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Sag Ja zum Himmelreich

Thomas Noack

»Dein Reich komme.« So beten wir im Unservater. So bitten wir Sonntag für Sonntag um das Kommen seines Reiches. Und wir sind felsenfest überzeugt: Wir würden sein Reich begrüßen. Wir würden Ja sagen. Denn wir bitten ja darum, am Sonntagmorgen in der Kirche.

Doch nun ist das Himmelreich in diesem Gleichnis plötzlich gegenwärtig. Nun hat es Gestalt angenommen. So also verhält es sich mit seinem Reich. Alle empfangen denselben Lohn. Die Ersten und die Letzten. Wir hier in der Kirche und die vielen Menschen, die am Sonntagmorgen noch in den Betten liegen, und sich von Gottes Wort nicht in die Kirche rufen lassen. Jedenfalls nicht so früh. Auch die empfangen denselben Lohn, wenn sie sich nur irgendwann rufen lassen.

Wir haben sie (Corinne) gehört. Früh hat sie sich rufen lassen. Und am Ende? Ein Aufschrei der Entrüstung. Aber auch wir sind nicht viel besser. Auch wir fragen uns: Wollen wir dieses Himmelreich wirklich? Alle denselben Lohn? Freuen wir uns darüber oder murren wir, - auch wir, die wir beten, bitten und betteln: »Dein Reich komme«?

Seien wir ehrlich! Dieser Gutsbesitzer, der bringt auch unser Blut ganz schön in Wallung. Das ist doch ungerecht, sagen wir. Er erscheint, der gütige Herr, und wir sollen uns ändern, nicht er. Wir sollen unser Sinnen und Trachten hinterfragen, überprüfen und korrigieren. Wir sollen umdenken und umkehren. Wir sollen uns nicht so aufregen.

»Wer nur den lieben Gott lässt walten …« Doch das ist, wie wir (da unten) gesehen und gehört haben, gar nicht so einfach. Die Letzten freuen sich natürlich, klar. Aber die Ersten müssen mitansehen, wie alle denselben Lohn empfangen, von diesem gnädigen Herrn Gutsbesitzer. 

Doch er ist der Herr des Himmels und bestimmt den Lauf der Dinge. Er ist die Gnadensonne, die aufgeht in ihrer Kraft. Sie geht auf und uns schießt das Blut ins Haupt. Sie geht auf und wir sehen Rot.

Dieses Naturschauspiel können wir jeden Morgen beobachten. Die Sonne geht auf und wir sehen Rot, das Morgenrot. Und wir spüren, tief in uns: Das ist doch eigentlich ein wunderbares Evangelium. Denn jedes Morgenrot verkündet uns den Sieg der großen Güte Gottes über die Mächte der Finsternis.

Wir beten: »Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.« Und wenn sein Wille geschieht, dann ist das Geschrei groß. Dann wollen wir diesen Tagesanbruch verhindern, dann denken wir: Wenn wir alle denselben Lohn erhalten, dann brauchen wir alle ja erst um die elfte Stunde erscheinen, Halleluja. Laßt uns seiner Güte den Boden entziehen und wieder unsere Ordnung einführen, gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Packen wir's an!

Doch das geht nun nicht mehr. Denn die Gnadensonne ist aufgegangen, heute morgen, hier in der Kirche, in diesem Gleichnis. Zwar ist es am Horizont, wo Himmel und Erde so unvermittelt und hart zusammenstoßen, noch rot. Zwar sehen wir in unseren Gemütern noch das grimmige Rot des großen Kampfes zwischen Licht und Finsternis, aber soviel ist uns allen klar: Wir können der Sonne ihren Lauf nicht vorschreiben. Sie wird den Zenit erreichen. Wir können die große Himmelssonne nicht bewegen, sie bewegt uns.

Trotz Rebellion bewegen uns die Worte dieses gütigen Gutsbesitzers. Sie lassen uns nicht kalt. Sie rühren uns an. Wir öffnen unsere Ohren. Denn nun verschafft er sich Gehör und spricht zu uns: »Freund, ich behandle dich nicht ungerecht; bist du nicht mit mir um einen Denar übereingekommen?«

Wollen wir ihm wirklich Ungerechtigkeit vorwerfen? Den Bund, den er schon früh mit uns geschlossen hat, den hat er gewiss nicht gebrochen. Der Vorwurf, den wir ihm machen, der fällt auf uns zurück. Das Gesetz klagt uns an. Wir wittern überall Ungerechtigkeit, weil wir selbst ungerecht sind.

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das klingt gut, das schließt aber auch in sich: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Auch das ist gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Seine Gnade bricht das Gesetz nicht, oh nein, aber sie bringt es zum Schmelzen wie der Frühling den Schnee des kalten, lieblosen Winters, so dass aus diesem Schnee das lebendige Wasser frei fließender Erbarmungen wird.

Er spricht: »Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?«

Mit dem Meinem, sagt er. Wem gehören Himmel und Erde und alles, was auf ihr zu finden ist? Wer hat all das erschaffen? Die Berge, die Hügel, die Tiere, die Pflanzen, die Gräser.

Als Lohnarbeiter mag uns vielleicht der Lohn gehören, aber mehr auch nicht. Mit dem Lohn in der Tasche ziehen wir vergnügt von dannen und verlieren ihn aus den Augen. Und er schaut uns nach, - mit einer Träne im Auge.

Wollen wir denn ewig nur seine Lohnarbeiter bleiben? Oder wollen wir seine Kinder werden? Wir beten doch: »Unser Vater im Himmel«, also wollen wir seine Kinder werden. Deswegen weg mit der Verdienstmentalität! Die Liebe unserer Eltern, die haben wir uns nie verdient, die haben sie uns einfach so geschenkt. Und so macht es auch unser Vater im Himmel.

Was den Knechten verschlossen bleibt, das steht den Kindern offen, das Herz ihres Vaters. Weil sie nichts ihr eigen nennen, deswegen dürfen sie alles ihr eigen nennen: das ganze Herz ihres Vaters, es schlägt nur für sie, für seine Kinder.

Solange wir noch meinen, einen Anspruch auf dies und das zu haben, sind wir allesamt noch armselige Knechte. Und manchmal eben auch murrende, wenn wir nämlich wieder einmal erfahren müssen, dass unser Vater im Himmel alle seine Kinder gleich behandelt. Uns allen gibt er alles, was wir zum Leben brauchen, seine Güte, seine Wärme, sein Licht, die Luft zum Atmen, unser täglich Brot.

Er spricht: »Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?« »Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!«

Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Gleichermaßen. Und deswegen verfinstert sich unser Gemüt? Deswegen ziehen Neid und Mißgunst auf? Diese finsteren Gewitterwolken? Wenn schon vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind, warum sollen sie dann nicht erst recht vor seiner großen Güte alle gleich viel wert sein?

(Zu Corinne gewandt)

Du Corinne, die du als erste im Weinberg warst: Bedenke dies! Dein Widerstand gegen diesen gütigen Gutsbesitzer ist dein Widerstand gegen das Himmelreich. Sag Ja zum Himmelreich! Gib deinen Widerstand auf! Es ist dir so nahe gekommen. Lasse dich besiegen von der großen Güte Gottes.