicht irren, und b) Gott kann sich im Kern nicht widersprechen (was Widersprüche im Buchstaben, die mit der ungeheuren Spannung der zu offenbarenden Wahrheit und der menschlichen Beschaffenheit des jeweiligen Offenbarungswerkzeugs zusammenhängen, nicht ausschließt).« (Friedemann Horn, Zum Problem der Offenbarungskritik: Am Beispiel von Swedenborg und Lorber, 1984, 24).
[45] OT 1 (1977) 28.
[46] Pfr. Werner Schmidt (gest. 1975, Neukirchenblatt) trug eine »Analyse der Schriften Lorbers« vor, Pfr. Horand Gutfeld (1922-1997, Neukirchenblatt 1998) machte auf »Widersprüche bei Lorber und zwischen Lorber und Swedenborg« aufmerksam und Pfr. Friedemann Horn umriss »Unsere Beziehungen zu den Lorberianern«.
Abgeschlossen am 16. September 2008